Mugabe: Die Militärs und der Übervater | Afrika | DW | 17.11.2017
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Simbabwe nach dem Putsch

Mugabe: Die Militärs und der Übervater

Er ist ihr Held, ihr Symbol, ihre Legende. Und zugleich ist Robert Mugabe ein alter Mann, der seit Jahrzehnten sein Land tyrannisiert. Trauen sich die Generäle in Simbabwe, die Ikone vollends zu stürzen?

Sie nennen es Hausarrest, aber Robert Mugabe kann problemlos von seiner Residenz zur Abschlussfeier der Graduierten der Zimbabwe Open University fahren. Sie sagen, es sei kein Putsch, aber Parlament, Flughafen und Staatsfunk sind von Soldaten besetzt. Sie wollen die "Kriminellen rund um Mugabe" loswerden, aber eigentlich geht es darum, den greisen Diktator selbst abzusetzen. Leiden die Generäle, die in Simbabwe derzeit das Sagen haben, unter einem gespaltenen Selbst?

Was die militärischen Machthaber rund um General Constantino Chiwenga in Harare treiben, gleicht einer Freudschen Brüderhorde, die kurz vor dem Vatermord innehält. "Das Militär befindet sich eben in einer sehr schwierigen Situation", sagt Sabelo Ndlovu-Gatsheni, Forschungsdirektor der Universität von Südafrika in Pretoria. Der Historiker stammt aus Simbabwe und forscht unter anderem zur Geschichte des dortigen Befreiungskampfes.

"Es gibt keinen Weg zurück"

"Mugabe steht für die anti-kolonialistische Tradition der Befreiungsbewegung", so Ndlovu-Gatsheni im DW-Gespräch. "Diese Geschichte bestimmt auch die Identität der Generäle. Ihn loszuwerden, zu demütigen, in Schimpf und Schande davon zu treiben, fällt ihnen deshalb so schwer." Mugabe nutze das aus, um noch einen möglichst guten Deal für seine Frau Grace und sich selbst herauszuholen. "Das geht, weil sie seinen Nimbus des Befreiungskämpfers nicht antasten können."

Afrika Präsident Robert Mugabe trifft Verteidigungsminister Costatino Chiwenga (picture alliance/dpa/Zumapress)

Nie frei von Spannungen: Robert Mugabe und General Costantino Chiwenga am 15. August 2017

Mugabe und seine Militärs - diese Beziehung sei nie frei von Spannungen gewesen, sagt der Historiker. "Mugabe wollte die Waffenträger gleichzeitig im Zaum halten und für seine Zwecke nutzen", so Ndlovu-Gatsheni. So hat Mugabe die Kriegsveteranen aus dem Befreiungskampf immer für seine politischen Zwecke eingespannt, jahrzehntelang galten sie als Rückgrat seiner Macht. Das hat sich nun geändert. "Wir wollen unsere Ehre wiederherstellen", sagte Christopher Mutsvangwa, Chef der einflussreichen Vereinigung der Kriegsveteranen am Freitag. "Es gibt keinen Weg zurück zu Mugabe."

"Der Stift kann nie stärker sein als die Waffe"

Simbabwe als Militärstaat zu bezeichnen wäre nicht ganz falsch. Das Militär ist nicht nur für die Sicherheit des Landes und die Unterdrückung oppositioneller Gedanken zuständig, es kontrolliert auch weite Teile der maroden Wirtschaft. Politiker und Generäle schieben sich gegenseitig die Pfründe zu. Offiziere konnten bislang darauf setzen, dass sich nach loyalem Dienst schon irgendwo eine schöne Farm für sie finden lassen würde.

Im Gegenzug halfen sie Mugabe, wo sie konnten: Im Jahr 2008 etwa organisierte das Militär den Wahlkampf des Präsidenten. "Ein Land, das wir mit der Waffe in der Hand gewonnen haben, wird uns nicht mit den Strichen eines Stiftes [auf einem Wahlzettel, d. Red.] entrissen", sagte Mugabe damals. "Der Stift kann nie stärker sein als die Waffe".

"Der Frühlingsregen wäscht die Spreu weg"

Im Befreiungskampf gegen die weiße Minderheitenherrschaft der 1960er- und 1970er-Jahre war Robert Mugabe eher so etwas wie der intellektuelle Anführer gewesen. Er hatte keine militärische Ausbildung und kämpfte nie selbst, auch wenn er schließlich die Zimbabwe African National Liberation Army kommandierte. "Dabei hat er eine Rhetorik entwickelt, die militaristischer war als die der Kämpfer selbst", sagt Ndlovu-Gatsheni.

Simbabwe - ZALA Freiheitskämpfer (Getty Images/AFP)

Schwarzer Befreiungskampf: Die Zeit des "struggle" wird immer wieder beschworen

Es sollte auch nach Ende des Befreiungskrieges nicht bei Worten bleiben. "Gukurahundi" ist ein Wort der in Simbabwe verbreiteten Sprache Shona und bedeutet etwa so viel wie "Der Frühlingsregen wäscht die Spreu weg". Mit diesem Euphemismus bezeichneten Mugabe und seine militärischen Handlanger den tausendfachen Mord an der Ndebele-Minderheit in den 1980er-Jahren. Dem folgten weitere Militäraktionen gegen jeden, der zu weit von der Linie der regierenden ZANU-PF abwich.

"Wenn der alte Mann erst weg ist"

"Auch die militärische Aktion, die gerade stattfindet, steht in dieser Tradition", sagt Ndlovu-Gatsheni. "Dabei geht es diesmal darum, diejenigen von der Macht fernzuhalten, die nicht im Befreiungskampf mitgewirkt haben, die sich der Partei erst später angeschlossen haben." Gemeint ist damit vor allem Grace Mugabe, die zweite Ehefrau des Präsidenten. Sie hatte zuletzt immer klarer gezeigt, dass sie Ambitionen auf die Nachfolge ihres Mannes hat.

Noch ist Simbabwe den Übervater nicht los, der das Land in die Unabhängigkeit führte und 37 Jahre lang nicht von der Macht lassen konnte. Wie ein tyrannischer Vater sein minderjähriges Kind, so behandelte Mugabe schließlich ein ganzes Volk. "Wenn der alte Mann erst einmal weg ist" - mit diesem Satz haben viele Simbabwer in den letzten Jahren ihre Vorstellungen von der Zukunft eingeleitet. Doch selbst wenn die Generäle schließlich ernst machen und Mugabe vom Thron stürzen: Die Vormachtstellung des Militärs in der simbabwischen Gesellschaft dürfte das nur weiter zementieren. Einer Demokratie wäre das Land damit keinen Zentimeter näher.

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