1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Sport

Motordoping: Das Rad der ewigen Jugend

Elektromotoren in Rennrädern gibt es seit längerem. Ob auch im Wettkampf, ist unklar. Beim Giro d'Italia schwankt die Stimmungslage zwischen der Hoffnung, dass alles gut sei und dem Befürchten des Gegenteils.

Empoli, im Fahrradladen Bhoss Cycling. Eine knappe Stunde vom diesjährigen Giro-Parcours durch die Toskana entfernt liegt das Geschäft von Alessandro Bartoli. Ein Fahrradrahmen ist in der Werkstatt aufgebockt. Kabel ragen heraus. Die aus dem Sitzrohr führen zu einem Motor. Die aus dem Unterrohr gehören zur Batterie. Bartoli baut hier Vivax-Motoren ein. Wenn alles fertig ist, ist von außen nichts mehr zu sehen. Doch es ist kein Rad wie jedes andere. Denn die Kurbel wird von einem Motor angetrieben. "Der Motor ist auf 250 Watt ausgelegt. Zwischen 120 und 140 Watt kommen am Hinterrad an", erzählt Bartoli. Stolz verweist er darauf, dass seine Lösung, die Batterie im Rahmen zu verstecken, nicht nur optisch ein Gewinn ist, sondern auch die Reichweite erhöht. "Die Batterie in der Werkzeugtasche reicht nur 50 Minuten, weil sie klein ist. Die in der Trinkflasche hält 90 Minuten. Wir hingegen kommen auf etwa drei Stunden", streicht er die Vorteile seines Produkts gegenüber anderen Anbietern heraus.

Die Warteliste bei ihm betrage mehrere Monate, sagt er. Denn pro Woche schafft er nur zwei Räder. Das liegt zum einen an den Kapazitäten seiner Werkstatt. Er fertigt selbst die Rahmen an, nach dem Körpermaß des Kunden. Und auch die Lieferzeiten der Batterien sind ein limitierender Faktor. "Die Batterien werden in Norditalien hergestellt. Auch dort schaffen sie nicht mehr als zwei pro Woche. Auch sie werden an die Rahmengröße angepasst", erzählt Bartoli.

Werbespruch: Das Rad für die ewige Jugend

Seine Kunden seien zu 99 Prozent Radamateure, versichert er. Er geht zu einer Fotowand in seinem Laden, die Radfahrer auf Passhöhen zeigt. "Dieser Mann hier ist 72 Jahre alt", sagt er und zeigt auf einen Graukopf. "Er ist auf dem Stilfser Joch und auf dem Gavia-Pass. Das ist unsere typische Klientel. Bald kommt unsere neue Werbung heraus: 'Das ist das Rad der ewigen Jugend.' Denn dieser Mann ging 20 Jahre lang nicht mehr in die Dolomiten. Mit diesen Rad macht er das aber wieder. Das ist doch eine noble Sache."

Alessandro Bartoli - Ladenbesitzer (Foto: DW/Tom Mustroph 10.02.2016)

Ladenbesitzer Bartoli: Batterie hält drei Stunden

"Ewige Jugend" - welch ein Versprechen. Und natürlich ist es schön, dass mit Hilfe des Motors Radveteranen wieder mit den Jungen mithalten können und manch Untrainierter sich den Kosmos Radsport neu erschließt. Bartoli selbst, ein ehemaliger Radamateur, schließt sich mit seinem neuen E-Bike Trainingsgruppen von Profis an - und ist sichtlich stolz darauf, wieder dazuzugehören. Selbst es wenn es ein Dazugehören mit Prothese ist. Dass Profis wiederum seine Räder nicht in Wettkämpfen benutzen, kann Bartoli nicht ausschließen.

Verdachtsmomente im Profibereich

Die Wärmebildaufnahmen, die ein französisches Fernsehteam bei dem Frühjahrsrennen Strade Bianche machten, zeigten Hitzentwicklungen genau dort, wo Bartolis Vivax-Motoren sitzen. Und wo die Motoren des ungarischen Ingenieurs Istvan Varjas befestigt sind. Varjas baut seit den frühen Nullerjahren Motoren. Ursprünglich für beinamputierte Veteranen des Jugoslawienkriegs, erzählte er dem französischen Fernsehen. Er sagt ganz offen, dass zu seinen Klienten auch Radprofis gehören. Mit einem Motor erwischt wurde bisher aber nur die belgische Crossfahrerin Femke Van Den Driessche.

bhoss cycling Laden in Empoli (Foto: DW/Tom Mustroph 10.02.2016)

So klein und doch so effektiv: Der eingebaute Motor im Rahmen eines Fahrrades

Dass ausgerechnet eine Juniorin Vorreiterin im E-Doping ist, mag niemand glauben. Jean-Pierre Verdy, der frühere Chef der französischen Antidopingagentur AFLD, geht von etwa einem Dutzend Rädern mit Motoren bei der letzten Tour de France aus.

Betrugsrisiko: Zu viele Mitwisser

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass Räder mit Motoren im Peloton des aktuellen Giro d'Italia unterwegs sind? Nikias Arndt, Giro-Teilnehmer für Team Giant Alpecin, hält die Wahrscheinlichkeit für "eher gering". Er schränkt aber ein: "Das sieht jeder wirklich anders. Wir im Team haben auch darüber gesprochen. Wir glauben nicht so wirklich dran. Aber es kam bestimmt vor."

Dass zumindest die Gefahr real ist, ist mittlerweile vorherrschende Meinung. Deshalb werden auch die Kontrollen der UCI begrüßt. Von Rennfahrern wie Nikias Arndt: "Unser Team ist hier bei zwei Etappen kontrolliert worden, dem Zeitfahren sowieso. Und dann kamen sie noch bei einer Etappe vorbei und haben die Räder abgeleuchtet mit ihrem I-Pad. Es ist gut, denke ich. Kontrolle ist besser."

Sportliche Leiter denken ähnlich. "Um ehrlich zu sein, ich bin froh, dass es die Kontrollen gibt", sagt Tristan Hoffman, Sportlicher Leiter von Tinkoff. Obwohl Hoffman die Kontrollen für notwendig hält, wehrt er sich doch gegen die Vorstellung, die Motoren könnten tatsächlich eingesetzt sein. "Wenn du als Team einen Motor einbauen willst, dann müssen da zehn Leute Bescheid wissen: der Ausrüster, der Mechaniker, der Sportdirektor - ich glaube das nicht", meint er - und fügt hinzu: "Aber es ist gut, dass sie kontrollieren. Hoffen wir, dass niemand so dämlich ist, das zu versuchen."

Ein kleiner Trost bleibt. Der Einsatz im Wettkampf ist gar nicht so einfach. Denn Motor und Batterie sind zwar nicht mehr zu sehen. Zu hören ist ein Surren aber doch. Deshalb: Ohren auf im Straßenrennen.