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Alltagsdeutsch – Podcast

Moto Cross

Beim Moto Cross durften Frauen und Mädchen früher nur die Wunden ihres Liebsten pflegen, um seine Knochen bangen und Kaffee kochen. Inzwischen fahren sie selber - und zwar ziemlich gut und mit viel Begeisterung.

Moto-Cross-Fahrerin:

"Also, eigentlich sollte nur mein Bruder Moto Cross fahren, ich hab' vorher Ballett gemacht. Und als mein Bruder gefahren ist, fand ich es einfach so faszinierend und bin dann auch gefahren. Und dann hab' ich es ein paar Mal probiert."

Sprecherin:
Eine sanfte Hügellandschaft mit Laubbäumen und Büschen, ein paar Kühe auf den Wiesen gegenüber. Wassersprüher berieseln die staubige Moto-Cross-Strecke Kleinhau in der Eifel. Überall sieht man die schrillbunten, Heuschrecken ähnlichen Cross-Motorräder. Mittendrin ein paar Mädchen, Shanna 17, Kirsten 13 und Nathalie 15 Jahre alt.

Shanna:

"Das Tolle am Moto Cross ist eben die Schnelligkeit und die Sprünge, das macht einfach Spass."

Kirsten:

"Ich habe hier bessere Freundschaften als zu Hause, und es macht mir einfach Spaß, hierhin zu kommen und mit meinen Freunden hier einfach zu lachen und so und auch natürlich das Fahren, das macht auch total Spaß."

Sprecher:
Ihre Klassenkameradinnen gehen nach der Schule in die Stadt, machen einen Einkaufsbummel, erzählen sich von den neusten Schminktipps und Boygroups. Die Mädchen aber fahren lieber Moto Cross. Sie finden den Motorsport toll und haben total Spaß dabei. Spaß kommt aus dem Italienischen und bedeutet Vergnügen und Zeitvertreib. Die Jugendlichen in Deutschland schätzen es, sich zu vergnügen, deshalb nennt man sie auch die "Spaß-Generation". In ihrer Umgangssprache setzen sie häufig ein "total" oder ein "einfach" vor Wörter, um diese zu intensivieren. Also macht etwas total Spaß, ist einfach super, oder man lacht einfach. Das ganze Leben soll am liebsten ein unbeschwerter Spaß sein. Und den haben die Mädchen beim Moto Cross.

Motorengeräusch

Sprecherin:
Das Revier der Moto-Crosser von Grevenbroich, mitten im Tagebaugebiet Garzweiler. Es sieht aus wie eine Kraterlandschaft auf dem Mond: ein riesiges Loch, an den Hängen leicht bewachsen, grau-schwarzer Sand schaut dazwischen hervor, der ebenfalls den Boden bedeckt. In einem Container mit Klimaanlage und Kühlschrank sitzt auf einem Barhocker Silke Lauten, 29 Jahre. Sie ist Pharmareferentin. Auch sie fährt Moto Cross:

Silke Lauten:

"Das Hobby ist eigentlich so das Nonplusultra, das I-Tüpfelchen überhaupt so zum Ausgleich zu dem Ganzen, was ich da also mache, der Stress im Job, und das ist einfach der Ausgleich. Die Energie, die man hier rein steckt, die kann man eigentlich nirgendwo anders reinstecken. Und das ist eigentlich das, was ich auch daran mag. Auch das ganze Drumherum, nicht nur das Fahren selber, sondern die Leute, und auch das Arbeiten hier im Verein, das macht einfach irrsinnig viel Spaß."

Sprecher:
Silke Lauten fährt noch nicht lange Motorrad. Den Führerschein hat sie mit 25 gemacht, gleich mit der Absicht, Moto Cross zu fahren, das Nonplusultra für sie. "Non plus ultra" kommt aus dem Lateinischen und heißt wörtlich: "nicht noch weiter". Das bedeutet in Silkes Fall, dass der Sport für sie das Unübertreffbare, Unvergleichliche ist. Und wie auf den Buchstaben "i" das Tüpfelchen gehört, der I-Punkt, so ist für sie Moto Cross das I-Tüpfelchen zum Ausgleich für ihr anstrengendes Berufsleben.

Silke Lauten:

"Ja, das Faszinierende ist eigentlich so, bis an seine Grenzen zu gehen. Und ohne, ja, irgendjemanden anders dabei einzuschränken oder halt ein Tier, sag' ich mal - ich kenne es noch vom Military-Reiten - halt ein Tier mit in Anspruch zu nehmen. Sondern es ist effektiv dein Körper und eine Maschine, und alles andere spielt keine Rolle."

Sprecherin:
Moto Cross ist anstrengend und auch gefährlich. Der Fahrer geht bis an seine Grenzen. Das meint nicht von außen gesteckte Grenzen, sondern die inneren, die der Körper und Geist dem Menschen setzt. Er ist nur für sich selbst verantwortlich und benutzt kein anderes Lebewesen für sein Hobby, nimmt also kein Tier in Anspruch so wie beim Military-Reiten. Er stellt die Forderungen nur an sich selbst. Silke Lauten mag die Herausforderung. Sie hat die dunklen Haare zu Zöpfchen geflochten, trägt ein knappes Oberteil und Shorts. Sie ist durchtrainiert, ein Muss beim Moto Cross.

Silke Lauten:

"Also um wirklich gut dabei zu sein, müsstest du wirklich zwei-, dreimal die Woche trainieren. Das ist natürlich vom Fahren her nicht möglich und deswegen halt auch noch anderes Training, ein bisschen Fitnesstraining halt im Studio, ein bisschen Laufen, ein bisschen Inlinern, Schwimmen gehen, halt alles Mögliche, was halt sich gerade so anbietet. Und dann halt das regelmäßige Trainieren, wenn es die Zeit erlaubt."

Sprecherin:
"Dabei sein ist alles", sagt eine Redensart, und meint, dass das pure Teilnehmen schon zählt. Silke will aber gut dabei sein. Sie hat als Steigerung das "gut" eingeschoben und will also nicht nur bei Rennen teilnehmen, sondern sie auch gewinnen und dabei sicher fahren. Deshalb treibt sie viel anderen Sport. Sie geht zum Fitnesstraining ins Studio. In dieser Sporteinrichtung verbessert sie an speziellen Geräten ihre körperliche Leistungskraft. Auch die jüngeren Mädchen Shanna, Kirsten und Nathalie müssen regelmäßig trainieren:

Shanna:

"Ja, ist schon ziemlich anstrengend, weil man muss eben eine Wahnsinns-Kondition haben - ich habe auch nicht eine so super Kondition, aber es geht eben - weil ein Lauf ist immer 15 Minuten lang plus eine Runde, das strengt schon ziemlich an."

Sprecher:
Moto Cross-Fahren ist so anstrengend, dass man eine Wahnsinns-Kondition haben muss. Wahnsinn bezeichnet eigentlich Geistesgestörtheit. In der heutigen Jugendsprache drückt Wahnsinn in Kombination mit Substantiven eine große Begeisterung für etwas aus - etwa "Wahnsinnsmusik" oder "Wahnsinnsshow". Hier aber meint Shanna im negativen Sinn, dass sie eigentlich schon übermäßig und unangemessen viel trainieren muss, um ausreichend Kondition für den Motorsport zu haben.

Sprecherin:
Etwa 40 Frauen besitzen in Deutschland die Lizenz zum Fahren. Das heißt, sie fahren Rennen. Es gibt allerdings noch immer keine eigene Damenklasse; die Frauen fahren bei den Senioren mit, gewertet wird dann getrennt. Mit Silke, Shanna, Nathalie und Kirsten sind es im großen Umkreis von Nordrhein-Westfalen und den angrenzenden Bundesländern um die 15 bis 20 Frauen, die aktiv sind. Die Mädchen fahren mal bei den Damen, mal in der gemischten Jugendklasse. Und da zählt natürlich nicht nur der Spaß, sondern auch das Siegen:

Natalie:

"Schöne Erlebnisse sind einfach immer für mich, wenn ich vorne fahre auf den ersten drei Plätzen, aber am allerschönsten ist für mich natürlich immer, wenn ich bei den Jungen weit vorne fahre, dann ist das natürlich ein Supererfolgserlebnis."

Silke Lauten:

"Die Männer sind superhilfsbereit, supernett, geben wirklich jede Hilfestellung, die man braucht. Und man wird überhaupt nicht blöd angeguckt, ganz im Gegenteil. Die freuen sich wirklich, wenn sich irgendeine Frau für den Motorsport interessiert."

Sprecher:
Die Männer sind superhilfsbereit und supernett. Silke benutzt das Adjektiv super zur emotionalen Verstärkung der positiven Eigenschaften der Männer. Sie unterstützen die weiblichen Fahrerinnen gerne, sie geben jede Hilfestellung. Silke fühlt sich von ihnen nicht blöde angeguckt. Damit wählt sie genau den richtigen Ausdruck; im Mittelhochdeutschen bedeutete blöde nämlich "schwach, zart". Und genau das ist Silke in den Augen der männlichen Moto Cross-Fahrer nicht; sie haben sie akzeptiert. Umgekehrt ist Silke nicht zimperlich im Umgang mit Männern, man und eben auch frau zieht sich ganz öffentlich am Auto um. Zur Schutzkleidung gehören Brustpanzer, Knie- und Ellenbogenprotektoren, Stiefel mit Stahleinlagen, normale Stoffhose- und Hemd, Handschuhe und Helm. Das Moto Cross-Motorrad ist nicht Straßen-tauglich, sondern nur für das Geländefahren gemacht. Und was passiert, falls mal eine Schraube locker ist?

Silke Lauten:

"Ich schraube mit, aber nur unter Anleitung eines Erfahrenen. Aber ich muss selber mit ran, ja. Also wir haben schon selber Kolben gewechselt, also Ölwechseln, das mache ich alles schon alleine. Reifen wechseln kann ich sogar auch schon alleine, abziehen, aufziehen; also ich muss schon selber viel machen."

Sprecherin:
Silke Lauten hat genug technischen Sachverstand, um am Motorrad etwas zu reparieren - allerdings braucht sie dabei teilweise Unterstützung. Sie schraubt mit, wenn ein Mechaniker etwas repariert und muss mit ran. Das meint umgangssprachlich, dass man eine Aufgabe übernehmen muss. Silke will Motorrad fahren, und dazu gehört auch, dass sie mithelfen muss bei Reparaturen.

Silke Lauten:

"Bei uns hier im Gelände, der Start ist im Tiefsand, es geht etwas bergauf. Es kommen dann Rechts-Links-Kombinationen an Kurven. Da ist es halt so, da wir hier eine Tiefsand-Strecke haben, musst du ja anbremsen und sofort sehr viel Gas wieder geben. Und halt auch ein zügiges Tempo ansonsten halten, weil das sonst mit dem Vorderrad etwas schwierig wird, das gräbt sich sonst so ein, wenn nicht genug Schwung da ist. Und das, was am meisten Spaß macht, ist der Table. Das heißt, das ist so ein großer Sprung, wo es richtig steil bergauf geht mit so einem leichten Absprung oben. Und das Fliegen, das macht einfach irrsinnig Spaß. Das ist zwar nur ein ganz kurzer Moment, aber es macht echt wahnsinnig viel Spaß, obwohl das auch wieder mit das Gefährlichste ist, was halt, wenn du schief aufkommst, dann ein Riesenproblem sein kann für dich und das Motorrad halt."

Sprecher:
Das Moto Cross-Fahren ist dynamisch. Man muss das Fahrzeug anbremsen vor Kurven, die Geschwindigkeit etwas verringern und gibt danach wieder viel Gas, beschleunigt also, damit man ein zügiges Tempo halten kann - der Schnellste gewinnt schließlich. Was Silke Lauten anregend findet, sind die Extreme beim Moto Cross; das wird auch sprachlich in ihren Steigerungen deutlich. Beim großen Sprung "Table" fährt man erst richtig steil bergauf, dann befindet sich das Motorrad samt Fahrer eine Weile in der Luft. Das macht Silke irrsinnig viel Spaß. Irrsinnig heißt geistig gestört; Wirklichkeit und Gedanken haben keine Übereinstimmung. Und das passiert auch, wenn Silke mit ihrem Motorrad fliegt. Denn sie genießt es sehr stark, das meint sie mit "irrsinnig Spaß haben". Doch gleichzeitig ist aber der Sprung das Gefährlichste der Strecke. Wer falsch aufkommt, kann sich schwer verletzen: ein Riesenproblem, untertreibt Silke. Kleine Verletzungen sind normal beim Moto Cross. Verstauchungen, Prellungen, blaue Flecken. Aber es gibt auch schlimmere Unfälle, die die Mädchen miterlebt haben und die sie ins Nachdenken bringen, erzählt Kirsten:

Kirsten:

"Vor genau einem Jahr fast, da ist bei einem großen Table in Grevenbroich, der ist den gesprungen und dann ist er halt ziemlich blöd aufgekommen, und jetzt ist er querschnittsgelähmt. Und immer, wenn ich auf diesen Sprung zufahre, muss ich daran denken, dass ich da schon ein bisschen Angst habe. Aber ich würde das nicht aufgeben, nie."

Sprecherin:
Der Fahrer, der den schweren Unfall hatte, sitzt heute im Rollstuhl. Kirsten hat viel darüber nachgedacht und lange mit ihren Eltern gesprochen. Sie verspürt zwar ein leichtes Gefühl der Beklemmung bei dem speziellen Sprung, hat ein bisschen Angst. Dennoch möchte sie den Sport nicht aufgeben. Aufgeben kommt aus dem Mittelhochdeutschen und heißt: "etwas übergeben", "fahren lassen". Hier zeigt es Kirstens ambivalente Haltung. Einerseits hat sie manchmal Angst beim Fahren, andererseits will sie weitermachen, dem Hobby treu bleiben. Die Reaktion der Umwelt auf die Bikerinnen sind gemischt:

Silke Lauten:

"Also, meine Eltern sind immer sehr schockiert: Und Kind, pass auf, und komm ja heil wieder - was ich kaum immer schaffe - aber es ist eigentlich...die haben es akzeptiert, sie finden das eigentlich auch okay, würden auch nie was sagen. Mit dem Partner ist das immer so ein Problem. Zurzeit habe ich keinen, weil der letzte konnte es einfach nicht akzeptieren, dass es halt so war und hat dann jedes Mal gemosert, wenn ich hier unten im Verein war. Und es war einfach, es gehört mit zu mir und das ist ein Teil von mir. Das ist einfach mein Sport, und deswegen lasse ich mich da eigentlich auch nicht einschränken. Das ist manchmal sehr makaber, weil viele Männer halt hier sind und die sich immer beschweren, dass keine Frau da ist, die da Interesse dafür hat. Und umgekehrt ist das bei mir aber genauso. Das ist halt, ja, das Manko vielleicht eines Crossers."

Sprecher:
Akzeptieren
kommt aus dem Lateinischen und heißt: "etwas billigen", "etwas hinnehmen". Genau das tun Silke Lautens Eltern. Sie haben zwar Angst um ihre Tochter, berechtigte, denn sie verletzt sich häufig. Aber sie nehmen es dennoch hin, haben akzeptiert, dass sie Moto Cross fährt. Probleme hat Silke hingegen mit ihren Partnern. Die haben gemosert über ihren Zeitvertreib. Mosern ist ein Ausdruck aus der Umgangssprache und heißt, dass jemand ständig etwas zu beanstanden hat und seiner Unzufriedenheit und seinem Ärger durch ständiges Schimpfen und Nörgeln Ausdruck verleiht. Doch Silke lässt sich trotz mosernder Freunde nicht abhalten von ihrem Hobby. Sie betrachtet es als einen Teil von sich. Damit meint sie natürlich nicht, dass das Motorrad an ihr festgewachsen ist wie ein Arm oder ein Bein. Aber sie fühlt sich stark verbunden mit ihrem Hobby; für sie ist es ganz selbstverständlich zu fahren.

Sprecherin:

Keiner soll das Recht haben, sie in ihrer Freiheit einzuschränken, sie in die bildhaften Schranken zu verweisen. Sie will nicht dem veralteten Rollenbild einer Frau entsprechen, welches die Gesellschaft oft noch vorschreibt. Doch sie hat zurzeit keinen Partner, das ist ihr Manko. Manko stammt aus dem Lateinischen beziehungsweise dem Italienischen und bezeichnet etwas, das einer Sache noch fehlt, sie beeinträchtigt. In der Wirtschaft verwendet man heute das Wort Manko, um einen Fehlbetrag zu bezeichnen. Silke meint hier etwas wehmütig, dass ihr zu ihrem Glück noch der richtige Partner fehlt, der sie und ihre Vorliebe für den gefährlichen, anstrengenden Motorsport Moto Cross akzeptieren kann. Trotzdem will Silke weiterfahren. Und auch Shanna und Nathalie wollen auf ihr Hobby nicht verzichten:

Natalie:

"Moto Cross ist einfach für mich - es ist einfach mein Lebensinhalt geworden, die ganze Atmosphäre eben, das ist einfach total klasse."

Fragen zum Text

Die Redwendung dabei sein ist alles bedeutet, …

1. dass man immer gewinnen muss.

2. dass man gar nicht erst teilnehmen sollte, wenn man schlecht ist.

3. dass das pure Teilnehmen schon zählt.

Wer irrsinnig viel Spaß hat, ...

1. hat keinen Spaß.

2. hat sehr viel Spaß.

3. wird langsam verrückt.

Jemand, der viel mosert, …

1. lobt viel.

2. ist schnell zu begeistern.

3. nörgelt und beschwert sich häufig.

Arbeitsauftrag

Für Silke Lauten ist Moto-Cross das Nonplusultra und das I-Tüpfelchen in ihrem Leben. Welcher Sport begeistert Sie? Stellen Sie Ihre Lieblingssportart Ihrer Klasse vor. Erklären Sie, warum Sie sie mögen und was Sie spüren, wenn Sie die Sportart ausüben oder anschauen.

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