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Leben unter IS-Herrschaft

Mossuls Vertriebene: sicher, aber obdachlos

Tausende Menschen sind aus dem Westen Mossuls geflüchtet, nachdem die irakische Armee die Terrorgruppe IS dort verschärft angegriffen hat. Anna Lekas Miller traf jene Menschen, die jahrelang unter IS-Herrschaft lebten.

"Die Männer hier entlang", ruft ein Peschmerga-Soldat in gebrochenem Arabisch den Hunderten Neuankömmlingen zu, die aus vielen großen, schwarzen Bussen strömen. Für die Sicherheitskontrollen trennt er Männer und Frauen, um - bevor die Ankömmlinge einen Platz im Camp zugewiesen bekommen - sicher zu gehen, dass sie keine Verbindungen zu der Terrororganisation "Islamischer Staat" haben.

Innerhalb einer Woche hat sich Chamakor von einer Brachfläche in der kurdischen Region im Irak in ein wachsendes Lager für Binnenflüchtlinge verwandelt. Dort finden Tausende Menschen Schutz, die vor kurzem den neu aufflammenden Kämpfen im Westen Mossuls und umliegenden Regionen entkommen sind. Das Camp hat wegen der vielen Vertriebenen aus Mossul schnell seine Kapazitätsgrenze erreicht.

Leben zwischen den Fronten

Zum Warten verdammt, sinken einige Frauen auf ihren Koffern und Gepäckstücken zusammen. Von der Reise sind sie sichtlich erschöpft. "Der Weg hierhin war gut. Aber uns geht es nicht gut, wir sind müde", sagt Darba Khoder, während sie in der Schlange steht. Sie ist Mutter von neun Kindern und Großmutter von mehr als 40 Enkelkindern.

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Mossul: Ein Leben zwischen Flucht und Explosionen

Während der ersten Tage nach der zweiten Offensive auf Mossul wurden Zivilisten angewiesen, zu Hause zu bleiben und geduldig zu sein. Zu der Zeit drangen irakische Streitkräfte in die Stadt vor, um die Terrormiliz IS gebietsweise zu vertreiben. Der  Westen der Stadt sollte so von der IS-Terrormiliz befreit und die aufständischen Gruppen langfristig aus dem Irak vertrieben werden. 

Unter ständigem Beschuss

Die Kämpfe nahmen zu und die Armee stieß auf verstärkten Widerstand des IS. Die Menschen flüchteten aus der Stadt, weil IS-Kämpfer regelmäßig Mörser abfeuerten, die Häuser von Zivilisten als Stützpunkte einnahmen und Tunnel gruben, um ihre Aktivitäten im Untergrund zu organisieren.

Manche flohen in den bereits befreiten Osten Mossuls, um dort bei Verwandten unterzukommen. Andere liefen solange, bis sie an Stellen kamen, von wo aus sie in die Flüchtlingslager transportiert wurden. Eins dieser Lager ist Chamakor, das 20 Kilometer von Mossul entfernt liegt. Es ist nahe genug, um zurückkehren zu können, aber weit genug von den Kämpfen und der Frontlinie entfernt, um sich sicher zu fühlen. Bis jetzt haben mehr als 150.000 Zivilisten den Westen der einstigen Metropole verlassen. Die Zahl steigt täglich angesichts der Tausenden flüchtenden Menschen.

Überleben unter Belagerung

"Das Leben war schlimm", erzählt Khoder und beschreibt die letzen Wochen, die sie unter dem "Islamischen Staat" dort leben musste. "Wenn man krank war, bekam man noch nicht einmal Medizin. Was ist das für ein Leben?"

Irak Flüchtlingscamp Chamakor IDP (Foto: DW/A. Lekas Miller)

Täglich kommen Tausende Flüchtlinge in Chamakor an

Neben der Bombardierung der Häuser von Zivilisten mit Mörsern hat der IS schätzungsweise 750.000 Menschen in den vergangenen fünf Monaten in West-Mossul eingeschlossen. Nachdem irakische Sicherheitskräfte das erste Mal versuchten, in Richtung Mossul vorzudringen und Gebiete im Osten der Stadt zurückeroberten, bereiteten IS-Kämpfer sich auf deren Eindringen in den Westen vor, indem sie dort Medizin, Nahrungsmittel und Benzin anhäuften. Zivilisten verweigerten sie den Zugang zu ihren Vorräten, um ihre eigenen Reihen zu stärken.

Preisexplosion und Lebensmittelknappheit

Während des Belagerungszustands schnellten die örtlichen Preise nach oben. Ein Brot kostete umgerechnet zehn Euro; ein Kilo Zucker fast 20, stellenweise auch 30 Euro. Diejenigen, die sich nicht dem IS anschließen, fanden kaum Beschäftigung. Sich die Grundnahrungsmittel zu leisten, war schwer; die Belagerung machte es noch schlimmer.

Irak Flüchtlingscamp Chamakor IDP (DW/A. Lekas Miller)

Große Freude: Nach drei Jahren Pause dürfen sich diese Kinder für den Unterricht anmelden

Jeder, der beim Verkauf von Lebensmitteln erwischt wurde, wurde bestraft. Innerhalb des Gebiets, das von dem IS kontrolliert wurde, bedeutete das eine exorbitante Geldstrafe zu zahlen oder hingerichtet zu werden. "Wir hatten keine Milch", erzählt Khoder weiter und deutet neben sich, wo sich eine ihrer Töchter mit ihren drei Kindern auf einem großen Stapel Plastiktüten, die mit ihren Habseligkeiten gefüllt waren, ausruhte. "So musste meine Tochter ihre Kinder mit einer Mischung aus Mehl und Wasser füttern."

Viele derjenigen, die in der Schlange stehen, zeigen Anzeichen von Unterernährung: Sie sind müde, ausgelaugt, haben eingesunkene Augen und die Haut spannt sich über ausgehungerte Gesichter.

Die Zivilisten, die während der Belagerung durch den IS in der Stadt eingekesselt waren - wie Khoder und ihre Familie - lebten von altem Brot, fauler Tomatenpaste und aßen nur einmal am Tag. Aus Mangel an Benzin oder Heizung verbrannten einige ihre Möbel, um ihr Haus zu heizen und um die Kälte der verregneten Wintermonate zu überleben. "Manchmal haben wir Blätter von den Bäumen gepflückt, um etwas zu essen", berichtet sie.

Kampf ums Überleben

Khoder schaut sich zwischen den Hunderten Menschen um, die sich um das Verwaltungsgebäude des Camps tummeln, um ihre Zuteilung an humanitärer Hilfe zu bekommen. Langsam realisiert sie, dass sie in einem Flüchtlingslager ist - und noch einige Zeit dort bleiben wird. Theoretisch könnte sie, wenn Mossul befreit ist, in ihre Wohngegend zurückkehren. Allerdings sind dort viele Häuser durch die erbitterten Kämpfe zerstört. Selbst wenn ihr eigenes Zuhause verschont geblieben sein sollte, könnten IS-Kämpfer dort Sprengfallen versteckt haben. 

Unabhängig von der Gefahr und Zerstörung wird es lange dauern, die Grundversorgung an Wasser und Strom wieder herzustellen. "Wir haben drei Jahre lang unter dem 'Islamischen Staat' gelebt, um letztendlich in einem Flüchtlingscamp zu landen", sagt sie. Tränen beginnen über ihr Gesicht zu laufen. Sie klammert sich an eins ihrer Enkelkinder, das neben ihr steht und wischt sich die Tränen aus den Augen.

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