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Irak

Mossul-Offensive: Bis jetzt 100.000 Flüchtlinge

Zwei Monate nach Beginn der Offensive gegen den IS ist die humanitäre Lage in Mossul dramatisch. Die UN rechnen in den nächsten Monaten mit bis zu 700.000 Flüchtlingen. Derweil nehmen die Kämpfe an Intensität zu.

Seit genau zwei Monaten tobt im Irak die größte Schlacht seit dem Sturz von Saddam Hussein durch US-Truppen im Jahr 2003: die Offensive zur Befreiung von Iraks zweitgrößter Stadt Mossul von der Terrormiliz Islamischer Staat. Die Millionenstadt ist praktisch von der Außenwelt abgeschnitten, seit schiitische Milizen die nach Westen Richtung Syrien führende Straße unter Kontrolle gebracht haben. Damit ist den geschätzt 5000 IS-Kämpfern in Mossul nicht nur der Nachschubweg versperrt, sondern auch ein möglicher Rückzugsweg. Derweil gestaltet sich der Fortgang der Offensive nach schnellen Anfangserfolgen schwierig. Iraks Ministerpräsident Haider al-Abadi hatte ursprünglich die Befreiung Mossuls noch innerhalb dieses Jahres angekündigt. Wenn man aber das gegenwärtige Tempo der Befreiung zum Maßstab nimmt, werden sich die Kämpfe allerdings bis weit ins Jahr 2017 hineinziehen.

Der langsamere Vormarsch hat auch mit einer veränderten Vorgehensweise der irakischen Sicherheitskräfte in Mossul zu tun, erklärt Renad Mansour gegenüber der DW. Der Irak-Experte von Chatham House weist darauf hin, dass Mossul weniger heftig mit Artillerie beschossen werde, als das bei der Befreiung von Ramadi vor einem Jahr der Fall war. Die Hauptstadt der Provinz Anbar war damals zu 80 Prozent zerstört worden; zuvor hatte man die Bevölkerung zur Flucht aufgefordert. "In Mossul will Abadi nicht, dass es erst eine Massenflucht gibt, dann einen massiven Beschuss der Stadt, um anschließend schwierige Fragen zum Wiederaufbau und zur Rückkehr der internen Flüchtlinge lösen zu müssen", erklärt Mansour.

Schutz der Zivilbevölkerung

In Mossul gingen die irakische Armee und die Elitesoldaten der Anti-Terror-Einheiten mit leichteren Waffen vor,  sagt der Irak-Repräsentant des UN Flüchtlingshilfswerks UNHCR, Bruno Geddo. Im DW-Interview erklärt Geddo, diese Taktik zur Vermeidung ziviler Opfer würde jedoch dem IS die Gegenwehr erleichtern: "Der IS ist sehr mobil. In Tunneln bewegt er sich innerhalb der Stadt und kann die irakischen Kräfte mit Feuerüberfällen überraschen." Nach Angaben der Vereinten Nationen wurden im November in ganz Irak knapp 2000 irakischen Soldaten getötet. Der Irak bestreitet diese Zahl, macht selbst aber keine Angaben zur Zahl seiner Verluste. Zahlen über zivile Opfer liegen nicht vor.

Die Zahl der Flüchtlinge hat inzwischen fast die Marke von 100.000 erreicht. UNHCR-Vertreter Geddo spricht von 96.000 Menschen, die seit Beginn der Offensive die Stadt verlassen hätten. Die meisten, nachdem ihre Stadtbezirke von irakischen Regierungstruppen eingenommen worden sind. Die Flucht aus den noch vom IS kontrollierten Gebieten Mossuls beschreibt Geddo als schwierig und extrem gefährlich, weshalb von dort nur relativ wenige Menschen kämen.

Mossul Irak Khazer (Reuters/A.Awad)

Warm bleiben, wenn es kalt wird im Flüchtlingslager

Mossul liegt beiderseits des größten Flusses im Mittleren Osten, des Tigris. Im Zuge der Offensive wurden bislang vor allem Stadtgebiete im Nordosten befreit. Dort waren die im Häuserkampf erfahrenen Anti-Terror-Einheiten im Einsatz. Im Südosten haben die regulären Truppen der irakischen Armee einen schwereren Stand und mussten zwischenzeitlich hohe Verluste hinnehmen. Wenn die Kämpfe erst einmal das extrem dicht besiedelte Westufer erreichen, könnte die Zahl der Flüchtlinge noch einmal sprunghaft ansteigen, erwartet Geddo: "Wir rechnen mit bis zu 700.000 Menschen, die Mossul verlassen und für die wir an sicheren Orten Unterkunft, Nahrung und Wasser bereitstellen müssen."

Kein Wasser, keine Nahrung, kein Brennstoff

In der Stadt selbst ist die humanitäre Lage dramatisch. "Von dem, was uns Leute erzählen, die fliehen konnten, wissen wir: Die Zivilbevölkerung geht durch eine extrem harte Zeit", sagt Bruno Geddo. Der UN-Mitarbeiter bestätigt, dass etwa eine halbe Million Menschen von der Wasserversorgung abgeschnitten sind, dass vier von fünf Brücken über den Tigris zerstört und die fünfte schwer beschädigt ist, dass Nahrungsmittel und Brennstoff zum Heizen knapp werden - bei Temperaturen, die nachts nah an den Gefrierpunkt sinken. Dazu komme, dass der IS die Menschen zwinge, ihnen Zugang zu den Dächern ihrer Häuser zu gewähren. Von dort aus feuerten die IS-Kämpfer Mörsergranaten und Raketen ab - was wiederum den Beschuss irakischer Regierungskräfte zur Folge haben kann.

Irak IS-Waffenindustrie in Mossul (Conflict Armament Research)

Einfache Mittel, tödliche Granaten: Gussform in IS-Waffenfabrik

An Mörsern und Mörsergranaten herrscht im IS-Gebiet kein Mangel. Der IS stellt sie mit einfachen Mitteln in erstaunlich hoher Qualität in großen Stückzahlen selbst her, ebenso wie einfache Raketen. Das ist das Ergebnis der Untersuchung von sechs improvisierten Waffenfabriken des IS in von Regierungskräften befreiten Stadtgebieten durch die Nichtregierungsorganisation Conflict Armament Research (CAR). Im DW-Gespräch rechnete CAR-Direktor James Beavan mit einem "vergleichsweise großen Vorrat an Waffen und Munition" beim IS. Die Terrormiliz hat derweil ihre Drohungen gegen den Westen verstärkt: Nach Angaben des irakischen TV-Senders Alsumaria-News drohte ein IS-Anführer in Mossul beim Freitagsgebet mit Terrorattacken auf europäische Länder während der Weihnachtsfeiertage.

Was kommt nach dem IS?

Bei alldem bleibt die Frage ungelöst, was nach dem Ende der IS-Herrschaft in Mossul passieren soll. In der Anti-IS-Koalition sind Kräfte vereint, die neben ihrer Feindschaft zum IS vor allem Gegnerschaft untereinander verbindet: Kurden, sunnitische wie auch schiitische Araber, die Türkei, die irakische Regierung und der Westen - vor allem die USA mit rund 5000 Militärberatern und Spezialkräften. Bislang gibt es keine gemeinsame Position darüber, wie nach einem Sieg über die IS-Terrormiliz in Mossul das dann entstehende Machtvakuum gefüllt werden soll. Irak-Experte Mansour hat beobachtet: "In militärischen Fragen werden sie sich recht schnell einig. Aber sie brauchen sehr lange, um ein politisches Abkommen zu erreichen. Bis jetzt haben sie das nicht geschafft." Da tut sich in der an Konflikten wahrhaft nicht armen Region neuer Konfliktstoff auf.

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