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Asien

Moskau und Peking fordern Westen heraus

Mit ihren falschen Bewertungen waren sie die Prügelknaben in der Finanzkrise: die Ratingagenturen der USA. Jetzt wollen China und Russland eine eigene Agentur gründen. Müssen sich Moody’s & Co. fürchten?

Die Worte von Anton Siluanow klingen wie eine Kampfansage an den Westen - und sie sollen es wohl auch sein: "Wir wollen, dass die Ratings unpolitisch sind", fordert der russische Finanzminister. Der Regierungspolitiker hält viele Bewertungen von Staaten und Unternehmen derzeit für politisch beeinflusst. Und warum das so ist, daran lässt der Russe keine Zweifel: Die den Markt dominierenden Platzhirsche Standard & Poor's, Moody's und Fitch müssten auf ihre Auftraggeber Rücksicht nehmen. Die neue

russisch-chinesische Ratingagentur

könnte nun so etwas wie ein Gegenmodell zu den drei in den USA verwurzelten Großagenturen bilden und damit für fairere Bewertungen sorgen. So die Theorie.

Doch Experten sind skeptisch, ob ausgerechnet eine russisch-chinesische Agentur mehr Transparenz garantieren kann. "Das Zusammengehen mehrerer Ratingagenturen von Russland und China macht keinen Sinn", analysiert der Bremer Wirtschaftsprofessor Rudolf Hickel. Er sieht in dem Projekt eine Reaktion auf die immer engere Zusammenarbeit zwischen Europa und den USA, die derzeit über ein Freihandelsabkommen beraten. Und tatsächlich mehren sich die Anzeichen, dass die Kooperation zwischen den Großmächten Russland und China enger wird. Erst im Mai unterzeichneten beide Führungen Gas-Lieferverträge in Milliardenhöhe. Eine gemeinsame Ratingagentur als weiterer Baustein der Kooperation?

Symbolische Drohgebärde

Chinesischer Finanzmanager vor seinem Computerarbeitsplatz (Foto: dpa)

Ein Schritt für mehr Unabhängigkeit vom Westen? China und Russland wollen eigene Ratings

Rudolf Hickel winkt ab: "Das ist womöglich ein symbolischer Akt für ökonomische Zusammenarbeit, aber wirklich in einem marginalen Bereich. Die Gesamtinitiative ist nicht ernst zu nehmen." Für die Stärkung des Handels zwischen China und Russland gebe es viel wichtigere Projekte als eine Ratingagentur. Dass die nun trotzdem mit großem Stolz angekündigt wurde, ist womöglich sogar ein Zeichen, dass sich Moskau und Peking in strategisch wichtigeren Fragen nicht einigen können. Der Wirtschaftsprofessor hält sogar ein Scheitern des Projektes für durchaus wahrscheinlich.

Dabei gehört Hickel zu den Experten, die besonders früh und laut die Arbeit der US-amerikanischen Ratingagenturen kritisiert haben. Agenturen, die mit zu positiven Bewertungen von "Ramschpapieren" eine Mitschuld an der Finanzkrise tragen. Fachleute fordern darum immer wieder mehr Wettbewerb in diesem Bereich. Folglich haben auch die EU-Staaten auf dem Höhepunkt der Krise darüber nachgedacht, eine eigene Ratingagentur an den Start zu bringen. Doch am Ende ist das Projekt wieder in den Schubladen verschwunden.

Unabhängigkeit als wichtigstes Gut

Porträt von Rudolf Hickel (Foto: Uni Bremen)

Wirtschaftsprofessor Rudolf Hickel: "Die gemeinsame Ratingagentur wird keine Bedeutung haben"

Und auch beim russisch-chinesischen Anlauf liegen die Schwierigkeiten auf der Hand. Ratingagenturen leben vom Vertrauen der Anleger in die Unabhängigkeit ihrer Bewertungen. Welche Interessen haben aber nun Moskau und Peking, eine eigene Agentur für zwei völlig unterschiedliche ausgerichtete Volkswirtschaften aufzubauen? Schon die hochpolitische Gründungsgeschichte könnte dem Unternehmen empfindlich schaden, noch bevor das erste Rating veröffentlicht ist. Weiterer Schönheitsfehler: Moskau leidet derzeit auch selbst unter den Bewertungen der etablierten Agenturen, die russische Staatsanleihen unlängst auf "Ramschniveau" herabgestuft haben.

Die Vorbehalte über den neuen Spieler im System sind dabei nicht nur im Westen groß. Der russische Finanzexperte Igor Nikolajew ist ebenfalls skeptisch: "Es wird lange dauern, bis eine neue Agentur international Vertrauen aufgebaut hat", so Nikolajew gegenüber der Staatsagentur Ria Nowosti. Sogar die beteiligten Regierungen üben sich im Tiefstapeln. Zwar soll das neue Institut langfristig auch internationale Empfehlungen aussprechen, aber zunächst wird der Neuling sich lediglich um russisch-chinesische Gemeinschaftsprojekte kümmern.

Mehr Regulierung statt mehr Wettbewerb

Konzernzentrale von Standard and Poors in New York (Foto:dapd)

Die "Großen Drei" dominieren den Markt: Die asiatische Konkurrenz muss erst Vertrauen erwirtschaften

Ohnehin scheint das Projekt für Moskau dringlicher als für den Partner in Peking. Vor genau 20 Jahren hat dort die Ratingagentur

"Dagong Global Credit"

ihre Arbeit aufgenommen. Sie war auf Anregung der chinesischen Zentralbank gegründet worden und hat sich längst internationales Renommee erworben.

Auch wenn er grundsätzlich mehr Wettbewerb unter den Ratingagenturen fordert, steht für den Wirtschaftsexperten Hickel schon vor dem Start fest: Dem politischen Projekt der gemeinsamen russisch-chinesischen Ratingagentur wird keine große Zukunft beschieden sein. Wichtiger als die nüchterne Zahl an Ratingagenturen auf der Welt ist für den Bremer Ökonomen ohnehin eine ganz andere Frage: die

Reform der Ratingunternehmen

. "Wir brauchen eine Gesamtregulierung für alle Ratingagenturen, die es auf der Welt gibt." Das betreffe nicht zuletzt den großen Interessenskonflikt bei den etablierten US-amerikanischen Agenturen: Dort geben häufig die Unternehmen selber die Bewertung der eigenen Produkte in Auftrag und bezahlen sie.

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