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Türkei - Russland

Moskau und Ankara: Zurück auf Start

Vor einem Jahr lagen die türkisch-russischen Beziehungen am Boden. Nun ist der türkische Ministerpräsident in Moskau zu Gast. Die Zeichen stehen auf Entspannung. Das liegt vor allem an wirtschaftlichen Interessen.

Wladimir Schirinowski ist ein impulsiver Mann. Wenn dem Anführer der russischen Liberaldemokraten etwas nicht passt, teilt er aus. Im vergangenen Jahr erwischte es die Türkei. Nachdem die türkische Luftwaffe einen russischen Kampfjet im türkisch-syrischen Grenzgebiet abgeschossen hatte, verlor der studierte Turkologe Schirinowski vollkommen die Fassung. In einer TV-Talkshow erklärte er die Türkei zum "Feind Nummer eins", schrie: "Die Türkei hat Russland schon immer gehasst!" und drohte gar, über Istanbul eine Atombombe abzuwerfen. 

Zu kriegerischen Auseinandersetzungen kam es zwar nicht. In Moskau war man dennoch stinksauer und verhängte Wirtschaftssanktionen gegen die Türkei, auf diplomatischem Parkett herrschte Eiszeit. Seit dem Sommer nehmen die bilateralen Beziehungen allerdings wieder an Fahrt auf. Vorausgegangen war eine formale Entschuldigung Ankaras: Präsident Recep Tayyip Erdogan bedauerte offiziell den Abschuss des russischen Kampfflugzeugs.

Wladimir Wolfowitsch Schirinowski (picture-alliance/dpa)

Ist für seine Impulsivität bekannt: Wladimir Schirinowski

Der jetzige Besuch des türkischen Ministerpräsidenten Binali Yildirim ist bereits das vierte hochrangige Treffen von Vertretern beider Staaten binnen weniger Monate. Er führte unter anderem Gespräche mit seinem Kollegen Dimitri Medwedew.

Kristian Brakel leitet die Heinrich-Böll-Stiftung in Istanbul. Für die Türkei sei eine Annäherung der beiden Länder schon alleine wegen der wirtschaftlichen Beziehungen wichtig. "Die florierende türkische Wirtschaft ist das Rückgrat der AKP-Regierung von Präsident Erdogan. Dieser Wachstumsmotor, der sie lange beflügelt hat, stottert in jüngster Zeit, und die Sanktionen haben sie zusätzlich belastet", so der Türkei-Experte gegenüber der DW.

Noch immer sind nicht alle Handelsbeschränkungen aufgehoben, um die türkische Wirtschaft steht es schlecht. Erst im Herbst hatte die Ratingagentur Moody's die Kreditwürdigkeit der Türkei auf Ramschniveau herabgestuft, die Türkische Lira befindet sich im freien Fall und hat im Vergleich zum Vorjahr 20 Prozent ihres Wertes verloren. 

Kein Handel in Lira und Rubel

Um die strauchelnde Wirtschaft zu stabilisieren und die Lira zu stärken, hatte Binali Yildirim bei seinem Besuch in Moskau einen ganz besonderen Wunsch im Gepäck.  Zukünftig wolle man den Handel mit Russland in lokalen Währungen abwickeln.

Der Hintergrund der Überlegung: Da die Türkei deutlich mehr Waren importiert als exportiert, ist eine schwache Lira zu einem starken US-Dollar ungünstig. Wenn Käufe beispielsweise für Öl oder Gas in Rubel abgewickelt werden und Russland dafür in der Türkei in Lira kauft, stabilisiert das die Währung.

Was in der Theorie gut klingt, lehnen Finanzexperten allerdings ab. Wirtschaftswissenschaftler Deniz Cicek arbeitet bei der QN Finansbank mit Sitz in Istanbul. "Selbstverständlich wäre es ideal, alle Verträge in nationalen Währungen abzuschließen. Man muss aber wissen, dass diese Verträge in Fremdwährungen abgeschlossen wurden, weil das Vertrauen in die Lira so niedrig ist. Unter den jetzigen Bedingungen wird es also schwer sein, Firmen zu finden, die längerfristig in Lira Geschäfte abwickeln wollen."

Zeichen an den Westen

Allerdings spielen nicht nur die bilateralen Beziehungen eine Rolle. Für Kristian Brakel wollen Ankara und Moskau auch ein Zeichen gen Westen schicken. Es handele sich um den Versuch, "der EU und den US-Amerikanern zu signalisieren, dass man gegebenenfalls noch andere Partner hat. Allerdings wissen alle Beteiligten, dass das eher eine Chimäre ist. Russland kann das, was die EU und die USA (für die Türkei) leisten, sowohl sicherheitspolitisch als auch wirtschaftspolitisch nicht ersetzen." 

Russland Türkischer Premierminister Yildirim und Premierminister Medwedew (picture-alliance/dpa/A. Astafyev)

Bitte Lächeln. Binali Yildirim und Dimitri Medwedew

Vor diesem Hintergrund ist es kaum verwunderlich, dass sich Binali Yildirim in Moskau vor der Presse zufrieden zeigte. Und das, obwohl sein Wunsch nach dem Handel in Lira und Rubel keine Zustimmung fand. Zwar habe es im vergangenen Jahr "schwierige Zeiten" in den Beziehungen gegeben. "Aber diese Zeiten sind nun vorbei. Wir haben das Ziel, die Beziehungen weiter auszubauen", so der türkische Regierungschef.

Zuspruch vom YouTube-Star

Auch auf russischer Seite scheint man wieder ausgesöhnt zu sein. Schon Ende November lobte Wladimir Schirinowski bei einem Treffen mit dem Bürgermeister der türkischen Hauptstadt Ankara die Annäherung der beiden Länder und versicherte, dass bald "alle türkischen Strände voller russischer Touristen sein werden".

Mögen die diplomatischen Töne Schirinowskis für die bilateralen Beziehungen vernünftig geklungen haben, für den einen oder anderen seiner Fans waren sie vielleicht eine kleine Enttäuschung. Denn Schirinowski ist mit seinen Ausfällen gegen die Türkei auf YouTube zum Star avanciert. Sein Auftritt wurde zehntausendfach geklickt. 

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