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Aktuell Europa

Moskau trauert um den ermordeten Kreml-Kritiker Nemzow

Nach dem Mord an Oppositionspolitiker Nemzow haben in Moskau zehntausende Menschen an einem Trauermarsch teilgenommen. Die Ermittler setzen drei Millionen Rubel für Hinweise auf die Attentäter aus.

Menschen jeden Alters, viele von ihnen mit Rosen und Nelken in den Händen, kamen im Gedenken an Boris Nemzow im Zentrum der russischen Hauptstadt zusammen, - bewacht von einem Großaufgebot an Sicherheitskräften. Auf Transparenten und Plakaten waren Slogans wie "Er starb für die Zukunft Russlands" oder "Er kämpfte für ein freies Russland" aber auch "Ich fürchte mich - wer ist der Nächste?" zu lesen. Die Organisatoren schätzten die Zahl der Teilnehmer auf mindestens 70.000. Die Moskauer Polizeo sprach von gut 16.000 Demonstranten.

Die Moskauer Stadtverwaltung hatte eine Kundgebung mit bis zu 50.000 Menschen genehmigt. Der von dem Oppositionsführer und Ex-Regierungschef Michail Kasjanow angemeldete Marsch führte auch über die Große Moskwa-Brücke in Sichtweite des Kremls, auf der Nemzow mit vier Schüssen in den Rücken ermordet worden war. Der Moskauer Fernsehkanal TWZ veröffentlichte ein Überwachungsvideo vom Tatort und der Zeit des Anschlags.

Mord auf der Brücke

In der Aufnahme ist nach Darstellung des Senders zu sehen, wie sich Nemzow mit einer Begleiterin am Freitag gegen 23.30 Uhr (21.30 Uhr MEZ) auf der Brücke bewegt und von einem Mann verfolgt wird. Eine Kehrmaschine verdeckt dann die Sicht auf das Paar und den Mann. Wenig später ist zu sehen, wie der mutmaßliche Täter in ein Auto steigt und flieht. Etwa zehn Minuten danach kommt die Polizei.

Ein Blumenmeer am Tatort (Foto: Oleg Matsnev)

Ein Blumenmeer am Tatort

Nemzows Begleiterin blieb unverletzt. Die aus der Ukraine stammende Frau halte sich bei einem Bekannten von Nemzow in Moskau auf und stehe unter Polizeischutz, sagte ein Anwalt. Es handele sich um eine wichtige Zeugin. Die Frau wolle sobald wie möglich nach Kiew zurückkehren, teilte die ukrainische Regierung mit.

Keine heiße Spur

Die russischen Behörden gehen von einem politischen Auftragsmord aus. Präsident Wladimir Putin verurteilte das Attentat und forderte die Sicherheitsbehörden auf, mit Hochdruck an der Aufklärung des Verbrechens zu arbeiten. Eine heiße Spur scheint es aber noch nicht zu geben. Die nationale Ermittlungsbehörde setzte eine Belohnung von drei Millionen Rubel (rund 45.000 Euro) für Hinweise zur Aufklärung des Verbrechens aus. Zeugen wurde Anonymität zugesichert.

Eine Ermittlergruppe der Polizei teilte mit, sie verfolge verschiedene Ansätze. Dazu gehöre auch die Möglichkeit, dass Nemzow wegen seiner jüdischen Herkunft von radikalen Islamisten getötet worden sein könnte, oder dass die Opposition einen der ihren umgebracht habe, um dies Putin anzulasten. Oppositionspolitiker wiesen dies als zynisch zurück.

Nemzow gehörte zu den prominentesten Gegnern Putins. Nur wenige Stunden vor seiner Ermordung hatte er seine scharfe Kritik an dem Kremlchef bekräftigt. "Der gewichtigste Grund der Krise ist, dass Putin eine sinnlos aggressive, für unser Land und für viele Bürger tödliche Politik des Krieges gegen die Ukraine begonnen hat", sagte der 55-Jährige dem regierungskritischen Radiosender Echo Moskwy in seinem letzten Interview. "Um das Land in Ordnung zu bringen und die Krise zu bewältigen, sind wirkliche politische Reformen erforderlich", betonte Nemzow.

Demonstrationen auch in anderen Städten

Vertreter der Opposition machten das politische Klima in dem von Putin autoritär regierten Russland für das Verbrechen verantwortlich. So sagte Kasjanow, die Tragödie um Nemzow zeuge davon, dass die Aggression zunehme in Russland. Auch in der zweitgrößten Stadt St. Petersburg versammelten sich nach Schätzungen der Nachrichtenagentur AFP mindestens 6000 Demonstranten im Gedenken an Nemzow. Einige Demonstranten waren in ukrainische Fahnen gewickelt.

Ursprünglich hatte die Opposition für diesen Sonntag am Rande Moskaus eine Großkundgebung gegen die Ukraine-Politik Putins geplant, diese wurde nach der Ermordung Nemzows abgesagt. Auch in Provinzstädten wie Jekaterinburg im Ural oder Tomsk in Sibirien versammelten sich jeweils hunderte Menschen im Gedenken an den Kreml-Kritiker.

wl/SC (dpa, afp, rtr)

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