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Fokus Osteuropa

Moskau steigt aus Flugzeugprojekt mit der Ukraine aus

Das Militärtransportflugzeug AN-70 sollte das Vorzeigeprojekt der ukrainischen und russischen Luftfahrtindustrie werden. Jetzt aber sagte Russland ab, an der weiteren Entwicklung teilzunehmen.

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Die Antonov 70

Einst interessierte sich selbst die NATO für das Projekt AN-70. Das Bündnis betrachtete die modernisierte Variante dieses Militärtransportflugzeugs vom Typ Antonov als eine Möglichkeit, den eigenen Flugzeugpark zu erneuern. Später gaben sie aber dem Airbus-Konzern den Vorzug, der ein eigenes Flugzeug entwickelte. Das Projekt AN-70, das schon damals unter Finanzierungsproblemen litt, schwebte in der Luft. Mit dem Ausstieg Russlands erfolgt nun der nächste Rückschlag. Auf der Suche nach neuen Partnern

Nach der Absage Russlands, am gemeinsamen Programm teilzunehmen, beginnt die Ukraine, neue Partner und Investoren zu suchen. Der Leiter des „Untersuchungszentrums der Armee, Konversion und Abrüstung“, Walentin Badrak, sagte der Deutschen Welle: „Es gibt die Möglichkeit, dass sich Länder Asiens, des Nahen Osten oder GUS-Länder diesem Projekt anschließen.“ Insbesondere betrachte man Libyen, Malaysia, Georgien und Aserbaidschan als potentielle Partner. Perspektiven verschlechtern sich

Zurzeit entwickelt Russland ein eigenes Flugzeug. Die IL-76, der Konkurrent des AN-70, verringert laut Badrak an den russischen und asiatischen Märkten wie Indien und China die Verkaufschancen des AN-70. Badrak bemerkte, dass das Flugzeug, wenn es nicht innerhalb von zwei bis drei Jahren zur Serienherstellung reift, geringe Verwirklichungsperspektiven hat. Bis jetzt wurden in der Ukraine drei Flugzeuge des Typs AN-70 hergestellt. Eines davon ist während eines Testflugs abgestürzt, zwei andere Maschinen werden getestet und zwei weitere werden gerade gebaut. Politische Gründe für die Absage

Nach russischer Meinung ist das Projekt AN-70 veraltet; deswegen sei man aus der weiteren Entwicklung ausgestiegen. Robert Kluge, ein deutscher Experte der Flugzeugbaubranche, dem sowohl der West- als auch Ostmarkt gut bekannt ist, vertritt aber eine andere Ansicht: „Dies ist meiner Meinung nach definitiv keine plausible Erklärung. Die AN-70 befindet sich zwar seit einiger Zeit in der Entwicklungsphase, aber 10 Jahre für ein solches Projekt sind nicht sehr lange. So wird zum Beispiel das amerikanische Gegenstück Herkules seit 50 Jahre ständig modernisiert und noch heute produziert. Der wahre Grund ist in meinen Augen ein politischer. Es geht um die Beziehung zwischen Russland und der Ukraine und die Annäherung der Ukraine an die NATO. Einer der Gründe Russlands, aus dem Projekt auszusteigen ist, dass man selbst noch weitere Projekte in der Hinterhand hat. Man möchte die eigene Industrie fördern, anstatt weiter die Ukraine zu unterstützen“.

Robert Kluge ist der Meinung, dass dies für die ukrainische Seite ein schwerer Schlag ist, weil das Projekt auf bilateraler Basis angelegt war. Kluge sagte: „Ich kann mir kaum vorstellen, dass die Ukraine Partner im Westen finden wird. Ich glaube nicht, dass Boeing und Airbus als mögliche Partner gewonnen werden können, weil Airbus mit dem Namen „A400M“ ein eigenes Projekt betreibt. Und Boeing wird sich wahrscheinlich in dieser Größenordnung nicht engagieren. Eher könnte es sein, dass als mögliche Länder wieder Iran, Indien oder China in das Projekt mit einsteigen, aber auch hier sehe ich sehr geringe Chancen“. Wer braucht die AN-70?

Trotz aller Vorteile der AN-70 können seine Entwickler und Flugzeugbauer kaum Kunden für das Flugzeug finden. In diesem Zusammenhang taucht die Frage auf, ob das Flugzeug überhaupt eine Verkaufperspektive hat. Robert Kluge meint: „ Es gibt sicher Märkte, die aber nicht riesige Stückzahlen rechtfertigen werden. Südostasien, der Ferne Osten und Iran sind Märkte, die in Zehner-Stückzahlen möglicherweise Flugzeuge abnehmen werden, aber der Markt ist relativ eng und gut verteilt. Sogar Airbus hatte Probleme, am Anfang seine Stückzahlen für Neuentwicklungen los zu werden. Das gleiche Problem haben auch die Amerikaner mit ihrer Herkules.“

Man darf in diesem Zusammenhang nicht übersehen, dass die Luftfahrtindustrie immer ein sehr hohes Prestige genoss, insbesondere in der Sowjetunion. Das ist einer der Gründe, warum diese großen Betriebe weiter unterstützt werden und weshalb Russland auch weiterhin einen eigenen Flugzeugbau haben will und haben wird. Das gleiche gilt in etwas geringerem Maße auch für die Ukraine. Zulieferarbeiten sind mit Sicherheit eine Option, um den riesigen Stab an Mitarbeitern zu sichern und die Flugzeugindustrie insgesamt am Leben zu erhalten. Die zweite Option für beide Herstellerlände wird sein, sich Nischen zu erarbeiten, wie das die Ukraine momentan mit der Produktion regionaler Flugzeuge macht.

Natalya Dudko, Wolodymyr Medyany

DW-RADIO/Ukrainisch, 2.6.2006, Fokus Ost-Südost