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Filme

Morsezeichen per Lidschlag

Nach einem Schlaganfall ist "Jean-Do" gelähmt. Er will sterben. Dann umarmt er das Leben noch einmal - auf seine Weise. Zu sehen in Julian Schnabels bewegendem Meisterwerk "Schmetterling und Taucherglocke".

Ein Bild aus einem anderen Leben des Jean-Dominique Bauby (Mathieu Amalric), Foto: Prokino

Ein Bild aus einem anderen Leben des Jean-Dominique Bauby (Mathieu Amalric)

Aus einem diffusen Nebel schälen sich allmählich Köpfe. Gesichter rücken nahe und reden direkt in die Kamera hinein. Sie stellen unentwegt Fragen, und eine Stimme antwortet. Doch die Menschen im Raum hören sie nicht, werden sie nie mehr hören. Als Jean-Dominique nach drei Wochen aus dem Koma erwacht, stellt er entsetzt fest, dass er von der Welt abgeschnitten ist. Sein Gehirn funktioniert, doch er ist fast vollständig gelähmt.

'Wir werden uns gut um Sie kümmern' - mitfühlende Krankenschwestern im Film (links Olatz Lopez Garmendia, rechts Marie-Josée Croze), Foto: Prokino

'Wir werden uns gut um Sie kümmern' - mitfühlende Krankenschwestern im Film

Das bewegende Drama "Schmetterling und Taucherglocke", der vier Mal für den Oscar nominiert wurde, basiert auf dem autobiografischen Bestseller von Jean-Dominique Bauby aus dem Jahre 1997. Mit 43 Jahren erlitt er einen Hirnschlag und war fortan bei vollem Bewusstsein in seinem Körper eingesperrt. "Locked-In-Syndrom" lautete die Diagnose für den Chefredakteur des glamourösen Frauenmagazins "Elle", der bis dahin ein ausgefülltes Leben mit Karriere, Kindern und Geliebten führte.

Buchstabe für Buchstabe

Mühevoll lernt er, mit seiner Umgebung durch Zwinkern zu kommunizieren. Damit sich Bauby der Außenwelt mitteilen konnte, wurde ein spezielles Alphabet entwickelt, in dem die Buchstaben nach ihrer Häufigkeit in der französischen Sprache geordnet sind. Durch das Blinzeln mit dem linken Auge gelang es ihm, Buchstabe für Buchstabe, Wort für Wort ein ganzes Buch zu diktieren, das zu einem internationalen Bestseller wurde. Bauby starb 14 Monate nach dem Schlaganfall, kurz nach der Veröffentlichung des gleichnamigen Buches.

Der New Yorker Maler und Regisseur Julian Schnabel, der bereits mit den poetischen Künstlerbiografien "Basquiat" und "Before Night Falls" überzeugte, nahm sich der eigentlich unmöglichen Verfilmung dieser außergewöhnlichen Schilderung an. Bei den 60. Internationalen Filmfestspielen in Cannes erhielt Schnabel für dieses überwältigende Meisterwerk den Regie-Preis.

'Jean-Do' mit seiner attraktiven Freundin Inès (links Mathieu Amalric, rechts Marina Hands), Foto: Prokino

'Jean-Do' mit seiner attraktiven Freundin Inès

Das bewegte Innenleben von "Jean-Do" versucht Schnabel durch eine subjektive Kameraperspektive begreiflich zu machen, in der teils unscharfe, schräge Bildausschnitte das begrenzte Gesichtsfeld des Gelähmten darstellen. Sogar die Operation an einem Auge erlebt der Zuschauer "hautnah" durch einen Wimpernkranz am Bildrand mit: Dazu wurde ein künstliches Lid auf die Kamera aufgesetzt und zugenäht.

Aus dem tiefen Ozean des Bewusstseins

"Jean-Do hat mit der Taucherglocke die richtige Metapher für seinen Zustand gewählt, denn darin befindet er sich auf dem Grund des Ozeans und kann nicht entfliehen", sagt Regisseur Schnabel. Baubys mal sarkastische, mal humorvolle Funksprüche aus dem tiefen Ozean seines Bewusstseins kennen wir dank seiner aufopferungsvollen Therapeuten und Besucher. Wie ein Mantra sagen sie gebetsmühlenhaft die nach Häufigkeit im französischen Alphabet sortierte Buchstabenfolge "E-S-A-R-I-N-T-U-L" auf, damit Jean-Do per flatterndem Lidschlag die Buchstaben "diktieren" kann, aus denen sich ein ganzes Buch zusammensetzt.

Mit seinem ersten Satz "je veux mourir", "ich will sterben", bringt er seine Therapeutin Henriette zum Weinen. Doch allmählich schafft er es kraft seines Geistes, mit der Macht der Fantasie, der Erinnerung und der Literatur, seine Existenz neu zu bestimmen.

Ab und zu dreht Schnabel die Perspektive um und zeigt Bauby im Rollstuhl, den zurückgelegten Kopf mit dem verzerrten Mund, in dem ein weit aufgerissenes Auge zuckt. Doch meist sieht man die Welt aus der Sicht Jean-Dos, mit verwischten Streiflichtern etwa auf das Meer, den Himmel, die Terrasse des Krankenhauses, die er "Cinecittà" tauft; und immer wieder auf seine spielenden Kinder, auf wehende Haare, rosige Haut, Beine und das Profil jener Frauen, die ihn umringen. Sie lassen ihn, der die Frauen liebt, in Tagträume abgleiten: eine Meeresfrüchte-Orgie mit seiner Lektorin, ein Besuch in Lourdes mit seiner Freundin.

Was im Leben zählt

Die Kunst Schnabels besteht darin, konventionelle Rückblenden auf das Leben vor der Lähmung auf wenige Szenen zu beschränken und stattdessen einfallsreich primäre Sinneseindrücke zu vermitteln. Und er zeigt, dass der Todgeweihte durch sein Schicksal nicht zum Heiligen wird, wenn etwa seine geschiedene Ehefrau in einer ebenso schmerzlichen wie grotesken Situation seine Antwort auf den Telefonanruf der Freundin übersetzen muss. So entsteht das unsentimentale und berührende Porträt eines Mannes, der in seinem langen Abschied vom Leben lernt, das menschliche Dasein mit seinen Höhen und Tiefen zu umarmen.

Deutsche Hospiz-Stiftung: wohltuende Art und Weise

Die Deutsche Hospiz-Stiftung hat den Kinofilm wegen der sensiblen Darstellung von schwerer Krankheit und Tod gewürdigt. Der am Donnerstag (27.3.2008) in die Kinos kommende Streifen zeige auf wohltuende Weise, was einen Menschen wirklich ausmache, erklärte der Geschäftsführende Vorstand Eugen Brysch in Dortmund. (kap)

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