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Aktuell Europa

Mordversuch auf offener Bühne

Ein bulgarischer Nationalist wollte den Spitzenpolitiker Ahmed Dogan bei einer Konferenz in der Hauptstadt Sofia töten. Dogans Partei vertritt die Interessen der Türken in dem südosteuropäischen Land.

Es sind Bilder unfassbarer Gewaltbereitschaft und unfassbaren Glücks: Hätte die Schusswaffe des Attentäters funktioniert, wäre Ahmed Dogan nun möglicherweise tot - doch Videoaufnahmen zeigen, wie der bulgarische Spitzenpolitiker im letzten Moment davonkam. Während er bei einer Parteiversammlung im Kulturpalast in Sofia eine Rede hielt, stürmte ein bulliger Mann in schwarzer Lederjacke das Podium und hielt ihm die Gaspistole direkt vors Gesicht. Dogan ging in Deckung, es folgte ein kurzes Gerangel mit dem Täter, dann überwältigten herbeigeeilte Sicherheitskräfte den Angreifer. Bei ihm handelt es sich nach Behördenangaben um einen vorbestraften bulgarischen Nationalisten, der neben der Schusswaffe auch zwei Messer bei sich führte. Der 25-Jährige wurde festgenommen und ins Krankenhaus gebracht.

Ob der sichtlich erschrockene Parteichef den Schützen einfach rechtzeitig am Abdrücken hinderte oder ein technisches Malheur das Attentat am Samstag zum Scheitern brachte, ist den Fernsehbildern von dem Vorfall nicht eindeutig zu entnehmen. Die BBC zitiert den bulgarischen Innenminister Zwetan Zwetanow mit den Worten, Dogan sei höchstwahrscheinlich von "einer Fehlzündung" gerettet worden.

Video ansehen 00:19

Attentatsversuch auf Politiker in Sofia

Wie konnte Attentäter Kontrollen umgehen?

Dogan führt die liberale "Bewegung für Rechte und Freiheit" (DPS), eine politische Vereinigung ethnischer Türken und muslimischer Minderheiten, die etwa zwölf Prozent der 7,3 Millionen Einwohner Bulgariens ausmachen. Die von Dogan 1990 gegründete Bewegung ist sowohl im Parlament in Sofia als auch im EU-Parlament vertreten. Bis Mitte 2009 war die DPS an einer sozialliberalen Koalitionsregierung beteiligt. Dogan gilt als einer der einflussreichsten Politiker Bulgariens.

Gaspistolen sind primär zur Selbstverteidigung gedacht, aus kurzer Distanz abgefeuert können sie Menschen aber lebensgefährlich verletzen. Wie der bewaffnete Attentäter die Sicherheitskontrollen der Veranstaltung mit knapp 3000 Teilnehmern passieren konnte, blieb zunächst unklar. Auf Fernsehbildern baumelt eine Karte um seinen Hals, die wie eine Akkreditierung ausieht.

Dogan versucht den Attentäter abzuwehren(Foto: dpa)

Dramatische Sekunden im Kulturpalast von Sofia: Dogan versucht den Attentäter abzuwehren

Parteitag wählt Dogans Nachfolger

Der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung reagierte zutiefst schockiert auf den Mordversuch. "Ich bin sehr froh, dass Ahmed Dogan nicht verletzt wurde", sagte Markus Löning (FDP), der als Parteitags-Teilnehmer Augenzeuge des Anschlags wurde. "Politische Gewalt darf in Europa niemals wieder Fuß fassen." Auch der Präsident der europäischen Liberalen, Graham Watson, ebenfalls zu Gast auf der Konferenz, zeigte sich besorgt über die politischen Zustände in dem EU-Land. Die in Sofia regierende bürgerliche GERB-Partei verurteilte den Anschlagversuch.

Die Konferenz der DPS wurde mehrere Stunden nach dem Vorfall wieder aufgenommen. Dabei kündigte Dogan seinen Rückzug vom Parteivorsitz an - dieser Schritt stand allerdings schon vor dem Anschlag fest. Zu Dogans Nachfolger wurde Vize-DPS-Chef Lütvi Mestan gewählt. Er war von Dogan, der Ehrenvorsitzender bleibt, nominiert worden. Mestan vermutet, dass durch den Anschlag "Hass und Konfrontation" gesät werden sollte. Schon 1996 hatte die Ermordung des früheren Regierungschefs Andrei Lukanov für erschütternde Schlagzeilen über die bulgarische Politiklandschaft gesorgt.

sti/rb (dapd/dpa)

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