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Politik & Gesellschaft

Mordserie mit rechtsextremem Hintergrund

Rechtsextremisten haben möglicherweise in den Jahren 2000 bis 2006 acht Türken und einen Griechen ermordet. Die Polizei kam ihnen bei Ermittlungen zu einer schweren Brandstiftung auf die Spur. Gab es Hintermänner?

Beamte der Spurensicherung in Heilbronn neben einem Polizeiauto (Archivbild: dpa)

Spurensicherung nach dem Polizistinnenmord in Heilbronn

Nach einem Wohnmobil, das ausbrannte, und einem Haus, das in Flammen aufging, fügten sich die Puzzlestücke zusammen. Bei den Ermittlungen der Polizei tauchten zahlreiche Beweisstücke auf, die zu der Vermutung Anlass geben, dass die mutmaßlichen rechtsextremen Täter auch hinter dem Mord an einer Polizistin 2007 in Heilbronn und der sogenannten Döner-Mordserie stehen.

Die Bundesanwaltschaft übernahm deshalb am Freitag (11.11.2011) die Ermittlungen: "Es liegen zureichende Anhaltspunkte dafür vor, dass die Mordtaten einer rechtsextremistischen Gruppierung zuzurechnen sind", teilte die Behörde mit. Sie ermittelt in Fällen, die den Staatsschutz betreffen, also bei politisch motivierten Gewalttaten oder Terrorismus.

Morde folgten dem gleichen Muster

Eine Polizistin und ein Polizist stellen am Rande der Theresienwiese in Heilbronn eine Blumenschale nieder - bei der Gedenktafel für die ermordete Kollegin (Archivbild: dpa)

Gedenken an die ermordete Kollegin

Nach ihren Angaben folgten der Polizistinnenmord und die Döner-Morde zwischen 2000 und 2006 stets dem gleichen Muster: Der oder die Mörder kamen am helllichten Tag, schossen ihren Opfern - acht türkischen Dönerbudenbesitzern und einem griechischen Kleinunternehmer - aus nächster Nähe in den Kopf und verschwanden, ohne große Spuren zu hinterlassen.

Ganz ähnlich war es am 25. April 2007 in Heilbronn, wo die 22-jährige Polizistin Michele K. ebenfalls mitten am Tag auf einer Festwiese mit einem Kopfschuss getötet wurde. Ihr damals 24 Jahre alter Streifen-Kollege wurde schwer verletzt und lag mehrere Wochen im Koma.

Zwei Männer bringen sich selbst um

Die Dienstwaffen der beiden Polizisten wurden vor einer Woche in einem ausgebrannten Wohnmobil bei Eisenach in Thüringen sichergestellt. Zwei Männer, denen auch mehrere Banküberfälle angelastet werden, begingen nach Erkenntnissen der Polizei in dem Wohnmobil Selbstmord. Darin fanden sich auch andere Gegenstände der Beamten.

An demselben Tag ging im sächsischen Zwickau das Haus, in dem die beiden mutmaßlichen Bankräuber mit ihrer Gefährtin Beate Z. gelebt hatten, in Flammen auf. Die 36-Jährige stellte sich wenige Tage später der Polizei in Jena. In der Ruine des Hauses in Zwickau wurde die Pistole gefunden, mit der die Döner-Morde verübt worden waren.

Hinweis auf rechtsextreme Motive

Nach den bisherigen Erkenntnissen hatten die beiden 34 und 38 Jahre alten Männer und ihre mittlerweile verhaftete Gefährtin Beate Z. bereits Ende der 1990er Jahre Verbindung zu rechtsextremistischen Kreisen. In ihrer Zwickauer Wohnung wurden außerdem Beweise sichergestellt, die auf ein rechtsextremes Motiv für die Morde hindeuten.

Die Bundesanwaltschaft geht davon aus, dass die Frau Mitglied in einer terroristischen Vereinigung war. Sie wirft ihr Mord, versuchten Mord sowie schwere Brandstiftung vor. Auch weitere Verdächtige aus rechtsextremistischen Kreisen sollen in die Taten verstrickt sein.

Blutige Spur durch ganz Deutschland

Eine Frau liest Trauerbotschaften an einer Dönerbude in Nürnberg (Archivbild: dapd)

Trauerbotschaften nach der Ermordung eines Dönerbudenbesitzers in Nürnberg 2005

Nach den "Döner-Morden" zog sich die blutige Spur quer durch Deutschland: Drei Morde ereigneten sich in Nürnberg, zwei weitere in München, jeweils ein Mord geschah in Hamburg, Rostock, Dortmund und Kassel. Benutzt wurde immer dieselbe Waffe.

Im Fall der in Heilbronn ermordeten Polizistin tappten die Ermittler rund viereinhalb Jahre lang im Dunkeln. Monatelang suchten sie nach einem "Phantom". Im März 2009 stellte sich heraus, dass eine vermutete heiße DNA-Spur von verunreinigten Wattestäbchen stammte. Erst mit dem Selbstmord der beiden Männer in Eisenach gelang den Beamten der erste Ermittlungserfolg.

Sollten Beweise vernichtet werden?

Beate Z. sitzt bereits in Untersuchungshaft. Bislang schweigt sie zu den Vorwürfen. Die Polizei vermutet, dass sie die gemeinsame Wohnung in Brand gesteckt hat, um Beweise zu vernichten.

Dass sie und ihre Kumpane Kontakt zur Thüringer Neonazi-Szene hatten, war bekannt. In den 1990er Jahren sollen sie beim rechtsextremen "Thüringer Heimatschutz" aktiv gewesen sein - danach jedoch nicht mehr. 1998 flogen die Drei beim Bau von Bomben auf, danach verloren die Verfassungsschützer ihre Spur.

Nur: Warum brachten sich die beiden Männer nach den offenbar geglückten Banküberfällen selbst um? Und: Wieso stellte sich ihre Gefährtin der Polizei? Vor allem aber: Haben die Drei allein gehandelt?

Polizisten untersuchen in Zwickau die Überreste des ausgebrannten Hauses (Foto: dpa)

In der ausgebrannten Wohnung in Zwickau wurde die Tatwaffe der "Döner-Mordserie" gefunden

Behörden: keine V-Leute

Sowohl der thüringische Verfassungsschutz als auch das sächsische Landesamt erklärten, dass die Drei keine V-Leute gewesen seien. Zu ihren Aufenthaltsorten seit ihrem Abtauchen 1998 habe man keine Kenntnis gehabt.

Nach Einschätzung des CSU-Politikers Hans-Peter Uhl könnte jedoch die Mordserie eine Verfassungsschutz-Affäre nach sich ziehen. "Es ist nicht ausgeschlossen, dass sich aus all dem noch ein Verfassungsschutzproblem ergibt", sagte Uhl der "Mitteldeutschen Zeitung" (Samstagausgabe). Möglicherweise hat der Geheimdienst demnach mehr über die Hintergründe der Taten gewusst, als bisher bekannt ist. "Ich habe das Gefühl, das wird noch sehr interessant", sagte der CSU-Politiker.

Autorin: Eleonore Uhlich (dpa, afp, rtr)
Redaktion: Ursula Kissel, Martin Schrader

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