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Fokus Osteuropa

Mordfall Politkowskaja: Drahtzieher noch nicht bekannt

Am 7. Oktober 2006 wurde die russische Journalistin Anna Politikowskaja mit gezielten Schüssen in ihrem Wohnhaus in Moskau ermordet. Ein Jahr nach ihrem Tod gibt es noch immer viele Fragezeichen rund um den Fall.

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Anna Politkowskaja - Symbolfigur für freien Journalismus

Sie war für viele ein Vorbild, hat sich aber bei den Mächtigen unbeliebt gemacht: Anna Politikowskaja galt in Russland mit ihren kritischen Artikeln über die Politik des Kreml und die Lage in Tschetschenien als Symbolfigur für mutige Recherchen und freien Journalismus.

Nach dem Mord an Anna Politikowskaja im Oktober vergangenen Jahres herrschte Trauer und Entsetzen, in Russland und vielen anderen Ländern weltweit. Man organisierte Gedenkveranstaltungen, Prominente lasen öffentlich aus Politikowskajas Büchern, und unisono erklang eine Forderung: Dieser Mord müsse schnell und lückenlos aufgeklärt werden.

Ermittlungserfolge und Pannen

Die russische Führung versuchte zunächst, den Fall herunterzuspielen: Selbstverständlich werde der Fall aufgeklärt werden, gab Präsident Putin zu Protokoll - doch die Journalistin Polikowskaja sei eher unbedeutend gewesen. Ihr Tod habe der russischen Regierung mehr geschadet als ihre kritischen Artikel. Lange Zeit schien es keine Fortschritte bei den Ermittlungen zu geben. Doch Ende August dieses Jahres, zehn Monate nach dem Mord, verkündete der russische Generalstaatsanwalt Jurij Tschaika überraschend einen großen Erfolg:

"Wir haben ernsthafte Fortschritte im Fall der ermordeten Journalistin Politikowskaja gemacht", gab Tschaika bekannt. Zehn verdächtige Personen seien festgenommen worden. Schon bald sollten erste Anklagen folgen - stattdessen wurden zahlreiche Pannen bekannt. Ein festgenommener Geheimdienstoffizier hatte angeblich nichts mit dem Fall zu tun, drei Verdächtige mussten wegen Mangels an Beweisen wieder frei gelassen werden. Dann wurde auch noch der Chefermittler ausgewechselt.

Auftraggeber "Staatsfeinde im Ausland"?

Diese Entwicklungen sorgten bei vielen für Misstrauen und Skepsis - auch bei Poltikowskajas ehemaligen Arbeitgebern, der Zeitung "Nowaja Gazeta". Sergej Sokolow, leitender Redakteur der "Nowaja Gazeta", sagte im Gespräch mit der Deutschen Welle: "Bisher sind die Ermittlungen ganz gut gelaufen. Mich stört nur, dass es Kräfte mit besonderen Interessen gibt, die versuchen, alles durcheinander zu bringen, indem sie vertrauliche Informationen an die Medien geben."

Auf diese Weise seien weitere Verdächtige gewarnt worden, meinen nicht nur Sokolow und seine Kollegen. Besonders umstritten ist auch die Auffassung der russischen Justiz, die eigentlichen Auftraggeber des Mordes seien im Ausland zu suchen - es handle sich um Staatsfeinde, die Russlands Ansehen schaden wollten. Damit mache es sich die russische Justiz zu einfach, meint Elke Schäfter, die deutsche Geschäftsführerin der internationalen Journalistenorganisation "Reporter ohne Grenzen". Ihr nüchternes Fazit ein Jahr nach dem Mord: "Unserer Meinung nach ist der Mord jedenfalls nicht aufgeklärt, und es sind auch unserer Ansicht nach die Drahtzieher bisher noch nicht bekannt geworden."

Eine Anklage hat es bisher im Mordfall Politkowskaja gegeben. Der Beschuldigte ist Tschetschene, ein ehemaliger Verwaltungsangestellter. Er soll Politkowskajas Privatadresse weitergegeben und damit den Mord ermöglicht haben. Doch rund um den Mordfall bleiben viele offene Fragen. Die wichtigste lautet: Wird es gelingen, die Auftraggeber zur Verantwortung zu ziehen?

Gegen das Vergessen

Solange die Ermittlungen andauern, wird in Russland und vielen anderen Ländern einiges unternommen, damit Anna Politkowskaja nicht in Vergessenheit gerät. Demonstrative Unterstützung gibt es aus den USA und Europa: Die kritische Journalistin bekam posthum einen bedeutenden Demokratiepreis in Washington verliehen, in Brüssel wurde sie für den renommierten Sacharow-Preis des Europäischen Parlaments nominiert. Auch in Russland selbst bleibt die Erinnerung an eine Journalistin, die für die Pressefreiheit und unabhängige Berichterstattung eingetreten ist. Zum ersten Todestag von Anna Politikowskaja wird es zahlreiche Gedenkveranstaltungen und Mahnwachen geben - in Moskau und anderen russischen Städten sowie in vielen Ländern Europas.

Britta Kleymann
DW-RADIO/Osteuropa, 4.10.2007, Fokus Ost-Südost