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Kultur

Mord im Sommer: Nur die Sonne war Zeuge

Ein Klassiker des Thrillergenres. René Clements "Nur die Sonne war Zeuge" verhalf 1960 Alain Delon zum Durchbruch. Doch der frisch restaurierte Film überzeugt heute vor allem durch seine Farbdramaturgie.

Der perfekte Sommerfilm. Es dürfte wohl nur wenige Werke der Kinogeschichte geben, die solch wunderschöne Impressionen von Meer und Sonne zu bieten haben. Die das Blau und das Grün des Mittelmeers auf der Leinwand zum Funkeln bringen, die ein Farbenspiel aus Licht und Wasser inszenieren, dessen Schönheit den Betrachter sprachlos macht. Auf der anderen Seite, und das ist eine der großen Qualitäten des Films, wird gleichzeitig eine Geschichte von Skrupellosigkeit und kalter Berechnung erzählt.

Eindringliche Farbgestaltung

"Clements Film ist sicher der erste Thriller, der die Gestaltung der Farbkamera bewusst als Mittel der Suspense-Erzeugung benutzt hat", schreibt der Filmpublizist Georg Seeßlen in seiner Geschichte des Thrillergenres. Die Morde, dessen Zeuge der Zuschauer wird, präsentieren sich gerade deswegen als so schockierend, weil sie vor der gleißend-hellen Kulisse von Mittelmeer und Dolce Vita stattfinden.

Szene mit Alain Delon in dem Film Nur die Sonne war Zeuge von Rene Clement (Foto: Studiocanal)

Der junge Mann und das Meer: Alain Delon in "Nur die Sonne war Zeuge"

Die Vorlage lieferte damals die Grande Dame des Kriminalromans Patricia Highsmith. Ihre Romane um den ebenso skrupellosen wie unscheinbaren Tom Ripley wurden mehrfach verfilmt. Matt Damon verkörperte Ripley zuletzt 1999 in "Der talentierte Mr. Ripley". Aus deutscher Sicht bemerkenswert: die auf Highsmiths Roman basierende Filmadaption "Der amerikanische Freund" von Wim Wenders aus dem Jahre 1977.

Romanvorlage wurde verändert

Der französische Regisseur René Clement fügte 1959/60 einige Änderungen in die Romanvorlage ein, die der Handlung in Nuancen eine andere Gewichtung gaben. Am entscheidensten ist wohl das Ende des Films verändert worden. Während Alain Delon in der Rolle des Tom Ripley im Kinofinale als überführt gelten darf, kommt das literarische Vorbild ohne Bestrafung davon.

Szene mit Alain Delon, Maurice Ronet und Marie Laforet in dem Film Nur die Sonne war Zeuge von Rene Clement (Foto: Studiocanal)

Infernalisches Trio: Maurice Ronet (l.), Marie Laforet und Alain Delon

Doch dem Film deshalb, wie vielfach geschehen, eine '50er-Jahre-Moral vorzuwerfen, greift zu kurz. "Das überraschende Ende, das angesichts der im Film nicht moralisch kommentierten Handlung Ripleys folgerichtig wie ein Coup des Zufalls erscheint, stärkt eher noch eine mögliche Identifikation mit dem Helden", heißt es im Lexikon der Filmklassiker (Reclam-Verlag). Dieser Interpretation kann man sich durchaus anschließen.

Moralische Unentschiedenheit

Die Grenzen zwischen Moral und Recht scheinen bei Clement fließend. Der ermordete Playboy (Maurice Ronet) wird bei Clement zum Unsympathen, hingegen kann man sich dem Charisma des vom blutjungen Alain Delon verkörperten Bösewichts Ripley kaum entziehen. Es ist auch diese scheinbare moralische Unentschiedenheit, die den Thriller "Nur die Sonne war Zeuge" noch heute sehenswert macht.

Szene mit Alain Delon und Marie Laforet in dem Film Nur die Sonne war Zeuge von Rene Clement (Foto: Studiocanal)

Tom Ripley (Alain Delon) verführt die Frau des Ermordeten (Marie Laforet)

Die "Washington Post" schrieb damals: "Hollywood hat vergessen, dass die schaurigsten Filme jene sind, die leise unter die Haut gehen und die den Zuschauer veranlassen, sich seinen Nachbarn einmal näher anzusehen und sich nervös zu fragen, was wohl in seinem Kopf vorgehen mag." Der nach einem halben Jahrhundert aufwendig restaurierte Film wurde im Mai bei den Filmfestspielen in Cannes vor passender Mittelmeerkulisse wiederaufgeführt. Es war einer der Höhepunkte des Festivals. Auch hat der Film einmal mehr gezeigt, dass der wahre Horror im Kino meist unter der Oberfläche und am besten vor wunderschöner Kulisse geschieht.

René Clement: Nur die Sonne war Zeuge, Frankreich/Italien 1959/1960, mit Alain Delon, Maurice Ronet, Marie Laforet u.a., 117 Minuten, auf BluRay bei Arthaus/Studiocanal erschienen, bei den Extras ist u.a. ein aktuelles Interview mit Alain Delon über die Dreharbeiten dabei und ein Beitrag zur Restaurierung des Films.

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