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Nahost

Montaseri, der geistliche Querdenker

Großajatollah Hussein Ali Montaseri war eine der wichtigsten religiösen Autoritäten der iranischen Schiiten, gleichzeitig aber auch einer der kritischsten Geister in der Islamischen Republik.

Ajatollah Montaseri, iranischer Geistlicher und Regimekritiker, Foto: dpa

Ajatollah Montaseri, iranischer Geistlicher und Regimekritiker

Hussein Ali Montaseri wurde 1922 in Nadschaf (Zentraliran) geboren. Er erhielt seine Ausbildung zum Geistlichen und religiösen Lehrer an der theologischen Hochschule in Isfahan und lehrte später islamische Wissenschaft und Philosophie im religiösen Zentrum der iranischen Schiiten in Ghom, wo auch Ajatollah Khomeini tätig war, mit dem ihn die Gegnerschaft gegen das Regime des Schah verband.

Als Kritiker des Schahs saß er bis zur Islamischen Revolution zwischen 1964 und 1978 mehrfach im Gefängnis. 1979 war er dann einer der Mitstreiter um Revolutionsführer Ajatollah Khomeini, der ihn zunächst auch zu seinem Nachfolger bestimmte. Aber Montaseri äußerte sich zunehmend kritisch über das islamische System und auch zu Khomeini: So forderte er etwa 1988 in Schreiben mehrfach ein Ende der Massenhinrichtungen. Die Exekutionen hätten oft Unschuldige getroffen und keinen Nutzen gestiftet, sondern nur die Medienpropaganda gegen den Iran provoziert, schrieb er und zog im Februar 1989 eine negative Bilanz zum zehnten Jahrestag der Islamischen Revolution, indem er die Mächtigen vor einer Monopolisierung der Macht warnte und Gerechtigkeit sowie Schutz der Bürgerrechte forderte.


Anhänger Montaseris, Foto: ap

Nach dem Tod des prominentesten regierungskritischen Geistlichen im Iran, Großajatollah Hossein Ali Montaseri, strömten Tausende seiner Anhänger in die heiligen Stadt Ghom. Er galt als wichtiger Fürsprecher der Reformbewegung.


In Ungnade gefallen

Aufgrund der Kritik entband ihn Khomeini im März 1989 von seinen politischen Verpflichtungen. Als der Revolutionsführer im Juni desselben Jahres starb, wurde an seiner Stelle der damalige Präsident Ajatollah Ali Chamenei neuer religiöser Führer des Landes.

Als Mohammed Chatami 1997 Präsident wurde und sich eine liberalere Atmosphäre im Iran breit machte, meldete sich auch Montaseri politisch zurück. Er ermunterte den Reformer, Chamenei infrage zu stellen, und ging 1997 in einem Seminar an der Universität sogar soweit, die religiöse Eignung des Obersten Revolutionsführers in Frage zu stellen: "Ich verurteile die mit dem Knüppel agierende Herrschaft dieser Rechtsgelehrten." Montaseri wurde die Lehrerlaubnis entzogen, er durfte nun kein "Mardja'-etaqlid", die "Quelle der Nachahmung" mehr sein, weil er für die herrschende Klasse unberechenbar wurde.

So wurde Montaseri unter strengen Hausarrest gestellt, ohne Besuchserlaubnis, viele seiner Anhänger wanderten ins Gefängnis und wurden gefoltert. "Es war eine schwere Zeit, vor allem für meine Familie und die Freunde. Ich selbst litt am wenigsten - ich konnte mich in Ruhe meinen Studien widmen", erinnerte er sich später. Erst 2003 wurde der Hausarrest wieder aufgehoben, doch Montaseri blieb ein Kritiker des geistlichen Staatsapparats. Die Regierung habe die Freiheitsrechte, die dem iranischen Volk nach dem Sturz des Schahs in der Revolution von 1979 versprochen worden seien, niemals umgesetzt, prangerte er immer wieder an.

Gelehrte in Ghom, Foto: ap

Ghom gilt als die heilige Stadt im Iran - hier lehrte und lebte auch Hussein Ali Montaseri.



Fürsprecher der Grünen Bewegung

Während der ersten Präsidentschaft von Mahmud Ahmadinedschad (2005-2009) hörte man kaum noch etwas von dem Großajatollah. Nach Ahmadinedschads umstrittener Wiederwahl in diesem Jahr erhob Montaseri jedoch erneut seine Stimme. Er warf Ahmadinedschad vor, wie ein Diktator zu herrschen und mit seiner kompromisslosen Haltung gegenüber dem Westen das Land zu isolieren - mit Besorgnis erregenden Folgen für die Bevölkerung. Damals warnte Montaseri die Behörden vor einer gewaltsamen Unterdrückung der Proteste. Dies sei keine Lösung der Probleme im Lande, betonte er. Er selbst hat den iranischen Staat immer wieder öffentlich kritisiert. Den Mullahs warf er vor, im Namen des Islams eine Diktatur errichtet zu haben, und forderte tiefgreifende demokratische Reformen.

Montaseri starb am Samstag (19.12.2009) im Alter von 87 Jahren in seinem Privathaus in Ghom, wo er zusammen mit Khomeini vor mehr als 60 Jahren den Kampf gegen das Schah-Regime begonnen hatte. Er sei in der Nacht zum Sonntag sanft entschlafen, teilte sein Enkel Nasser Montaseri mit. Mit ihm starb auch der letzte bedeutende Kritiker des islamischen Systems im Klerus. Wie manch anderer reformorientierte Kleriker hatte er sich die Entwicklungen in dem auch von ihm geprägten Gottesstaat anders vorgestellt. "Man wird sich an ihn als einen Mann erinnern, der sein politisches Leben seinen Prinzipien geopfert hat", sagte Iran-Experte Baqer Moin.

Staatliche Medien berichteten über seinen Tod nur am Rande, in den amtlichen Medien galt er seit Jahren als "einfältiger" Geistlicher. Aus den Schulbüchern wurde sein Name gestrichen, nach ihm benannte Straßen wurden wieder umbenannt. In weiten Kreisen der Bevölkerung genoss Montaseri jedoch stets hohes Ansehen.

Autorin: Ina Rottscheidt (ap/dpa/afp/Munzinger)

Redaktion: Thomas Latschan

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