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Bücher

Monsieur Maigret und die Wirklichkeit

Ich lese keine Bücher. Kriminalromane schon mal gleich gar nicht. Es gibt doch das Internet, das ist meine Freizeit. Es ist April 2006. Und von einem Kriminalkommissar Maigret habe ich noch nie etwas gehört.

Der belgische Schriftsteller Georges Simenon (Foto: dpa)

Achtung: Das ist Simenon, nicht Maigret!

"Nur das Beste wünscht Tobias" steht mit dünnem grünen Filzstift auf der ersten Seite. Das Diogenes Taschenbuch 21180 ist ein Geschenk. Gefreut habe ich mich nicht. Ich kann nichts mit Kriminalromanen anfangen. Ein Fischerdorf im ewigen Nebel, ein alter Kapitän mit einer Kopfwunde und eine hübsche junge Frau in einem nicht ganz mondänen Badeort - na und?!

Ein Möglichkeitssinn

Tobias ist inzwischen Staatsanwalt. Es ist 2009. Und - ich lese Kriminalromane. Das heißt: Ich lese Kriminalromane von Georges Simenon. Und das alles nur wegen eines 45 jährigen eher grobschlächtigen Mannes mit Hut und Mantel, den es in Wirklichkeit gar nicht gibt: Kriminalkommissar Jules Joseph Anthelm Maigret.


Kommissar Maigret stopft eine Pfeife.

Tägliches Ritual - die Pfeife stopfen und nachdenken


Maigret lebt, denkt und handelt in einer vollkommen anderen Welt. Eine Welt ist das, die es heute so nicht mehr gibt und die es auch in den 1950er Jahren oder den 1920er Jahren so nie gegeben hat. Denn natürlich sind alle Charaktere fiktiv, künden aber deshalb von einem Möglichkeitssinn, der schon immer wesentlich interessanter, intensiver und verheißungsvoller war als jeglicher Sinn für die Wirklichkeit.

Schwarze, schwere Apparate


Die Möglichkeit in einer Welt zu leben, die von den Koordinaten: karges Büro am Quai des Orfèvres, einer Zwiebelsuppe plus Pernod im Cafe am Nachmittag und regennassen Ermittlungsarbeiten in der Nacht zusammengehalten wird, ist verlockend. Es gibt keine Handys, keine Klingeltonwerbung, keine Computer. Es gibt keinen Jugendwahn, keinen Freizeitwahn und keinen Krisenwahn. Nicht mal Auto fahren kann der Kommissar.


In der möglichen Welt Maigrets gibt es schwarze, schwere Telefonapparate mit Schnur. Es gibt Zeit, um auf der Durchreise am Bahnhof eine Pfeife zu rauchen. Es gibt Zeit, um innezuhalten, Zeit um in stockdunkler Nacht den Nebel zu riechen. Eine vage Madame Maigret gibt es, aber ebenfalls vielmehr als Möglichkeit, als positives Versprechen.


Sonne über der Gartenmauer

In der Welt Maigrets herrscht Verbindlichkeit. Ein Händedruck ist fest. Probleme werden gelöst - ohne Hektik und ohne Aktionismus. Das Leben hier ist groß und unverständlich, brutal, schön und natürlich nicht gerecht. Aber immer ist irgendwo ein sonnendurchfluteter Raum. Auf der Gartenmauer ruht eine weiße Katze. Die Küstenschiffe haben fast immer dasselbe geladen.

Pünktlich zum 80. "Geburtstag" der Romanfigur Maigret im September 2009 schließt Diogenes die 75 Bände umfassende vollständige Neuausgabe der Romane ab. Seit April 2008 erschienen jeden Monat vier Bände im Taschenbuchformat, jeweils inklusive Übersichtskarte von Paris und Frankreich.

Autor: Marcus Bösch
Redaktion: Gabriela Schaaf

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