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Kultur

Monopol LiveJournal

Die russische Blogosphäre ist zu einer der wichtigsten Kommunikationsplattformen des Landes geworden. Wie? - Das erläutert Blogger und Journalist Nikolay Danilov.

Der russische Blogger Journalist Nikolay Danilov

Der russische Blogger Journalist Nikolay Danilov

Als die Deutsche Welle mich gebeten hat, einen Artikel über die russische Blogosphäre und die wichtigsten Ereignisse der russischen Blogosphäre zu schreiben, war ich gerade mitten in so einem Ereignis. Am 14. September 2009 hat die Firma Gazprom im Dorf Listwjanka am Ufer des Baikalsees für 120 Fachleute ihrer Tochterfirmen einen Workshop durchgeführt. Das Thema lautete: "Neue Medien: Moderne Informations- und Kommunikationstechnologien und die Perspektiven der Entwicklung von Internet-Ressourcen bei Gazprom". Fünf Tage lang hörten sich 120 mit Laptops bewaffnete Menschen nicht nur sämtliche Vorträge über die Besonderheiten des Informationssystems eines der weltweit größten Energieunternehmen an, sondern sie setzten sich auch mit den alltäglicheren Themen auseinander: Was sind Blogs, warum werden sie von Menschen und Unternehmen gestartet, was ist der Unterschied zwischen Firmenblogs und privaten Blogs, wodurch unterscheiden sich Blog-Hostings und was nützt einem ein eigener Blog.

Die Veranstaltung eines solchen Workshops ist ein neuer, aber wichtiger Schritt, um sich einer Öffentlichkeit anzunähern, die schon eng mit Blogs und dem Schreiben von Blogs vertraut ist. Die Tatsache, dass ein Workshop durchgeführt wurde, in dem LiveJournal und "Mitschüler" (russische Fassung von Facebook) als neue Medien gelten und besondere Aufmerksamkeit genießen, verdeutlicht, dass die russische Blogosphäre - vor allem ihr im LiveJournal konzentrierter Teil - fünf Jahre gebraucht hat, um diese Aufmerksamkeit zu bekommen.

Entwicklung von LiveJournal

Die Topographie der russischen Blogosphäre und deren Entwicklung unterscheiden sich stark davon, was sich außerhalb ihrer Grenzen vollzieht, und LiveJournal spielt hier eine besondere Rolle. Es hat sich so entwickelt, dass sich die Mehrheit der Nutzer bei einem der kostenlosen Weblog-Dienstleister getroffen und gewählt haben. Neben IT-Spezialisten der Internet-Firmen, die selbst bei LiveJournal Online-Projekte starteten und sie anschließend nutzten, kamen auch Geisteswissenschaftler hierher - Journalisten, Fotografen, Lehrer, Büromitarbeiter. Langsam wurde die Sache immer gewichtiger: Der Inhalt fand neue Leser, immer mehr Leute folgten den Bloggern, Regeln des Miteinander bzw. Umgangsformen bildeten sich aus. Und Diskussionen, Streitigkeiten und Wortduelle, die allmählich zuerst aus den Zeitungen und dann auch noch aus dem Fernsehen verschwanden, flossen langsam zu LiveJournal herüber - bis es schließlich danach aussah, als gäbe es außerhalb von LiveJournal keine öffentliche Diskussion mehr.

Dieses Bild unterscheidet sich stark vom westlichen Modell: Dort gibt es selbstverständlich auch Blogs, aber wenn es ein Journalistenblog ist, so gehört es meistens zur Webseite der entsprechenden Zeitung (was, eigentlich, klar und logisch ist). Wenn dann ein unabhängiger Blogger plötzlich bemerkt, dass seinem Blog aus welchem Grund auch immer einige hundert Leser folgen, so wechselt er als erstes zu einer separaten Webseite, wo er Werbung platzieren und die Aufmerksamkeit seiner Leserschaft ins Geld umwandeln kann. Ein durchschnittlicher amerikanischer Blogger bei LiveJournal ist ein Student, dem um die 30 Leser folgen - seine Kommilitonen, mit denen er Kommentare austauscht.

Der Erfolg von LiveJournal

Aber dass LiveJournal zu einer Medien-Plattform werden konnte, auf der ein Blogger etwas schreibt, das dann einige Tausend lesen - das haben die Russen möglich gemacht. Und, einerseits, hat es prima geklappt: Es ist sehr praktisch, wenn nicht nur die eigenen Freunde, sondern auch das Meiste der relevanten Information sowie die entsprechende Diskussion an einem einzigen Ort zu finden sind und man sie nicht überall sammeln muss. Aber andererseits hat gerade das die Entwicklung und Profilierung einzelner Blogs verhindert. Dafür sitzen alle hier, in LiveJournal: den Bloggern schlossen sich die Leser an, und den Lesern die Prominenten. Die Journalisten lernten es, nicht nur ihre Beiträge in Blogs zu veröffentlichen, sondern Blogs auch als Informationsquellen zu nutzen - und so wurde LiveJournal zu einem "neuartigen Medium", mit hoher Popularität.

Bedeutung und Reichweite von Blogs

Man muss allerdings berücksichtigen, dass sich die Wirkung von LiveJournal nicht auf alle zwei Millionen der russischsprachiger Nutzer auswirkt: nimmt man eine imaginäre Schere und schneidet ein paar Tausend der bekanntesten Blogger ab, so ist die Vermittlerrolle der Blogger (wenn einer schreibt und von vielen gelesen wird) sehr schnell weg. Dann bleibt im Grunde der durchschnittliche LiveJournal-Nutzer übrig, mit seinen 30 Bekannten, die ihm folgen und von denen er eine einfache Kommunikation erwartet. Dafür hat die Minderheit der bekannten Blogger eine dermaßen große Leserschaft um sich herum gebildet und ist zu einem so guten Wegweiser bedeutender Informationsflüsse geworden, dass sie nicht mehr außer Acht zu lassen ist. Und als am 21. Mai 2009 auf der LiveJournal-Webseite das Blog des russischen Präsidenten Dmitrij Medwedjew erschien, so war es aus demselben Grund: Denn hier versammelt sich der wertvollste, der wichtigste Teil der Leserschaft - der die Informationen nicht nur aufnimmt, sondern auch damit arbeitet. Anderswo gibt es eine solche Leserschaft einfach nicht.

Zum Verhältnis von Bloggern und Journalisten

Ende August 2009 passierte noch etwas Wichtiges für in der russischen Blogosphäre. Im Wasserkraftwerk Sajano Schuschenskaja hatte sich einer der größten Havarien der Geschichte ereignet, doch in den ersten 24 Stunden nach dem Unfall gab es keine offizielle Berichterstattung über das Geschehen. Das Informationsvakuum füllten unprofessionelle Aufnahmen des Unfalls, die von Augenzeugen gemacht wurden. Und als dann der Pressedienst von RusHydro aus dem professionellen Koma erwacht ist, wurde er mit einer Welle von Gerüchten konfrontiert (über die angeblich in den überschwemmten Räumen gebliebenen Mitarbeiter des Kraftwerks, die an den Röhren klopften und die keiner rettete). Diese Gerüchte waren im Blog des Journalisten Michail Afanasjew in Umlauf gesetzt worden, hatten in der Blogosphäre schnell an Intensität zugenommen und waren anschließend in den Massenmedien gelandet.

Sowohl die fehlenden rechtzeitigen Informationen aus den offiziellen Quellen, als auch das gegen den Journalisten eingeleitete Strafverfahren konnten die Lage nicht mehr verbessern. In dieser Situation hat RusHydro eine außergewöhnliche Entscheidung getroffen - und zwar, den bekanntesten russischen Blogger Rustem Adagamow (momentan 40.901 Leser) zum Kraftwerk einzuladen und ihm zu erlauben, die Rettungsarbeiten zu beobachten, zu fotografieren und anschließend auch zu beschreiben. Adagamow ist der meistgelesene Blogger der russischen Blogosphäre und hatte ursprünglich auf die Postings aus dem Blog des Journalisten Afanasjew verwiesen, sowie Links zu einigen kritischen Artikeln angegeben.

Einige Tage später empörte sich der Nachrichtendienst Interfax auf seiner Webseite über den Vorgang: "Muss man denn Internet-Blogs blind vertrauen? Der populärste Blogger im russischsprachigen Internet setzt zuerst grausame Gerüchte über das Kraftwerk in die Welt - und dann macht er hübsche Fotos über den Verlauf der Bergungsarbeiten. Blogger und diejenigen, die Blogs kommentieren, schimpfen so gerne über die Massenmedien, aber sind sie denn besser? Die Journalisten sind für ihre Handlungen vor dem Gesetz, der Redaktion und der Öffentlichkeit verantwortlich. Und was ist mit Bloggern? Dort zählt nur ihr Gewissen. Oder etwas anderes."

Einige Tage später wurde Rustem Adagamow zum ersten Blogger, den der Pressedienst des Präsidenten zu einer Veranstaltung im Kreml eingeladen hat - als Berichterstatter.

Das Hauptereignis, das sich in der russischen Blogosphäre in den letzten Monaten abgespielt hat, besteht darin, dass sie nicht mehr etwas Isoliertes und Abgesondertes ist. Nun treffen sich hier nicht nur Blogger und ihre Freunde. Nun sind hier Machthabende, Massenmedien, gesellschaftliche Organisationen, Vertreter von RusHydro, der Präsident Medwedjew, 120 PR-Fachleute der Gasprom-Tochterfirmen und alle anderen, die dieser Blogosphäre bisher fehlten.

Nikolay Danilov (Norwezhskij Lesnoj) ist Journalist und Fotograf. Er ist Verfasser eines der meistgelesenen Blogs im russischsprachigen Raum. Danilov konzipierte und arbeitete an vielen Web-Projekten in Russland. Außerdem war er Pressesprecher für das bekannte russische Designbüro Art.Lebedev Group, sowie Chef-Redakteur des Nachrichtenportals Dni.ru. Danilov war Chefredakteur beim Medienprojekt SUP Fabric, der für den kyrillischen Teil von LiveJournal verantwortlich ist. Derzeit ist er Pressesprecher für den russischen Video-Portal "RuTube".

Autor: Nikolay Danilov / Marina Chistyakova
Redaktion: Petra Füchsel

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