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Filme

Monika Schindler: "Es geht immer noch weiter"

Cutterin - diese Bezeichnung hört sie gar nicht gern. Monika Schindler bezeichnet sich als Filmeditorin. Für ihr Lebenswerk erhält sie nun den Deutschen Filmpreis - als erste Preisträgerin ihres Gewerkes überhaupt.

Monika Schindler, geboren 1938 in Berlin, wurde im Alter von sieben Jahren bei der Flucht aus dem Sudetenland von einem Güterzug überrollt. Sie verlor Finger an beiden Händen. Die damals üblichen Frauenberufe wie Friseurin, Verkäuferin, Stenotypistin oder Kosmetikerin kamen nicht in Frage. Da sie gern ins Kino ging, bewarb sie sich bei der DEFA, dem ostdeutschen Filmunternehmen mit Sitz in Potsdam-Babelsberg. Und bekam eine Chance - zum Glück für viele Regisseure und den deutschen Film. Monika Schindler erhielt zahlreiche Preise, unter anderem den Deutschen Filmpreis 2000 für "Hans Warns - Mein 20. Jahrhundert".

DW: Was haben Sie gedacht, als Sie vom Ehrenpreis für ihr Lebenswerk erfuhren?

Monika Schindler: Da habe ich gedacht: 'Um Gottes Willen! Du musst schon wieder auf die Bühne!' Und habe gefragt: 'Habt ihr nicht jemand Anderen?' Daraufhin haben sie Iris Berben (Präsidentin der Deutschen Filmakademie in Berlin, Anm.d.Red.) ans Telefon geholt und die hat dann auf mich eingeredet. Lieb, freundlich, beschwörend. Alle Argumente, die ich vorbrachte, hat sie ganz locker vom Tisch gewischt. Sie sagte sinngemäß, dass auch sie immer Angst habe und ihr das Herz klopfe, wenn sie auf die Bühne müsse. Mir gingen die Argumente aus, und ich nahm den Ehrenpreis an.

Deutschland Bekanntgabe Nominierungen Deutscher Filmpreis (picture-alliance/dpa/B. Pedersen)

Erstmals in der Geschichte des Deutschen Filmpreises: Auszeichnung für Lebenswerk an eine Filmeditorin

Diesen Ehrenpreis hat bislang noch nie ein Cutter verliehen bekommen...

Bitte nicht Cutter sagen! Sie müssen Filmeditor sagen. Das gibt sonst Ärger. Wir sind alle dazu aufgefordert worden, dieses Wort aus dem Sprachgebrauch zu löschen. Denn "to cut" ist dem Fleischer zugeordnet. Und wenn man es nicht "Katter" sondern "Kötter" ausspricht, dann hört sich das an wie Köter. In der DDR hießen wir Schnittmeister, was auch möglich ist. Aber international heißt es Filmeditor.

Verstanden! Also Ihr Berufsstand wird erstmalig beim Deutschen Filmpreis ausgezeichnet. Wie finden Sie das?

Das ist natürlich toll. Wenn sich die Zuschauer einen Film ansehen, interessieren sie sich an erster Stelle dafür, wer da mitspielt. Vielleicht fragt man noch nach dem Regisseur, aber dann hört es auf. Insider, so wie ich, achten natürlich auf Regie oder Kamera und ich blicke auch auf alle anderen Gewerke: Szenenbild, Kostüm, Musik... Und ich achte immer darauf, wer der Filmeditor war. Denn der bestimmt maßgeblich den Rhythmus des Films, entscheidet mit, welche Einstellungen überhaupt in den Film kommen, und hat es in der Hand, nur die gelungenen Szenen der Schauspieler einzuschneiden.

Wie machen Sie das genau?

Wenn etwas nicht gelungen ist, habe ich immer die Möglichkeit gegenzuschneiden, das heißt einen anderen Schauspieler an dieser Stelle einzusetzen. Und ich habe immer die Auswahl zwischen den Bildgrößen wie Totale, Halbtotale, Halbnahe, Nahe oder ganz groß. Vor allem aber ist es ganz wichtig, dass man die Geschichte gut und verständlich erzählt.

Man kann Spannung aufbauen oder Traurigkeit erzeugen, dramatisch oder episodisch erzählen. Wichtig ist, dass der Zuschauer berührt wird. Das alles habe ich als Filmeditor in der Hand. Wann schneide ich um, wie lange lasse ich eine Einstellung stehen? Wie lange halte ich Blicke der einzelnen Protagonisten aus? Was passiert im Gesicht des Schauspielers?

Viele Regisseure sagen immer wieder: Der Film entsteht im Schnitt. Stimmen Sie dem zu?

Ja. Wenn die Muster, also die einzelnen Einstellungen vom Set im Schneideraum landen, sehe ich anhand der geschlagenen Klappe, um welche Szene es sich handelt. Ich schaue mir alle Kopien an, wähle die besten Momente aus und fange an, das zusammenzufügen. Das sind immer einzeln gesprochene Sätze in verschiedenen Bildgrößen, doppelt und dreifach, manchmal sogar bis zu 15 Mal. Und ich habe dann die Qual der Wahl. Bin ich mir unsicher, schaue ich noch einmal ins Drehbuch.

Gleich Ihr erster Spielfilm, den Sie geschnitten haben, "Wenn du groß bist, lieber Adam", ist 1965 verboten worden. Warum eigentlich?

Ein Junge findet eine Taschenlampe. Er entdeckt, wenn er Menschen damit anleuchtet - und sie sagen nicht die Wahrheit - fliegen sie in die Luft. Die Bilder sind nicht so frech, wie es der Text war. Der Dialog war so zweideutig und politisch. Aber bei der Abnahme haben sie dann gesagt: 'Also, so geht das nicht.' Es musste viel umsynchronisiert werden, was für den Film nicht gut war. Ihn so zu entschärfen, nahm ihm die Besonderheit. Seine ganze Wirkung war dahin.

Der Regisseur Egon Günther war riesig enttäuscht. Von zentraler Stelle wurde beschlossen, den Film nicht öffentlich aufzuführen, und das gesamte Material wurde aus meinem Schneideraum abgeholt. Nach der Wende haben wir versucht, das Material wiederzufinden. Aber Vieles fehlte. Der Film sollte unbedingt in die Kinos und so musste man, um die Handlung noch als Ganzes verstehen zu können, die Drehbuchseiten abfilmen und an die entsprechenden Stellen einsetzen.

Filmeditorin Monika Schindler schaut sich alten Zeitungsartikel über sich an (Foto: Oliver Glasenapp)

Analoge und digitale Schneidetische: Monika Schindler erlebte viele Umbrüche in der Filmindustrie

Ich könnte mir vorstellen, dass eine solche Erfahrung Ihre Sicht auf die Arbeit verändert hat. Sind Sie oder die DDR-Regisseure, mit denen Sie damals gearbeitet haben, danach ängstlicher geworden?

Nein, ängstlich waren wir eigentlich nie. Aber wir wurden später vorsichtiger. Wir haben immer nachgedacht, ob die Szene zu Problemen führen könnte und ob wir die Geschichte nicht noch geschickter, eher von hinten herum, erzählen müssten. Aber Angst hatten wir nicht.

Mussten Sie dennoch später mal den Schnitt eines Films ändern?

Ich muss dazu sagen: Bevor ein Film gedreht wurde, waren die Drehbücher von höchster Stelle abgenommen worden - und danach musste sich die Regie richten. Aber es ist ja immer noch ein Unterschied zwischen dem, was man liest, und wie es dann bildlich umgesetzt wird. Da war schon ein Gestaltungsspielraum vorhanden.

Wurde zu weit gegangen, fiel es dem Schnitt mit der Begründung zum Opfer: Ja, es ist gut und gefällt uns auch, aber unser Volk, unser Publikum, ist noch nicht so weit. Ich weiß gar nicht, mehr welcher Film das war... Ich hatte einen Polizei-Witz drin: 'Der ist wie ein Polizist, außen grün und innen hohl.' Das musste rausgenommen werden - selbst so kleine Scherze. Irgendwann später musste ich auch noch eine Nacktszene rausschneiden. Ansonsten ist von meinen Regisseuren keiner mehr in die Zensurfalle gelaufen.

Als die DDR Geschichte wurde und der ostdeutschen Bevölkerung blühende Landschaften versprochen wurden, was passierte da mit Ihnen?

Blühende Landschaften! Politikersprüche. Als wir zu den Demonstrationen gingen und unseren Protest kundtaten, wollten wir die DDR verändern. Niemand dachte an eine Wiedervereinigung, aber plötzlich war sie da. Und wir mussten alles so machen, wie es in der Bundesrepublik üblich war. Sie sagten: 'DDR war mal, jetzt läuft alles anders.' Bei der DEFA wurde aus unseren Schneideräumen alles weggeschmissen, sämtliche Startbänder, Blauband, Weiß- und Schwarzfilm, was man so in jedem Film braucht, egal ob in der DDR oder in der Bundesrepublik. Es sollte alles größer, schöner, moderner werden. Und am Ende gab es keine Schneideräume mehr.

Film Editorin Monika Schindler (Oliver Glasenapp)

Hat die deutsche Filmgeschichte mitgeschrieben

Mittlerweile wickeln Sie keine Bänder mehr um die Rollen der Schneidetische, Sie schneiden digital am Computer. Ist dadurch etwas besser geworden?

Was ich als sehr angenehm empfinde, ist, dass ich Fassungen, die ich vor einigen Tagen geschnitten habe, immer parat habe. Wenn Sie den Film früher geklebt haben, gab es ja nur diese eine Fassung. Wenn der Regisseur dann gesagt hat, dass die Fassung von vor drei Tagen doch die bessere gewesen sei, dann hatten Sie lauter Schnipsel hängen und haben gedacht: 'Oh Gott, wie war denn das jetzt vor drei Tagen?' Dann mussten sie alles wieder zusammenfummeln. Und heute ist diese ältere Fassung nur einen Klick entfernt. Das eigentliche Schneiden an sich geht genauso schnell. Aber das Umstellen von Szenen geht rucki-zucki.

Sie haben mehr als hundert Filme geschnitten. Merken Sie eigentlich sofort - beim ersten Ansehen der Muster - wenn ein Film nichts geworden ist?

Ich sehe sofort an der Intensität der Schauspieler, ob sie nur ihre Texte aufsagen oder intensiv spielen. Man ist sofort berührt und glaubt ihnen ihre Handlungen. Sie treffen mich voll ins Herz. Solche Filme schneide ich natürlich am liebsten. Aber natürlich gibt es auch andere, sogenannte Schnulzen, die ich aber mit der gleichen Sorgfalt behandele, obwohl vieles nicht echt wirkt. 

Was kann eigentlich nach dem Ehrenpreis des Deutschen Filmpreises für Ihr Lebenswerk noch kommen?

Ich bin ja nun schon im Rentenalter und es geht immer noch weiter. Ich bin so glücklich darüber - das können Sie sich gar nicht vorstellen! Aus drei Gründen: Erstens, weil ich gerne schneide. Zweitens, weil ich jetzt mit so jungen Leuten zusammenarbeite, die alle meine Kinder, fast schon Enkelkinder sein könnten - das macht riesigen Spaß. Der dritte Grund ist ein finanzieller. Ich kann jetzt Länder bereisen, die ich früher nicht besuchen konnte und kann mir meine Träume selbst erfüllen.

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