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Bücher

Moneten, Mumbai, Marathon: drei Lesetipps

Deutsche Literatur ist zu intellektuell und hochkompliziert? DW-Kolumnist Jefferson Chase hat drei Werke entdeckt, die anspruchsvoll sind und trotzdem jede Menge Spaß machen.

Überfordert. So fühlte ich mich, als ich Hunderte Autorennamen überflog, die bei der diesjährigen Leipziger Buchmesse auftraten. Einst galt sie als arme Cousine der Buchmesse in Frankfurt. Mittlerweile hat sich "Leipzig", wie die Messe unter Literaturfreunden genannt wird, zum Lesevolksfest hochgearbeitet. Fünf Tage lang nimmt die Buchmesse große Teile der Stadt in Anspruch. Daher die Frage: Wohin soll ich gehen und wem soll ich zuhören?

Die Lesung von Clemens Meyer war ein Muss. Der ehemalige Insasse einer Jugendstrafvollzugsanstalt, Gabelstaplerfahrer und Bauarbeiter ist alles andere als das Stereotyp eines schwermütigen, humorfreien, prätentiösen deutschen Autors.

Und sonst? Eigentlich bin ich sehr offen, was das Genre angeht. Aber ich lasse mich nicht von Möchtegern-Wortakrobaten zermürben, die Unverständlichkeit als gelungenen Stil betrachten. Also hörte ich mich um, bei Verlegern, Schriftstellern und in meiner Stammbuchhandlung, und war erfreut, einige Autoren genannt zu bekommen, die mit dem Klischee des deutschen Schriftlangweilers brechen. Zum Beispiel: Jonas Lüscher.

Behindertenzentrum im tunesischen El May

Jonas Lüschers "Frühling der Barbaren" ist eine Wüstengeschichte der anderen Art

Ein Finanzabsturz mitten in der Wüste

Der 38-jährige Jonas Lüscher ist geborener Schweizer, der seit 2001 in München lebt, wo er Philosophie (Schwerpunkt: der amerikanische Pragmatiker Richard Rorty) studierte. Sein Debüt "Frühling der Barbaren" erschien im Beck-Verlag und wurde gleich für den Deutschen sowie den Schweizer Buchpreis nominiert.

Lüscher lässt die deutscheste der literarischen Formen wieder aufleben: die Novelle. Jene Erzählform, die kürzer als ein Roman ist und in der das Erzählen selbst Teil der Handlung ist. In "Frühling der Barbaren" erzählt ein Schweizer Fabrikant in einer Nervenklinik von einer Reise nach Tunesien, die ziemlich haarsträubend endet.

Die Geschichte fängt als Wüstenabenteuerbericht an, verwandelt sich jedoch schnell in eine apokalyptische Moralität über die heutige Finanzwelt und die Grenzen der menschlichen Zivilisation. Als der Protagonist in einem Oasenhotel ankommt, wo eine Gruppe Engländer eine Luxushochzeit feiert, rauscht das britische Pfund in den Keller.

Um fünf nach neun, Londoner Zeit, wurde der Handel eingestellt. Zur selben Zeit sprach der englische Finanzminister als Erster aus, was bereits offen zutage lag, dass das Land unter diesen Umständen für lange Zeit nicht mehr in der Lage sein würde, seine horrenden Staatsschulden zu bedienen. Marc und Kelly, bei denen es bereits fünf nach zehn war, schliefen in ihrem Beduinenzelt. Zu diesem Zeitpunkt überstieg die Rechnung für die Hochzeit, die sie in Tunesischen Dinar zu bezahlen hatten, gerade den wert ihres Londoner Reihenhauses in Pfund Sterling, das noch zu achtzig Prozent der Bank gehörte, einer Bank, deren Anwälte gerade Insolvenz anmeldeten und eine E-Mail an die Mitarbeiter aufsetzten, in der sie ihnen vorschlugen, doch heute zur Arbeit einen Pappkarton mitzubringen.

Lüscher benutzt nicht nur die Form, sondern auch die behutsame Sprache der deutschen Novelle des 19. Jahrhunderts. Ein Buch von lediglich 125 Seiten, das solche großen Themen abhandelt, kann unmöglich als geschwätzig kritisiert werden. Im Gegenteil: Lüschers altmodischer Sprach- und Erzählduktus erzielt einen Verfremdungseffekt, der den Leser fragen lässt: Ist es nicht gerade die heutige Finanzwelt, die bizarr und überholt ist?

Slum Dharavi in Mumbai Indien Flash-Galerie

Ulla Lenzes "Die endlose Stadt" nimmt Leser mit in die Slums von Mumbai

Hipster in Berlin, Döner in Istanbul, Slums in Mumbai

Die 41-jährige Ulla Lenze ist in Mönchengladbach geboren und studierte in Köln, unter anderem Philosophie. Sie schloss ihr Studium mit einer Arbeit über Hegels Lehre der Dichtung ab. Sie hat auch viel Zeit in Indien verbracht, obwohl sie jetzt zu Berlins wachsender Schriftstellerbevölkerung gehört.

Diese Stationen bilden das Grundgerüst für Lenzes Roman "Die endlose Stadt" der von zwei Globetrottern handelt: Eine Künstlerin, die von einem Stipendium zum nächsten springt, und eine Journalistin, die die Wohnung der Künstlerin im indischen Mumbai untermietet. Das eine Hauptthema ist der Unterschied zwischen Berlin, Istanbul und Mumbai. Je größer die jeweilige Stadt ist, umso rauer und weniger zivilisiert erscheint sie. Das zweite sind Kommunikationsprobleme, die sich in einer Liebesaffäre zwischen der Künstlerin und dem Besitzer eines Dönerimbisses in der Türkei äußern.

Hat sie nicht immer geglaubt, sie brauche jemanden zum Reden, zum Austausch? Durch Celal gerät sie in genau jenen Zustand, zu dem das Reden wohl hinführen soll: sich verstanden und geborgen zu fühlen. You want sleep? Are you sad? You want to go home?, vergewisserter sich nach langen Ausführungen ihrerseits. Er antwortet eher auf das Gefühl, aus dem heraus sie mit ihm spricht, ein Gefühl, das ihr oft erst bewusst wird durch sein Nachfragen. Dass sie nicht reden können, ist befreiend.

In mancher Hinsicht ist Lenzes Buch genau das Gegenteil zu dem von Lüscher. Während sein Fokus auf der Gesellschaft liegt und er globale Probleme anhand von Einzelschicksalen erzählt, ist Lenze von den Gefühlen der Menschen fasziniert und benutzt sie, um globale Themen zu erkunden. Das ist nicht die Art Literatur, die mich normalerweise begeistert, aber Lenze ist überraschend originell. Ihre Fähigkeit, gegen Normen zu schreiben, ist nicht zu unterschätzen. In "Die endlose Stadt" tauchen sogar halbwegs sympathische Baulöwen auf - und vielleicht spiegelt dies Lenzes Affinität zu Hegel wider. So wie jede These gleich ihre Antithese beinhaltet, ist der Roman "Die endlose Stadt" gerade in seiner extremen Ernsthaftigkeit überaus lesbar - und lesenswert.

41. Berlin Marathon 28. Sept. 2014

In Matthias Polityckis "42,195" geht es um die bunte Welt des Marathonläufers

Mentales Kilometerfressen

Der 59-jährige Matthias Politycki ist ein Literatur-Evergreen. Er wuchs in München auf und lebt nun in Hamburg, wo er - Überraschung - Philosophie studierte. Vor mehr als einer Dekade lernte ich ihn bei einem Romanschreibseminar kennen, in dem er als gutmütiger, scharfzüngiger Mentor fungierte. Selten habe ich es so amüsant gefunden, gesagt zu bekommen, wie banal meine Figuren, wie unlogisch meine Handlungsstränge und wie geeignet meine Stilversuche für die unterste Schreibtischschublade seien. Da ich vor ein paar Jahren angefangen hatte zu joggen, war ich sehr gespannt auf Polityckis neuestes Werk "42,195: Warum wir Marathon laufen und was wir dabei denken", eine selbsternannte Phänomenologie des Langstreckenlaufens.

Politycki schreibt Fußnoten, in denen er Novalis, Kleist, Schiller und Nietzsche zitiert, und seine Antwort auf die Titel-Frage lautet: Man läuft, um dem Tod zu entkommen. Das mag wohl schwerfällig und unlustig klingen, ist es aber nicht. Gar nicht. "42,195" ist genauso unterhaltsam und überraschend wie die Gedankenketten, die beim Laufen entstehen. Als Hörbuch für Jogger, stelle ich mir vor, ist dieses Werk ein echter Knaller. "42,195" enthält sogar Kilometer statt Kapitel, und Politycki hat ein scharfes sarkastisches Auge für die vielen Absurditäten der Laufszene.

Wo Clowns an den Start gehen, sollte man sich mit Frohsinn wappnen. Nicht jeder beschränkt sich auf lilatürkisorange Kostümierung, Lebensfreude geht noch weit bunter: als Hänsel oder Gretel, Cowboy oder Indianer, Biene Maja oder Batman … Nein, wir sind nicht in der heilen Welt eines Kindergeburtstags, hier betreiben erwachsene Menschen einen Ausdauersport, dessen unfreiwilliger Erfinder bekanntlich tot im Ziel zusammenbrach…. Männer im Anzug, Männer in Tutu-Röckchen und Netzstrümpfen oder, halbdutzendweis, als blau angemalte Schlümpfe, Sieben Zwerge oder Horde keulenschwingender Steinzeitmenschen… Beim New-York-Marathon geriet ich gleich zu Anfang hinter einen Kerl, der fast nackt lief und ein riesiges "Holzkreuz" geschultert hatte. Für diesen Anblick hatte ich entschieden zu wenig trainiert.

Wenn Laufen, und nebenbei bemerkt auch Schreiben, ein (letztendlich aussichtsloser) Akt gegen den Tod ist, liegt die Schlussfolgerung nahe, dass die Höhenflüge des Geistes, die man beim Laufen und Schreiben erlebt, einen wesentlichen Teil unseres Lebensinns ausmachen. So eine der Einsichten, die ich von dieser Lektüre mitgenommen habe, und das obwohl ich als "Jogger" sehr viel weniger Zeit und Energie aufbringe als die fanatischen Läufer, die in Polityckis Buch hin und her rennen.

"42,195" brachte mich sogar der Idee ein kleines bisschen näher, vielleicht eines Tages selbst einen Marathon zu probieren. Obwohl, um ehrlich zu sein: Ich habe das Buch auch ganz schön bequem auf meinem Sofa gelesen.

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