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Welt

Molenbeek: Kicken gegen den Terror

Brüssel und London: In beiden Städten schlug der islamistische Terror zu. Zwei Fußballvereine versuchen Jugendliche von der Radikalisierung fernzuhalten. Doch die Möglichkeiten der Klubs sind stark begrenzt.

"Allez Jeunesse! Allez Jeunesse!" Am Spielfeldrand jubelt eine Gruppe kleiner Kinder ihren älteren Kameraden zu. Auf ihren Wangen haben sie die belgischen Nationalflaggen aufgemalt. Die "Jeunesse Molenbeek Academie", kurzum "Projet Foot", spielt gegen TUFF FC aus London. Die beiden Jugendvereine entstanden im Kampf gegen Diskriminierung und Radikalisierung und stehen für Integration und Toleranz. Auf dem Spielfeld schenken sich aber nichts.

Gespielt wird im "Stade du Sippelberg", ein kleiner Bolzplatz im Brüsseler Stadtteil

Molenbeek

zwischen Plattenbauten und U-Bahntrasse. Molenbeek gelangte durch die Terroranschläge in Paris und Brüssel zu trauriger Berühmtheit. Einige Attentäter und Hintermänner lebten im Bezirk. Am Tag nach den Pariser Anschlägen nahm die belgische Polizei unweit des Stade du Sippelberg, vor der Metrostation Osseghem, vor laufenden Kameras einen Terrorverdächtigen fest. Die Bilder gingen um die Welt.

Mohamed Tabakkalt, Gründer des Molenbeeker Vereins Projet Foot (Foto: DW/J. Vattan)

Vereinsmanager Tabakkalt: "Wir brauchen mehr Geld und Personal"

Mangelnde finanzielle Unterstützung in Molenbeek

"Endlich bekommen wir Aufmerksamkeit! Schauen Sie sich um: Es sind Journalisten aus England hier, aus ganz Europa. Endlich werden sie Leute sehen, was wir hier machen und welche Talente wir hier haben", freut sich Mohamed Tabakkalt. Er kämpft seit 15 Jahren für seine Molenbeeker Nachwuchskicker. Angefangen hat sein Engagement als Eltern ihm erzählten, ihre Kinder würde im Fußballtraining wegen ihrer marokkanischen Wurzeln diskriminiert. Tabakkalt gründete kurzerhand seine eigene Jugendmannschaft, die "Jeuneusse Molenbeek Academie".

Ein Team reichte schnell nicht mehr aus, immer mehr Jungs und Mädchen aus Einwandererfamilien kamen dazu. Finanziert wird das Training ausschließlich über die Beiträge der Eltern. Zuschüsse und Sponsoren gibt es trotz aller Bemühungen keine. "Nachdem was hier in Molenbeek passiert ist, bräuchten wir viel mehr Geld und Personal", klagt Tabakkalt mit Blick auf die Terroranschläge von Paris und Brüssel. "Das hat für die Kinder auch psychologische Folgen. Eine richtige Betreuung der Kinder können wir mit unserem Budget aber nicht bieten." Tabakkalt hofft, dass der Besuch der Gastmannschaft aus England die nötige Aufmerksamkeit bringt, damit sein Verein endlich die erhofften Zuschüsse bekommt.

Radikalisierungsversuche am Spielfeldrand

Der Londoner TUFF FC hat binnen wenigen Jahren das geschafft, wovon Mohamed Tabakkalt noch immer träumt. Der Verein bietet für über 600 Mädchen und Jungs Fußballtraining, Sprechstunden mit Psychologen und Integrationskurse an. Gegründet wurde er von Anna Prior. Das Engagement der ehemaligen Kunsthändlerin fing nach den Londoner Terroranschlägen im Jahr 2005 an, als sie interkulturelle Straßenfeste organisierte. Bei einem der Feste erfuhr sie, dass die Kinder in ihrem Stadtteil ausschließlich auf den Betonplätzen zwischen den Wohnbauten Fußball spielen würden. Der lokale Sportplatz wäre zu teuer. Prior begann Spenden für die Platzmieten zu sammeln und warb Freiwillige als Trainer an - der TUFF FC war entstanden.

Trotz der guten Betreuung kann der Verein keine Sicherheit vor radikalen Einflüssen bieten. "Vor ein paar Monaten zeigten mir Spieler Nachrichten, die sie auf ihren Smartphones erhalten hatten. Das waren Rekrutierungsversuche des IS", erzählt Shamender Talwar. Er ist einer der Mitinitiatoren des Londoner Vereins. Dank großzügiger Spenden kann sich der Verein ein kleines Team an Psychologen leisten, die regelmäßig das Training besuchen. Talwars Kollegen redeten mit den Jugendlichen über die Nachrichten des sogenannten "Islamischen Staates". Mit Erfolg: Keiner der Jugendlichen reagierte auf die Anwerbeversuche.

Azzedine ist Trainer beim Brüsseler Fußballverein Projet Foot (Foto: DW/J. Vattan)

Radikale Islamisten versuchten Molenbeek-Trainer Azzedine für den Dschihad in Syrien anzuwerben

"Vor fünf Jahren haben mich hier in Molenbeek Leute angesprochen. Sie wollten, dass ich nach Syrien gehe", erzählt Azzedine, ein Trainer von "Projet Foot". "Damals war das Thema noch nicht groß in den Medien, ich wusste nicht viel darüber. Meine Eltern und mein Imam haben mich überzeugt hier zu bleiben." Teammanager Tabakkalt bedauert, dass er in solchen Situationen nicht für seine Kicker da sein kann: "Hätten wir mehr Budget und das richtige Personal, dann könnten wir auf solche Fälle richtig eingeben. Aber so können wir den Jugendlichen nur Fußball bieten."

Alternative zur Straße

Mohamed Tabakkalt ist stolz auf seine sportlichen Erfolge. Zwei Talente aus Molenbeek wurden bereits von der nationalen Fußballakademie entdeckt und trainieren jetzt im belgischen Nachwuchskader. Das erste Spiel geht im belgischen Nieselregen zu Ende. Der Londoner TUFF FC gewinnt mit 2:1. Die jungen Molenbeek-Fans am Spielfeldrand jubeln den überlegenen Gästen zu. Die Spieler der beiden Teams reichen sich nach dem Abpfiff die Hände. Jetzt sind die Mädchen-Teams dran.

Anna Prior, Gründerin des Londoner Fußballvereins TUFF FC (Foto: DW/J. Vattan)

TUFF FC-Gründerin Anna Prior: "Ich bin überrascht, was man mit Teamsport alles erreichen kann"

"Ich bin selber überrascht, wie positiv sich Teamsport auf die Jugendlichen auswirkt", sagt Anna Prior von TUFF FC. "Sie lernen sich gemeinsam für eine Sache einzusetzen, füreinander da zu sein. Zusätzlich müssen sie pünktlich zu den Trainings erscheinen und lernen Disziplin. Das ist die beste Alternative zum schlechten Einfluss der Straßengangs."

"Das Beste am Fußball ist, dass ich in meiner Freizeit etwas zu tun habe", sagt Mohammed. Der junge Molenbeek-Spieler musste gegen TUFF FC gerade eine Niederlage einstecken. "Selbst in meinem Alter gibt es schon welche, die den ganzen Nachmittag auf der Straße abhängen", gibt Mohamed zu. Jetzt steht er am Spielfeldrand und feuert die Mädchenmannschaft an.

"Der Fußball ist ein Rückzugsort"

"Wir wollen mit unserem Besuch ein Beispiel setzten. Wir wollen zeigen, dass uns der Terror nicht auseinander reißt", sagt Iqra. Sie spielt in der Mädchenmannschaft des TUFF FC. "Für manche ist Fußball ein Rückzugsort, der Jugendliche von Problemen fernhält."

Iqra und ihr Team gewinnen. "Jeunesse Molenbeek Academie" verliert auch das zweite Spiel an diesem Tag. Enttäuscht ist Trainer Mohamed Tabakkalt aber keineswegs. "Wenn wir zu einem Rückspiel nach London eingeladen werden, dann bin ich schon zufrieden", lacht Tabakkalt. "Und vielleicht bekommen wir doch noch Geld von der Stadtverwaltung."

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