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Europa

Molenbeek kämpft gegen das Terror-Image

Der Brüsseler Stadtteil hat es zu fragwürdigem Weltruhm gebracht: Im US-Wahlkampf sprach Präsidentschaftskandidat Donald Trump sogar von einem "Höllenloch". In der belgischen Hauptstadt regt sich jetzt Widerstand.

Kulturzentrum Molenbeek (Foto: D. Pundy/DW)

Bewohner in Molenbeek setzen mit Aufklebern in den Fenstern ein Zeichen gegen islamistischen Terror

"Als ich in den Nachrichten von den Anschlägen in Paris hörte, hatte ich gleich Angst, dass wir damit zu tun haben könnten. Aber dass dann Jungs, die hier aufgewachsen sind, wirklich unter den Attentätern waren - es war so ein Schock!" - Sarah Turine, Jugendbeauftragte des Bezirks Molenbeek erinnert sich nur ungern an die Tage nach dem 13. November 2015. Tägliche Hausdurchsuchungen und Verhaftungen brachten ihr Viertel damals in die Medien.

Höhepunkt war die Jagd nach dem flüchtigen Attentäter Salah Abdeslam, der sich im Haus Nummer 47 in der Rue Delaunoy verschanzt haben sollte. Stundenlang belagerte die Polizei das Gebäude, Scharfschützen lauerten auf den Dächern der Nachbarhäuser. Das Viertel war weiträumig abgesperrt. Schnell waren auch Journalisten aus aller Welt zur Stelle, Falschmeldungen machten die Runde. Schon vorher galt die Gemeinde als Brutstätte für Islamisten - jetzt stand ganz Molenbeek unter Generalverdacht.

Wendepunkt für Molenbeek?

Knapp drei Monate nach den Anschlägen ist in der Rue Delaunoy wieder Ruhe. Das Haus Nummer 47 ist seither unbewohnt, die Fenster mit Spanplatten versperrt. In der Ferne leuchtet der Turm des Brüsseler Justizpalasts - in den umliegenden Gerichtsgebäuden wurden Molenbeeker Jugendliche nach den Anschlägen verhört.

"Auch wenn es wieder ruhiger ist, der Schrecken wirkt nach. Das Gute daran ist, dass jetzt viele Leute im Bezirk reinen Tisch machen und mit den Ursachen unserer Probleme aufräumen wollen", sagt Bezirkspolitikerin Turine. Es gebe eine Menge neuer Projekte, um vor allem Jugendliche von islamistischen Predigern im Viertel fernzuhalten: "Es kommen auch immer mehr Leute von außerhalb, die sich selbst ein Bild von Molenbeek machen wollen."

Ein Stadtführer gegen Vorurteile

"In Brüssel gibt es keine Ghettos - nicht mal hier in Molenbeek!", klärt Stadtführer Erik Nobels seine Gruppe auf. Er will ihnen Molenbeek zeigen, wie es wirklich ist. Die Wahrheit sei eben, dass man nicht alle dort über einen Kamm scheren könne. Die radikalisierten Jugendlichen, die weltweit für Schlagzeilen gesorgt haben, sind für ihn traurige Einzelfälle.

Stadtführung mit Erik Nobels (Foto: D. Pundy/DW)

Stadtführer Erik Nobels: "In Brüssel gibt es keine Ghettos."

"Wäre ich gläubig, wäre ich wohl Priester geworden", scherzt er, "jetzt predige ich eben vor meinen Besuchergruppen". An diesem Nachmittag sind 25 Leute gekommen, um ihm zuzuhören: Die meisten in Wanderstiefeln und wetterfesten Outdoor-Jacken mit teuren Fotoapparaten vor der Brust. Es sind fast nur Belgier, für internationale Touristen gibt es eine Tour auf Englisch.

Der Weg führt die Gruppe durch die engen Gassen hinter den Fabrikgebäuden am Kanal entlang, der Molenbeek vom Brüsseler Stadtzentrum trennt: Rechts und links stehen niedrige, einfache Wohnhäuser, nicht teuer, aber auch nicht schäbig. Sie könnten überall in Brüssel stehen. Nichts deutet darauf hin, dass hier extremistische Islamisten aufgewachsen sein sollen.

Ab und zu nur rollt ein Auto vorbei, fast jeder Fahrer hält bei der Gruppe kurz an, schaut fragend aus dem Fenster und fährt kommentarlos weiter. Ein Mann kommt vorbei und hört kurz zu, was der Stadtführer zu erzählen hat. Dann nickt er freundlich, grüßt und geht weiter. "Macht Ihr hier Safari, oder was?", ruft jemand zornig von der nächsten Straßenecke. Ein Jugendlicher mit einem Skateboard unter dem Arm hat die Gruppe entdeckt und zieht laut schimpfend weiter.

"Es ist alles übertrieben"

Der Tross wandert weiter in die Rue de Ribaucourt. Waschsalons, Handyshops und Gemüseläden locken hier mehr Menschen auf die Straßen. Dass Brüssel seit den Anschlägen einen so schlechten Ruf hat, dass sogar Donald Trump die Stadt ein "Höllenloch" nannte, findet Waafa ziemlich komisch: "Das ist doch alles übertrieben! In der Woche nach den Anschlägen waren die Straßen hier voller Journalisten, aber gleich danach war alles wieder ganz normal."

Waafa arbeitet als Verkäuferin in einer arabischen Bäckerei. Fladenbrote, Sesamringe und Baklava füllen ihre Vitrinen. "Ich bin hier aufgewachsen, meine Nachbarn sind wie eine Großfamilie für mich", erzählt sie: "Das waren ein paar Jungs, die nur Dummheiten im Kopf hatten, aber die meisten hier machen keine Probleme."

Auch Stadtführer Erik will beweisen, dass Molenbeek nicht vom radikalen Islam beherrscht wird. Er führt seine Gruppe ins Kulturzentrum: ein Ziegelbau mit großen Fenstern und hohen Räumen ähnlich wie die alten Industrieanlagen am Kanal. "Seht euch das an! Wäre Molenbeek ein islamistisches Viertel, gäbe es das hier sicher nicht!", ruft Erik und zeigt auf vier großformatige Fotografien von Afrikanern an der Außenwand des Kulturzentrums. Ein Foto zeigt eine Frau mit freiem Oberkörper - sie trägt nur einen langen Rock.

Werden weniger Jugendliche nach Syrien reisen?

Fast an jeder Straßenecke bemüht sich Stadtführer Erik, mit Anekdoten die Furcht vor radikalisierten Jugendlichen auszuräumen: "Das ist sind alles Einzelfälle, kein Grund sich zu fürchten." Für Jugendstadträtin Sarah Turine aber ist die Sache nicht so einfach: "Fast jeder hier im Viertel kennt jemanden, der zum Kämpfen nach Syrien gereist ist. Dass diese Jungs als Monster zurückkehren und hier in Europa Menschen ermorden, das müssen wir verhindern."

Sie weiß, dass sie mit ihren De-Radikalisierungsprogrammen nicht alle jungen Männer im Viertel erreichen wird: "Der nächste Sommer ist für uns die Stunde der Wahrheit. Im Sommer geht die Zahl der Reisen nach Syrien immer sprunghaft hoch. Erst dann wissen wir, ob unsere Arbeit erfolgreich war."

Bezirksamt Molenbeek (Foto: D. Pundy/DW)

Das Molenbeeker Bezirksamt diente jungen Künstlern als Vorlage für ein Wandbild am Nachbarhaus

Letzte Station der Stadtführung ist das Bezirksamt von Molenbeek. Hier arbeitet Mohamed Abdeslam, seine beiden Brüder gehören zu den Attentätern von Paris. Für Erik eine Gelegenheit, um die Geschichte der Familie zu erzählen: "Die Eltern hatten hier in der Nähe einen Laden. Aber der brannte aus, und weil sie keine Versicherung hatten, standen sie vor dem Ruin."

Die Söhne hätten ihr Glück mit einer Kneipe versucht, berichtet Erik: Die wurde schnell zum Umschlagplatz für Drogen und von den Behörden geschlossen. Da habe die Familie ein zweites Mal vor dem Aus gestanden. Tage später sprengte sich dann einer der Brüder bei den Anschlägen in Paris in die Luft. Der andere warf seine Sprengstoffweste weg und ist seitdem auf der Flucht. Aus Eriks Mund klingt das eher nach einer Verzweiflungstat als nach einem islamistischen Terrorakt.

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