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Europa

Moldauer dürfen visafrei in die EU reisen

Die Vorfreude war groß: Bürger der Republik Moldau können seit dem 28. April ohne Visum in die EU einreisen. Diese Entscheidung wurde durch die Ukraine-Krise beschleunigt, sagt ein Spitzenpolitiker.

Studentin Catalina Russu in Chisinau / Republik Moldau (Foto: Simion Chiorchina)

Die Studentin Catalina Russu freut sich auf ihre erste EU-Reise ohne Visum

Catalina Russu schaut in ihren Reisepass, der mehrere Visa enthält. In Zukunft wird die moldauische Studentin nicht mehr stundenlang vor der Botschaft eines EU-Landes Schlange stehen müssen. "Es kostete viel Zeit, um bei einer Botschaft alle Dokumente einzureichen für ein europäisches Visum. Jetzt bin ich eine der ersten Glücklichen, die ohne Visum in die Europäische Union reisen kann." Catalina will in die griechische Hauptstadt Athen fahren, um an einem Studentenwettbewerb teilzunehmen. "Wir sind alle glücklich, dass wir diesmal ganz schmerzfrei in die EU dürfen", lacht die 21-Jährige. "Ich habe drei Mal ein Visum für Rumänien beantragt, einmal für Deutschland und einmal für Polen. Jedes Mal habe ich an Studentenprojekten teilgenommen." Die Prozedur war immer gleich: Catalina musste viele Dokumente vorlegen, die den Reisezweck belegten. Sie musste per Kontoauszug beweisen, dass sie ausreichend Geld für die Reisekosten hatte. Die geforderten 50 Euro pro Tag sind gerade für Bürger der Republik Moldau ein sehr hoher Betrag - bei einem monatlichen Durchschnittseinkommen von knapp über 200 Euro. Außerdem musste jeder ein Ticket für die Rückreise vorzeigen.

In Meinungsumfragen ist eine Reise in die EU ohne Visum der größte Wunsch vieler Moldauer. Besonders junge Menschen träumen von einem Urlaub in der EU oder besseren Ausbildungsmöglichkeiten in Europa. Viele wollen auch dort arbeiten. Denn die Republik Moldau ist eines der ärmsten Länder Europas. Überweisungen von Familienangehörigen, die im Ausland arbeiten, machen über 25 Prozent der Bruttoinlandsproduktes (BIP) des Landes aus. Nach Angaben der moldauischen Staatskanzlei betragen zudem die Finanzhilfen der EU inzwischen über 30 Prozent des BIP. Ohne solche Transferleistungen wäre der kleine Staat überhaupt nicht überlebensfähig.

Moldau ist Vorreiter der Östlichen Partnerschaft

Der Vize-Außenminister der Republik Moldau, Iulian Groza (Foto: Simion Chiorchina)

Vize-Außenminister Groza: "EU honoriert Reformprozess"

Von allen Staaten, mit denen die EU den Vertrag über die Östliche Partnerschaft geschlossen hat, ist die Republik Moldau nun der erste, deren Bürger von der Visa-Liberalisierung profitieren. Auch für Iulian Groza ist es ein großer Tag. Der moldauische Vize-Außenminister hat seit mehr als vier Jahren mit den EU-Beamten um die Visa-Freiheit gerungen. "Die Visa-Liberalisierung begann im Jahr 2010. Der Dialog zwischen der Republik Moldau und der EU dauerte fast drei Jahre. Die Kollegen haben hart dafür gearbeitet. Nun honoriert die EU den langen Reformprozess in der Republik Moldau", sagt Groza nicht ohne Stolz.

Iulian Groza gibt ganz unumwunden zu, dass die

Ukraine-Krise

den Entscheidungsprozess innerhalb der EU beschleunigt hat. Im strategischen Ringen zwischen Russland und der EU um die Grenzregionen hat die Republik Moldau nun im Schnellverfahren die Visa-Freiheit errungen.

Doch auch das visafreie Reisen ist für die Moldauer an Bedingungen geknüpft: Sie dürfen pro Halbjahr nur insgesamt 90 Tage in der EU verbringen. Außerdem gilt die Visafreiheit nicht für die EU-Staaten Großbritannien und Irland. An der Grenze müssen moldauische Bürger das Reiseziel angeben und einen Mindestbetrag von 50 Euro pro Reisetag oder ein Hin-und Rückflugticket vorweisen. Für Vize-Außenminister Iulian Groza ist das kein Problem. Seiner Ansicht nach werden die Moldauer die Aufenthaltsbedingungen in der EU nicht verletzen: "Unsere Bürger müssen nicht mehr Schlange stehen für ein EU-Visum. Dass diese Barriere wegfällt, ist ein starkes Signal. Die Republik Moldau ist nun das einzige Land in der Region, dessen Bürger gleichzeitig frei nach Osten und Westen reisen können."

"Keine neue Ausreisewelle"

Moldauisch-rumänische Grenzkontrolle in Oancea (Foto: Simion Chiorchina)

Moldauisch-rumänische Grenzkontrolle in Oancea

Als die ehemalige Sowjetrepublik Anfang der 1990er Jahre unabhängig wurde, hatte das Land noch rund vier Millionen Einwohner. Seither haben mehr als eine Million ihre Heimat verlassen. Etwa eine halbe Million arbeiten schon seit Jahren legal oder illegal in den Staaten der Europäischen Union, sagt Ghenadie Cretu. Der Experte der Internationalen Organisation für Migration befürchtet deshalb keine neue Ausreisewelle durch die neue Visafreiheit. "Denn viele, die gehen wollten, sind schon fort. Sie haben zum Beispiel rumänische Pässe benutzt." Moldauer können relativ einfach rumänische Pässe bekommen, wenn sie ihre rumänische Herkunft beweisen können. Denn vor der Annexion durch die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg gehörte das Gebiet zu Rumänien.

"Unsere vorläufige Schätzung ist, dass in den nächsten sechs Monaten nicht mehr als 10.000 bis 15.000 Menschen aus der Republik Moldau emigrieren werden", so Ghenadie Cretu. Wenn negative Auswirkungen der Visafreiheit zu befürchten sind, dann vor allem für die Republik Moldau selbst, meint der Migrationsexperte: Vor allem hochqualifizierte junge Menschen wie Catalina Russu wollen in anderen Ländern studieren, um ihre akademische Qualifikation zu verbessern oder neue Erfahrungen zu sammeln. Die Abwanderung der klügsten Köpfe muss die Republik Moldau erst einmal verkraften. In der EU sind junge Talente gefragt.

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