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Deutschland

Mojib Latif: "Häufung milder Winter"

In vielen Regionen Deutschlands war Weihnachten 2012 das wärmste seit Beginn der Aufzeichnungen vor 100 Jahren. Fragen an den Kieler Klimaforscher Mojib Latif.

Prof. Dr. Mojib Latif, Klimaforscher am GEOMAR http://www.geomar.de/fileadmin/content/service/presse/Pressemitteilungen/2012/2009-10-06_MLatif_Jsteffen.JPG

Klimaforscher Prof. Dr. Mojib Latif

DW: Das Weihnachtsfest 2012 war, so heißt es, zumindest in München das wärmste, seit Aufzeichnungsbeginn vor 100 Jahren. Aber Superlative werden in heutiger Zeit ja sehr schnell vergeben. Herr Latif, erleben wir wirklich gerade ein Jahrhundertereignis?

Mojib Latif: Naja, das muss man natürlich langfristig betrachten, wie man die Situation bewerten will. Ich vergleiche das immer ganz gerne mit einem gezinkten Würfel: Wenn der Würfel auf die Sechs gezinkt ist, dann kommt die Sechs häufiger, aber die anderen Zahlen kommen auch noch. Was wir in den vergangenen Jahrzehnten erlebt haben, ist eine Häufung milder Winter. Und der bisherige Verlauf dieses Winters passt eben genau in dieses Bild. Insofern würde ich sagen, es ist ein weiteres kleines Mosaiksteinchen dahin gehend, dass wir in der globalen Erwärmung tatsächlich schon mittendrin sind.

Nun hören wir gleichzeitig von der Situation in Russland, wo mehr als hundert Menschen durch die Kälte zu Tode gekommen sind, in den USA gibt es Schneestürme, die ganze Landstriche verwüsten - und wir sitzen in Deutschland bei Latte macchiato und Eisbecher in Straßencafés. Wie entstehen so entgegengesetzte Phänomene?

Also, man darf Wetter nicht mit Klima verwechseln. Wetter ist eigentlich immer gekennzeichnet durch Gegensätze. Wenn Sie irgendwo sehr warme Luft haben wie jetzt bei uns in Westeuropa, dann muss es irgendwo anders entsprechend kalt sein. Und das ist jetzt der Fall in Russland. Es kann nicht nur einfach ein Tiefdruckgebiet geben, irgendwo muss dann auch ein Hochdruckgebiet sein. Und gerade in Russland haben wir jetzt dieses dicke Hochdruckgebiet und das führt eben zu dieser buchstäblichen sibirischen Kälte.

Das heißt, es hätte auch uns treffen können?

Es hätte uns auch treffen können. Aber die Situation in Russland hat noch eine kleine andere Komponente: Es wird bei uns in Forscherkreisen spekuliert, ob nicht der Rückgang des Arktis-Eises zumindest temporär über einige Jahrzehnte diese Entwicklung begünstigen kann. Denn wir sehen in unseren Modellen, dass bei zurückgehendem Eis gerade in der Barentssee sich solche Hochdruckgebiete über Russland besser entwickeln können. Zum Teil können sie auch bis Europa ausstrahlen, auch nach Deutschland - unsere kalten Winter in den vergangenen Jahren könnten möglicherweise auch etwas damit zu tun haben. Aber langfristig, wenn das Eis immer weiter schmilzt in der Arktis, dann wird es auch in Sibirien immer wärmer werden.

Im Gedächtnis vieler Deutscher ist zum Beispiel die Schneekatastrophe 1978/79 noch sehr lebendig, einige erinnern sich auch noch an die Nachkriegswinter, die ja legendär hart und eisig kalt waren, 1962/63 war das ebenfalls so, damals war sogar der Bodensee zugefroren. Wie wahrscheinlich ist es, dass sich solche extremen Winter wiederholen?

Die Wahrscheinlichkeit nimmt immer weiter ab, je mehr wir in die Klimaerwärmung kommen. Aber im Moment ist die Erwärmung noch relativ klein, sodass wir jeden Winter damit rechnen müssen, solche extremen Temperaturen zu bekommen. Wir hatten es in den vergangenen Jahren noch mal gesehen: Letzten Winter hatten wir zwei Wochen, die extrem kalt gewesen sind. Also, solche Winter werden so schnell nicht verschwinden. Aber wenn wir so weitermachen wie bisher und wir eine Erderwärmung von vier, fünf Grad bekommen bis zum Ende des Jahrhunderts, dann ist die Wahrscheinlichkeit fast gleich null, dass wir noch solche Bedingungen bekommen werden.

Und in welcher Weise können wir hier überhaupt vermittelt bekommen, dass es unser Verhalten ist, das Auswirkungen auf das Klima, auf die zukünftige Entwicklung hat?

Wir können immer nur wieder aufklären, dass die bisherigen Emissionen von Treibhausgasen in die Luft, allen voran von CO2, durch die Industrienationen kommen, dass wir aber nicht notwendigerweise mit den schlimmsten Auswirkungen zu rechnen haben, sondern gerade die, die relativ wenig CO2 in die Luft geblasen haben. Und das ist eine himmelweite Ungerechtigkeit, auf die man immer wieder hinweisen muss. Und man darf nicht vergessen: Wenn sich die Lebensbedingungen immer weiter auseinanderentwickeln dahin gehend, dass es in den Ländern des Südens immer schwieriger wird im Vergleich zu uns, dann wird es auch in der einen oder anderen Art und Weise die Weltsicherheit betreffen. Insofern dürfen wir nicht glauben, dass wir hier irgendwo isoliert leben, sondern wir leben in einer globalisierten Welt. Egal, wo etwas passiert, wird es auch immer in der einen oder anderen Art und Weise Auswirkungen auf uns selbst haben.

Mojib Latif ist einer der renommiertesten Klimaforscher Deutschlands. Er ist Professor am Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel (GEOMAR) und leitet dort den Forschungsbereich Ozeanzirkulation und Klimadynamik.

Das Gespräch führte Martin Koch.

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