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Kultur

Modernes Wohnen im Mehrgenerationenhaus

Wie will ich wohnen? Diese Frage stellt sich für jeden Lebensabschnitt neu. Oft bestimmen jedoch äußere Umstände die Art und Weise, wie wir wohnen. Es geht aber auch anders, wie ein Wohnprojekt in Bonn zeigt.

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Das Wohnprojekt "Amaryllis": 66 Menschen aller Generationen leben hier

Die Wände im Treppenhaus sind noch nicht verputzt, der Aufzug quietscht und der Garten ist eine Baustelle: Es gibt noch einiges zu tun. So ist das eben, wenn ein Haus gebaut wird. Nun ist es aber nicht ein Haus, sondern es sind gleich drei große Wohnkomplexe. Und es ist nicht eine Familie, die hier einzieht, es sind 66 Menschen, die nicht mehr haben alleine leben wollen – als Familie, Ehepaar, Single, Mutter, Witwe, Opa, Frührentner oder Rollstuhlfahrer.

"Ich bin keine Bilderbuchoma"

Mehrgenerationenhaus in Bonn

Seit Januar 2008 Bewohnerin im Mehrgenerationen-Wohnprojekt: Helga Arenhövel (74)

Die Initiatoren des Mehrgenerationen-Wohnprojekts "Amaryllis" in Bonn stehen am Ende einer zweijährigen Bauphase. Im Januar sind die letzten Bewohner eingezogen. Sie sind voller Neugier, was hier wohl passieren wird. "Ich bin sicher keine Bilderbuchoma", sagt die 74-jährige Helga Arenhövel, die es sich in ihrer Wohnung gemütlich gemacht hat, "aber wenn ich den Kindern stricken oder häkeln beibringen könnte, fände ich das ganz gut.“ Die Kinder, von denen Helga Arenhövel spricht, sind aber nicht ihre Enkel, sondern die ihrer Nachbarn.

Verschwinden der Großfamilie

Mehrgenerationenhaus in Bonn

"Hier stimmt die soziale Komponente": Jochen Lampe (44)

Dass die Oma im selben Haus wie ihre Kinder, Enkel oder gar Urenkel lebt, gibt es in Deutschland fast nicht mehr. In nur 2 von 100 Haushalten wohnen mehrere Generationen zusammen unter einem Dach.

Doch mit dem Verschwinden der Großfamilie fallen alltägliche Vorteile weg. Wer kümmert sich um die Kinder, wenn die Eltern aus dem Haus sind? Wer bringt der schwachen Frau die Kiste Mineralwasser vom Einkauf mit? Von wem kann man sich spontan ein Auto leihen, wenn man selbst keins hat?

Mehr als nachbarschaftliche Hilfe

Mehrgenerationenhaus in Bonn

Mit Katze, Kind und Kegel: Anneke Berger (43) lebt mit Mann und drei Kindern in einer Haushälfte

Die Bewohner des Mehrgenerationen-Wohnprojekts sehen es pragmatisch. Doch geht es nicht nur um nachbarschaftliche Hilfe. Jeder hat hier seine eigenen vier Wände und kann entscheiden, ob er lieber alleine wohnt, oder in einem Haus oder in einer Wohngemeinschaft. Was zählt, ist die Möglichkeit zusammenzukommen. "Ob das jetzt ein Spieleabend mit den Kindern ist oder ein tiefgründiges Gespräch mit meinem Nachbarn“, sagt der 44-jährige Jochen Lampe. Er ist körperbehindert und sitzt im Rollstuhl.

Die Alternative wäre für ihn betreutes Wohnen oder ein Altenwohnheim. "Da hat mir die soziale Komponente gefehlt, die es hier gibt. Es sind so viele helfende Hände hier. Im alltäglichen Leben haben die Leute zu viel Respekt vor der Behinderung.“

Europa: Trend zum Singlehaushalt

Dass mehrere Generationen in einem Wohnprojekt zusammenleben – und dabei nicht familiär gebunden sind – ist in Europa ungewöhnlich. Der Trend zu den Ein- oder Zweipersonenhaushalten nimmt nicht nur in Deutschland zu. In den skandinavischen Ländern gibt es gar mehr Singlewohnungen als Mehrpersonenhaushalte.

Nur in Spanien, Irland und Portugal leben noch durchschnittlich drei Personen unter einem Dach. Haushalte aus mehr als zwei Generationen sind aber auch in diesen Ländern eine Seltenheit geworden.

Kindergeschrei und eine helfende Hand

Mehrgenerationenhaus in Bonn

Ein Drittel der Bewohner sind junge Familien

Manchmal sind es aber auch ganz einfache Dinge, die sich die Bewohner des Wohnprojekts wünschen: Kindergeschrei vor der Türe, ein gemeinsames Essen mit den Nachbarn, ein Gespräch auf dem Balkon oder eine helfende Hand.

"Man muss hier nicht mit jedem gleich gut Freund sein", sagt Anneke Berger, die mit ihrem Mann und drei Kindern eine Haushälfte bewohnt. "Das geht ja auch gar nicht bei 66 Bewohnern. Mit manchen ist man einfach mehr befreundet als mit anderen."

Emotionales Neuland

Die Neugier auf das gemeinsame Wohnen ist bei allen Bewohnern groß. Für alle ist das Wohnprojekt emotionales Neuland. Und jeder hat seine eigenen Fragen. "Was passiert, wenn ich zum Pflegefall werde?", sagt Helga Arenhövel. "Was machen wir wenn die Kinder aus dem Haus sind?", überlegt sich Anneke Berger. "Wo klopfe ich an, wenn die Eltern nicht zu Hause sind?", fragt ihre 12-jährige Tochter. Noch können diese Fragen nicht beantwortet werden. Es gilt auszuprobieren. Und die Gewissheit, nicht alleine dazustehen, wenn sich die Lebenssituation verändert.

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