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Kultur

Modernes Aschenputtel auf der Leinwand

Ihre Geschichte wurde zum Weltbestseller, ihr intimes Trauma zur politischen Mission. Waris Dirie war Nomadenkind, Beschneidungsopfer, Flüchtling, Supermodel und UNO-Botschafterin. Sherry Hormann hat ihr Leben verfilmt.

Waris Dirie (Foto: dpa)

Waris Dirie

Waris ergreift die Flucht - vor ihrem strengen Vater, der sie zwingen will, die vierte Ehefrau eines schon alten Mannes zu werden. Zu Fuß macht sich das Nomadenmädchen ganz allein auf die beschwerliche, lange Reise in die somalische Hauptstadt Mogadischu, wo die 13-Jährige halb verhungert und mit wunden Füßen ankommt. Einige Jahre später wird man sie in einer renommierten Model-Agentur fragen, ob sie "laufen" könne.

Szenenbild aus 'Wüstenblume' (Foto: Majestic Film)

Flucht durch die somalische Wüste

Da hat es bereits begonnen, das moderne Aschenputtel-Märchen. Die unendlichen Strapazen der Flucht haben sich gelohnt, denn mit Hilfe von Verwandten konnte die kleine Waris nach London gelangen, wo sie zunächst in der somalischen Botschaft als Hauspersonal unterkommt und sich nach und nach ihre Hoffnungen auf ein Leben in Freiheit erfüllen.

Aufstieg zum Top-Model

Filmplakat zu 'Wüstenblume' (Foto: Majestic Film)

Filmplakat "Wüstenblume"

Als die inzwischen erwachsene Waris (Liya Kebede) Jahre später in einem Fastfood-Restaurant als Putzfrau arbeitet, kommt es zur entscheidenden Begegnung ihres Lebens mit dem Mode-Starfotografen Terry Donaldson (Timothy Spall), den Waris' apartes Gesicht inspiriert. Ihm hat sie einen geradezu kometenhaften Aufstieg als Top-Model zu verdanken, dem die deutsch-amerikanische Regisseurin und Drehbuchautorin Sherry Hormann mit glamourösen Bildern viel Raum gibt. Jedoch verliert "Wüstenblume" nie sein ernstes Thema aus dem Auge: die weibliche genitale Verstümmelung. Denn es ist dieses am eigenen Leib erlittene Trauma, das Waris Diries Karriere überschattet.

Grausames Ritual

Hormann entwirft das Porträt einer starken Frau, die sich erst als Erwachsene bewusst wird, dass sie Opfer eines Verbrechens wurde. Zur Schlüsselszene wird dabei der sehr intime Dialog zwischen Waris und ihrer leicht überdrehten britischen Freundin Marylin (Sally Hawkins), die keine Hemmungen hat, offen über Sexualität zu reden. Zu diesem Zeitpunkt ahnt Waris noch nicht, dass Europäerinnen ihre Mädchen nicht beschneiden.

Die fürchterlichste Szene, in der die "Mörderin" - wie Dirie sie in ihrer Autobiografie nennt - in einer Rückblende dem weinenden Mädchen mit einer Rasierklinge Klitoris und Schamlippen wegschneidet und die Wunde mit Zwirn vernäht, spart sich der Film bis kurz vor Schluss auf. Kaum auszuhalten ist das und beängstigend authentisch. Und doch sind diese grausamen Bilder unverzichtbar, weil sie den unermesslichen Schmerz erahnen lassen, die dem Film seine Ernsthaftigkeit geben.

Appell an die Menschlichkeit

Filmszene aus 'Wüstenblume' (Foto: Filmfest Oldenburg)

Aus der Wüste ins Modell-Business

Mit einem klaren Appell für ein Verbot des unmenschlichen Rituals ist "Wüstenblume" ein gesellschaftspolitisch wichtiger Film. Zwar skizziert er die afrikanische Lebenskultur nur rudimentär, die beispielsweise der afrikanische Regisseur Ousmane Sembène, der auch ein großer Kritiker des Beschneidungsrituals ist, in seinen Filmen "Faat Kiné" und "Moolaadé" weitaus differenzierter einfängt. Doch hat es auch sein Gutes, dass "Wüstenblume" in seiner kommerziellen Machart auf ein größeres Publikum zielt. Denn noch heute werden - so ist im Abspann zu lesen - täglich weltweit rund 6000 Mädchen beschnitten. Es bleibt noch viel zu tun, damit die weibliche Genitalverstümmelung eines Tages Geschichte ist.

Autorin: Kirsten Liese

Redaktion: Elena Singer