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Politik

Moderne Mafia

Camorra, Triaden - sie hat viele Namen und agiert weltweit: Die Mafia. Das organisierte Verbrechen boomt und hat Ländergrenzen längst überwunden. Eine UN-Konferenz in Wien widmet sich dem Kampf dagegen.

Blutige Windschutzscheibe mit Einschußloch

Das organisierte Verbrechen arbeitet weltweit vernetzt

Für diese Aufgabe muss man Idealist sein. Walter Kemp bestreitet das nicht. "Aber was ist denn die Alternative?" fragt der Sprecher vom UN-Büro für Drogen und Kriminalität. "Es gibt keine! Wir müssen den Kampf gegen das globale organisierte Verbrechen aufnehmen - auch wenn es unmöglich scheint, diesen Kampf zu gewinnen." 147 UNO-Mitgliedsstaaten haben sich jetzt zusammengetan, um der Mafia den Kampf anzusagen. Ihre Vertreter - mehr als 1000 Diplomaten - treffen sich noch bis kommenden Freitag (17.10.2008) in Wien und verhandeln über Strategien der internationalen Zusammenarbeit. Auf die kommt es an.

Denn der Gegner ist optimal vernetzt. Mafia, das bedeutet heute ein dichtes, weltweites Geflecht aus Handel, Schmuggel und Korruption. Zwei bis drei Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung sind kriminelle Geschäfte, schätzt die UNO. Das wären 1,3 Billionen Dollar. Afrikanische Schmuggler arbeiten mit südamerikanischen Drogenhändlern zusammen, albanische Kriminelle tauschen im Nahen Osten Waffen gegen Heroin. Je liberaler der Handel, je offener die Finanzmärkte, desto leichter haben sie es. Waffen-, Zigaretten-, Menschenschmuggel bestimmen das kriminelle Mosaik. Und immer noch vor allem eines: Drogen.

Drogen-Krieg

Zigaretten-Schmuggler in Berlin. Quelle: AP

Zigaretten-Schmuggel, Waffenhandel, Menschenraub weltweit: Mafia-Arbeit

Es ist ein globaler Handel: Aus Südamerika wird das Kokain nach Afrika geschmuggelt und kommt von dort nach Europa. 200 Millionen Kunden hat das Drogengeschäft weltweit, der Markt hat einen Gesamtumfang von 390 Milliarden US-Dollar. Das sei 16-mal so groß wie der globale Markt für Tabak, 65-mal größer als der für Kaffee, hat Die Zeit errechnet. In Mexiko, einem klassischen Transferland für Drogen auf dem Weg in die USA, tobt der Bandenkrieg. 3000 Menschen sind ihm allein in diesem Jahr zum Opfer gefallen. Mafiakartelle streiten sich um die besten Transport-Korridore in die USA. "Je ärmer das Land ist, desto verletzlicher ist es für Mafia-Strukturen und organisierte Kriminalität", erklärt Kemp.

Kaviar und Bäume

Kokain-Konsum

Ein langer Weg: Bis das Kokain in Europa konsumiert wird, geht es durch zahlreiche Länder

Die weltweite Kaviar-Mafia schmuggelt Fischeier. Die Holzmafia fällt reihenweise Bäume in Indonesien und bringt das Edelholz ungesehen nach Europa. Im Niger-Delta werden pro Tag tausende Barrels an Öl gestohlen, auf große Tanker geladen und in die ganze Welt verschifft. Örtliche Sicherheitsbehörden verschließen die Augen – und lassen sich dafür teuer bezahlen. Zwischen 600.000 und 800.000 Menschen werden jährlich Opfer von Menschenhandel, schätzt die Organisation für internationale Migration. Viele landen auf dem Sex-Markt in Ländern wie Deutschland. Dabei entdeckt das BKA immer mehr Kleinkinder. Auch das geht auf das Konto des organisierten Verbrechens.

Prostituierte. Quelle: AP

Menschenhandel und Prostitution sind die Hauptgeschäfte der Mafia

Auch in Italien, dem symbolischen Mutterland des Mafia-Daseins, gibt es mittlerweile internationale Kooperation: Die kalabrische Ndrangheta arbeitet eng mit ihren "Freunden" aus Albanien, Osteuropa, der Türkei, Südamerika zusammen. Die gegnerische Mafiaorganisation Camorra pflegt gute Kontakte nach China und Nigeria. Traditionelle Betätigungsfelder wie Prostitution überlässt die Camorra inzwischen Nigerianern – und widmet sich stattdessen der Markenpiraterie. Gefälschte Luxusprodukte im großen Stil ist die neue Boom-Branche der zwielichtigen Gestalten, mit Renditen wie im Drogenhandel. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) schätzt den Gesamtumsatz im Handel mit gefälschter Markenware auf mehr als 200 Milliarden Euro.

Kultur der Angst

Sizilien. Quelle: AP

Mafia-Hochburg Sizilien: Auch hier wird international kooperiert

"Die Mafia kreiert eine Kultur der Angst", sagt der Kriminologe Hans-Jürgen Kerner von der Universität Tübingen. "Sie wird unterschätzt." Kerner beobachtet eine erhebliche Entwicklung der transnationalen Kriminalität. Europa und besonders auch Deutschland spielten da eine entscheidende Rolle: "Wir haben hier nicht bloß Ruheräume", so Kerner. "Die Mafia wird mit dem deutschen Markt vertraut – und passt sich an."

Rainer Wendt, Vorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft, geht sogar noch einen Schritt weiter. "Wir haben in Deutschland ein massives Problem mit organisierter Kriminalität", sagt Wendt im Interview mit DW-WORLD.DE. Die Brisanz des Themas werde von der Politik nicht erkannt. "Die Politik reagiert erst, wenn wieder Tote auf der Straße liegen. Aber die Arbeit der Mafia findet im Verborgenen statt. Und dagegen muss man etwas tun."

Die unterschiedlichen Mafia-Banden haben sich Deutschland anscheinend aufgeteilt: Während sich die italienische Mafia vor allem im Ruhrgebiet um Schutzgelderpressungen und Geldwäsche kümmere, dominiere die russische Mafia Niedersachsen und Ostdeutschland mit Schmuggel und Menschenhandel, erklärt Wendt.

Lesen Sie auf Seite 2, wie die chinesische Mafia Europa erobert und wie machtlos die Polizei ist - im großen Kampf gegen das organisierte Verbrechen.

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