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Alltagsdeutsch – Podcast

Moderne Hexen

Nicht alle Bedürfnisse kann die wissenschaftlich-rationale Weltsicht befriedigen. Esoterische und okkulte Zirkel füllen die emotionalen Lücken. Ja, es gibt sogar Frauen, die von sich behaupten, eine Hexe zu sein.

O-Ton:

Zauberspruch

Zitat: Shakespeare, Hamlet

"Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als deine Schulweisheit sich träumen lässt."

O-Ton:

"Die Wiedergeburt der Hexen"

Sprecherin:

Jahrhundertelang wurden vor allem Frauen wegen angeblicher Zauberei verbrannt, allein in Deutschland endeten rund 40.000 Opfer des Hexenwahns qualvoll auf dem Scheiterhaufen. Meist waren es Kräuterfrauen und Hebammen, die wegen ihres Wissens über Verhütung und Abtreibung von der Kirche nicht geduldet wurden. Auch beruflich erfolgreiche und selbstbewusste Frauen wurden schnell von Neidern angezeigt; schon der bloße Verdacht der Hexerei bedeutete für die Betroffenen das Todesurteil. Als verbindlicher Leitfaden für alle Hexenprozesse erschien 1486 die Schrift "Malleus Maleficarum", der Hexenhammer, der beiden Dominikanermönche Heinrich Institor und Jacob Sprenger.

Sprecher:

Das Buch, das ausführlich die angeblich naturgegebene Anfälligkeit der Frau für Hexerei, ihre Untaten und die Maßnahmen zur Ausrottung beschrieb, galt den Richtern der unglücklichen Frauen als Leitfaden. Der Leitfaden ist natürlich kein Stück Schnur, sondern ein Lehrbuch. Das Wort stammt aus der griechischen Mythologie: Dort gab Ariadne, die Tochter des Königs Minos von Kreta, ihrem Geliebten Theseus ein Garnknäuel, damit er wieder aus dem Labyrinth herausfände. Er musste es nur aufribbeln, um am Garn entlang wieder zum Ausgang zu kommen. Keinesfalls jedoch durfte er den Faden verlieren, denn dann hätte er nicht mehr weiter gewusst und sein Leben hätte am seidenen Faden gehangen: Theseus wäre in tödlicher Gefahr gewesen. Dieses sprachliche Bild stammt aus der germanischen Vorstellung, dass Schicksalsgöttinnen für jeden Menschen einen Faden spinnen, den sie wieder zerschneiden können, wenn sein Leben zu Ende gehen soll. Von der Stärke des Fadens soll die Lebensdauer der Menschen abhängen.

Sprecherin:

Am seidenen Faden hing auch das Leben vieler Frauen, die einmal in die Fänge der Hexenjäger geraten waren. Ihre angeblichen Vergehen fasst der "Hexenhammer" zusammen:

Zitat: Hexenhammer

"Zuerst verleugnen sie Gott, sie schließen ein Bündnis mit Tod und Hölle, bringen dem Teufel kultische Ehre dar und ergeben sich seiner ewigen Dienstbarkeit. Sie pflegen geschlechtlichen Unfug mit den Teufeln, sie werden von diesen aufgenommen und nachts durch die Luft nach fernen Gegenden getragen, wo sie Zusammenkünfte abhalten und sich gegen das Wohl aller Menschen verschwören."

Sprecherin:

Der Würzburger Bischof ordnet 1531 an:

Zitat:

"Alle Woche auf Dienstag einen Hexenbrand zu thun, jedesmal 20 oder 30 Weiber, 25 zum allerwenigsten und nicht weniger als 15 auf einmal einzusetzen und zu verbrennen."

Sprecherin:

Die Hexen aus dem späten Mittelalter sind für uns heute stumm. Was von ihnen berichtet wird, stammt von ihren Richtern. Heute allerdings gibt es Frauen, die bekennen:

Rosy:

"Ich bin eine moderne Hexe, da steh' ich zu."

Inge:

"Ich würde sagen, dass ich Kräfte in mir entdeckt habe im Laufe der Jahre, die die meisten Menschen als übersinnlich bezeichnen würden."

Sprecherin:

Ob man Frauen wie Rosy und Inge für versponnene, entrückte Verrückte hält oder nicht – die Tendenz ist eindeutig: Das Übernatürliche ist gesellschaftsfähig geworden, und zwar nicht erst, seitdem der Zauberlehrling Harry Potter die Bestsellerlisten anführt. Magie und Esoterik, Schamanen oder Hexen: Das alles ist nicht mehr wegzudenken aus dem Alltag. Vor allem Frauen finden auf der Suche nach ihren geschichtlichen Wurzeln in alten Mythen und heidnischen Kulten ein Gegengewicht zur rationalen, gefühlskalten Welt der Technik. Für sie ist es kein Tabu mehr, sich zu ihrem Hexendasein zu bekennen.

Sprecher:

Wenn etwas tabu ist, ist es verboten. Der Begriff Tabu stammt aus der Sprache der Maori in Neuseeland und ist ein religiöses Gebot, bestimmte Menschen oder Orte zu meiden. Wer sich nicht daran hält, verliert den Schutz der Götter. Wenn moderne Hexen in der Natur ein Gegengewicht zur Technik finden, dann haben sie einen Ausgleich gefunden. Der Ausdruck stammt aus der Kaufmannssprache: Die Gewichte in beiden Waagschalen müssen ausgewogen sein. Daher auch die Redewendung großes Gewicht auf etwas legen, also etwas für wichtig halten.

Sprecherin:

Inge betreibt einen esoterischen Laden, wo der Kunde auf der Suche nach einschlägiger Literatur, der magischen Heilwurzel Alraune oder einem Amulett gegen den bösen Blick schnell fündig wird. In ihrer Freizeit und bei Vollmond trifft man sie meist in der freien Natur an:

Inge:

"Alles ist heilig, alles ist spirituell, und insofern haben moderne Hexen ihre Rituale oder Danksagungen an die Natur. Also, wenn mir etwas auffällt, beispielsweise ein Stein – ich weiß, dass er Kraftträger und Energiespeicher sein kann."

Sprecherin:

Kritiker werfen Frauen wie Inge vor, sich dem Mythos des ewig Weiblichen, intuitiv und gefühlsbetont, verschrieben zu haben, getarnt im Gewand eines scheinbar selbstbewussten Glaubens. Mit dem Rückzug in die Innerlichkeit würden sie vor der Realität fliehen und rein gar nichts bewirken – oder doch?

Inge:

"Mit der Zeit bekommt man durch bestimmte Methoden, Bewusstseinstechniken, eine gewisse Macht. Dann kommt so eine Art Scheideweg, wie setzt man diese Kraft und diese Macht ein? Stellt man sie in den Dienst, dann würde es heißen, man lernt immer mehr dienen, zu lieben, stellt also sich persönlich mit dieser Macht zurück und fühlt sich vielleicht als Kanal, durch den etwas geschieht; das ist okay. Der andere Weg ist, diese Macht egoistisch zu nutzen, andere Menschen zu manipulieren und sie halt für persönliche Zwecke ja auszunutzen und sie zu leiten. Aber die meisten Menschen gehen ja sowieso davon aus, das ist Firlefanz, und insofern trifft sie es auf einer unbewussten, aber wirkungsvollen Ebene."

Sprecher:

Wenn Inge am Scheideweg steht, bedeutet das nicht, dass sie an einer Weggabelung steht, sondern dass sie eine Entscheidung treffen muss. Alles okay? Okay, Sie wissen natürlich, dass okay alles in Ordnung bedeutet. Trotzdem möchte ich Ihnen nicht einen angeblichen Ursprung dieses Wortes vorenthalten: Der deutsche Offizier Friedrich Wilhelm von Steuben war ab 1778 unter George Washington Generalinspekteur des amerikanischen Heers im Unabhängigkeitskrieg gegen England. Da General von Steuben die englischen Sprache nur mangelhaft beherrschte, zeichnete er die von ihm gebilligten militärischen Akten mit "o. k." anstatt mit "a. c." für "all correct" ab. Für ihn schrieb sich das englische "all correct" eben mit "o" und "k". Und Firlefanz bedeutet ebenso wie Mumpitz "Unsinn".

Sprecherin:

Hellseher, Schicksalskünder, Reinkarnationsrückführer, Heiler oder sogar Menschen, die mit außerirdischen Besuchern Kontakt hatten: Sie alle bieten heutzutage ganz offen ihre Dienste an. Und das nicht mehr in einer verwunschenen Höhle, sondern – dem elektronischen Zeitalter gemäß – auch übers Internet oder per Handy.

Rosy:

"Ich will nicht direkt sagen, dass ich hellsehen kann, ich kann "hellfühlen". Eigentlich vor zwei Jahren so habe ich mich letztendlich dazu entschlossen, auch den Menschen zu helfen damit, weil ich auch Erfolge damit erziele, letztendlich auch Lebensberatung dadurch geben kann und Menschen auch einfach in die positive Richtung lenken kann."

Sprecherin:

Zu Rosys Handwerkzeug gehören Lenomore-, Zigeuner- und Skatkarten. Ihre Voraussagen sind ziemlich treffsicher, sagt sie, allerdings müssen ihre Kunden an ihre Fähigkeiten glauben. Der Hexenkessel brodelt wieder, die neuen Hexen sind auf dem Vormarsch. Und neben Menschen, die sich wie Rosy und Inge als weiße Magier empfinden und mit ihren Kräfte anderen Menschen helfen wollen, tauchen immer mehr skrupellose Geschäftemacher und gefährliche Verführer im Dunstkreis der Esoterikszene auf, die die Menschen übers Ohr hauen und ihnen Sand in die Augen streuen.

Sprecher:

Wenn skrupellose Geschäftsleute jemanden übers Ohr hauen, betrügen sie ihn. Die Redewendung stammt aus der Fechtersprache: Wenn man dem Gegner mit dem Degen übers Ohr schlug, wurde er vorübergehend taub und damit hilflos. Ähnlich ist es, wenn man jemandem Sand in die Augen streut, ihn dadurch täuschen, irreführen kann. Diese Redewendung geht auf römische Gladiatoren zurück, die auf eben diese Weise versuchten, ihre Gegner vorübergehend blind und damit kampfunfähig zu machen. Auch Fechter suchen ihr Gegenüber in eine Stellung zu drängen, in der der Wind ihnen Sand in die Augen trieb.

Sprecherin:

Die Gefahr, dass sie jemanden übers Ohr hauen will, besteht bei der 68-jährigen Hausfrau Gertrud allerdings nicht. Sie setzt ihr hellseherisches Wissen nur im Familienkreis und bei den Nachbarn ein:

Gertrud:

"Wenn ich so alleine bin und bügele und mich konzentriere, dann kommt mir schon allerhand in den Kopf, da hab' ich bis jetzt alles vorausgesehen."

Sprecherin:

Die patente Gertrud glaubt nicht nur, die Zukunft voraussehen zu können, sie hat von ihrem Vater auch kleine Zaubereien für den Hausgebrauch gelernt – zum Beispiel, wie man unliebsame Warzen los wird:

Gertrud:

"Also, ich sollte einen Heringskopf nehmen und den auf die Warze drücken und dann das Vaterunser sagen. Und dann sollte ich diesen Heringskopf draußen in die Erde einpflanzen. Und das hab' ich auch getan, und dann sagt mein Vater, wenn der verfault ist, dann ist die Warze weg, und so war es auch."

Sprecher:

Sollten Sie also eine Warze haben, probieren Sie Gertruds Rezept doch einfach einmal aus: Seien Sie aber auf Draht, wenn jemand Ihnen Sand in die Augen streuen oder Sie mit obskuren Zaubereien übers Ohr hauen will, und denken Sie immer daran:

Zitat: Shakespeare, Hamlet

"Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als deine Schulweisheit sich träumen lässt."


Fragen zum Text:

Woher stammt das Bild vom Leitfaden ursprünglich?

1. aus der germanischen Sagenwelt

2. aus der griechischen Mythologie

3. aus der mittelalterlichen Theologie

Etwas, das verboten ist, ist ...

1. Firlefanz.

2. skrupellos.

3. tabu.

Jemand, der betrogen wird, ...

1. verliert den Faden.

2. bekommt Sand in die Augen gestreut.

3. wird übers Ohr gehauen.

Arbeitsauftrag:

Informieren Sie sich genauer über die spätmittelalterliche und frühneuzeitliche Hexenverfolgung in Europa und halten Sie einen kurzen Vortrag hierzu.

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