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Bücher

Modellierte Charaktere: Zum Tode von William Trevor

Lange arbeitete er als Bildhauer, erst dann begann er intensiv zu schreiben. Der irische Autor, der jetzt im Alter von 88 Jahren gestorben ist, wurde immer wieder auch als Nobelpreiskandidat gehandelt.

Vermutlich wäre es ihm unangenehm gewesen in Stockholm auf der großen Bühne zu stehen. Das Rampenlicht war seine Sache nicht. William Trevor liebte die Einsamkeit und Abgeschiedenheit. Schon lange lebte er mit seiner Frau in Devon in England, weit ab der großen Städte. "Einen bescheidenen und zurückgezogenen Mann, der es nicht mochte über seine Werke zu reden", charakterisierte ihn auch sein britischer Verlag "Penguin", kurz nachdem Trevor am 20. November mit 88 Jahren gestorben war.

Vielfach ausgezeichnet wurden seine Bücher, allein dreimal erhielt er den renommierten "Whitbread Award", den höchstdotierten Literaturpreis, den Großbritannien zu vergeben hat. Später folgte der Titel des Ehrenritters, verliehen von der Queen. In den USA wurde er 2006 als "auswärtiges Ehrenmitglied" in die "American Academy of Arts und Sciences" aufgenommen. Auch in Deutschland, wo sein Werk beim Verlag"Hoffmann und Campe" erschien, war William Trevor bei seinen Lesern beliebt, zahlreiche seiner mehr als 20 Romane und über 100 Kurzgeschichten wurden hierzulande veröffentlicht.

Die Heimat Irland früh verlassen

Trevor wurde 1928 in Mitchelstown in der irischen Grafschaft County Cork geboren und Irland und vor allem sein protestantisches Elternhaus haben ihn geprägt. Später hat er darüber berichtet, dass sich seine Eltern nicht gut verstanden hätten und die Kinder, William Trevor hatte zwei Geschwister, darunter zu leiden gehabt hätten. Der Vater war Banker, was in der Folge häufige Umzüge zu Folge hatte. Sein Heimatland Irland verließ Trevor bereits 1952. Er ging nach England und siedelte sich dort dauerhaft an.

Großbritannien Szene Kinofilm Felicia, mein Engel (picture-alliance/dpa)

Entstand nach einer Vorlage von Trevor: Atom Egoyans Kinofilm "Felicia, mein Engel"

Lange beschäftigte er sich nach einem Geschichtsstudium und einer Zeit als Lehrer mit Bildhauerei. Später, als er längst vom Schreiben leben konnte, erklärte er in einem Interview der "Frankfurter Allgemeine Zeitung": "Ich produziere für jede meiner Kurzgeschichten, für jeden meiner Romane eine Unmenge von Text, aus der ich die Erzählung dann herausschneide. Und zwar wortwörtlich, mit der Schere". Dieses Modellieren von Charakteren wurde zu der großen Stärke des irischen Autors.

Eine Meister auch der kurzen literarischen Form

Seine literarischen Charaktere, die er in Romanen wie  "The Old Boys", "The Boarding House", "The Children of Dynmouth" oder "The Story of Lucy Gault" herausarbeitete, waren immer psychologisch sehr genau angelegt. Das traf auch auf das Figurenarsenal seiner Novellen und Kurzgeschichten zu. William Trevor gilt ebenso als Meister der kurzen literarischen Form und es gibt nicht wenige Experten, die dem irischen Schriftsteller eine außergewöhnliche Stärke gerade auf diesem Gebiet attestieren. Trevors Kurzgeschichten erschienen auch oft in der Zeitschrift "The New Yorker".

Thematisch kreisten seine Bücher um Charaktere, die sich nicht vereinnahmen lassen wollten von der großen Mehrheit, und in Folge dessen nicht selten gesellschaftliche Außenseiter waren. Oft war es auch der Kleinstadtmief, der die Figuren Reißaus nehmen ließ. Seine Charaktere wiederum stellte der Ire als Suchende, als Melancholiker vor, nicht selten scheiterten sie an den selbst gesetzten Zielen und Idealen. Aber meist war es ein Scheitern in Größe. Oft fanden die Menschen in Trevors Büchern zu einem anderen, durchaus befriedigenden Leben abseits des Mainstreams. Freilich zeigte sich das Scheitern bei Trevor auch in der privaten Sphäre, wo seine Charaktere nicht selten unter Ehe und Zweisamkeit litten.

Trevor ging es um "unaufdringliche menschliche Erfahrungen"

Kennzeichen dieses literarischen Ansatzes war es auch, den Individuen stets etwas Allgemeingültiges zu verleihen, ein Zeichen guter und großer Literatur. "Wie bei James Joyce sind die Einsichten bei Trevor nicht beschränkt auf eine bestimmte Art von Menschen, sondern kommen bei Alltagsmenschen aller Altersstufen vor", charakterisierte der Trevor-Spezialist Ulrich Martzinek (Universität Regensburg) die Figuren in Trevors früher Kurzgeschichtensammlung "Angels at the Ritz and other Stories".

Es gehe bei Trevor um "unaufdringliche menschliche Erfahrungen, um Begegnungen mit der Wirklichkeit des menschlichen Daseins und um die unzulängliche Natur des Menschen, die sich in unterschiedlichen Bewusstseinsstufen spiegeln", so Martzinek. Eine Beschreibung, die auch auf viele Werke des späteren Oeuvres des irischen Schriftstellers zutrifft.

Das Verhältnis zwischen England und Irland literarisch abgebildet

Den Hintergrund der Romane bildete oft das spannungsreiche Verhältnis von Iren und Engländern ab - Trevor konnte da ja auf eigenen Erfahrungen zurückgreifen. In Irland geboren und aufgewachsen, in England dauerhaft niedergelassen, verstand es der Schriftsteller, sich in beide Seiten hineinzuversetzen. Doch in seiner Heimat hätte er so wohl nicht weiter schreiben können: "Ich hätte die gleichen Romane und Kurzgeschichten schreiben können, wenn ich Irland nie verlassen hätte. Aber nicht über Irland. Ich hätte sie über Frankreich geschrieben, über England", sagte William Trevor später. Der Autor brauchte offenbar die räumliche Distanz um sich mit Herkunft und Heimat auseinanderzusetzen. Doch waren es auch ganz pragmatische Gründe, die in den 1950er Jahren den Ausschlag dafür gaben, Irland zu verlassen: Es seien schwere Zeiten gewesen und er habe nicht mal eine kleine Familie ernähren können.

William Trevor, der Patricia Highsmith immer als ein großes literarisches Vorbild bezeichnete, wurde in den letzten Jahren von der Presse und der Literaturkritik immer gern als "Elder Statesman der Literatur" bezeichnet. Jetzt ist der große alte Mann der irischen Gegenwartsliteratur im Alter von 88 Jahren gestorben.

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