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Wirtschaft

Mode aus Bulgarien für Europa

Bulgarien war bisher ein Billig-Lohnland, in dem gute Profite lockten. Das könnte sich mit dem EU-Beitritt des Landes geändert haben. In manchen Branchen wachsen die Lohnansprüche. Außerdem mangelt es an Fachkräften.

Einkaufsstraße in Sofia, Quelle: AP

Einkaufsstraße in Sofia

Das Modehaus Rollmann im Zentrum der bulgarischen Hauptstadt ist eines der besten Geschäfte für Herren- und Damenoberbekleidung in Sofia mit Filialen in vier weiteren bulgarischen Städten sowie in Griechenland und Mazedonien. Schon seit 13 Jahren zieht der Deutsche Bertram Rollmann, vom Hause aus eigentlich Werkzeugmacher, die modebewussten Bulgaren an. Er begann 1993 quasi bei Null. "Ich konnte 25 junge Bulgaren finden, die ich für neun Monate für eine spezielle Ausbildung nach Griechenland und nach Deutschland geschickt habe", erzählt Rollmann. Mit diesen Leuten fing er 1994 an, eine Produktion aufzubauen.

Profitables Neuland

In Goze Deltschev - einer kleinen Stadt in Südbulgarien - eröffnete Rollmann damals ein kleines Schneideratelier. Er begann für den deutschen Markt zu produzieren, was auch heute noch der Hauptmarkt ist. Dann kamen die Schweiz, Frankreich, die Türkei und Griechenland dazu. "Bulgarien war 1993 für deutsche Investoren eigentlich Neuland", erzählt Rollmann. "Ich habe damals eine Firma in Griechenland geleitet, mit der ich die Investition in Bulgarien begonnen habe und konnte feststellen, dass Bulgarien für uns ein sehr guter Standort war und sich sehr gut entwickelt hat."

Der deutsche Unternehmer kann tatsächlich zufrieden sein - 650.000 Herrenanzüge werden jährlich von "Pirintex", seiner Fabrik in Goze Deltschew geliefert. Die Beschäftigtenzahl ist beträchtlich gewachsen - von 25 im Jahre 1994 auf 2450 Fachkräfte und Arbeiter heute.

Ausstehende Lohnkämpfe

Die Voraussetzungen für ausländische Investoren in Bulgarien könnten sich, so befürchtet Rollmann, durch den EU-Beitritt Bulgariens Anfang dieses Jahres ändern. Er erwartet für die nächsten Jahre einiges an Korrekturen, vor allem im Lohnbereich. "Ich hoffe, dass diese Korrekturen maßvoll gemacht werden, so dass die doch noch junge Unternehmensgemeinschaft die Lohn- und Preisentwicklung stemmen kann."

Der erste Lohnkampf fand bereits statt. Anfang Juli wurde in Rollmanns Fabrik in Goze Deltschew ein Streik ausgerufen. Die Gewerkschaften verlangten Lohnerhöhungen von 100 Lewa (50 Euro), was einer Erhöhung von 40 Prozent entspricht. Die Firmenleitung lehnte dies als unakzeptabel ab. Nach 21 Streiktagen einigten sich Rollmann und das Streikkomitee auf eine Kompromisslösung. Die Löhne steigen um 80 Lewa, für die Beschäftigten wurden weitere Verbesserungen vereinbart - etwa mehr Urlaub und mehr Geld für Überstunden und Nachtarbeit.

Mekka für Facharbeiter

Rollmann ist jetzt um seine Konkurrenzfähigkeit besorgt, denn nun müssen die Preise seiner Modeartikel steigen. Besorgt ist er auch um den Nachwuchs von qualifizierten Arbeitskräften. In den nächsten 15 bis 20 Jahren würden in Bulgarien die Spezialisten in vielen Berufsgruppen aussterben, und zur Zeit gäbe es kein geordnetes Berufsausbildungssystem im Land. Jede Firma bildet sich ihre Mitarbeiter so gut wie möglich nach ihren Anforderungen aus. "Es gibt keine Branchenstandards, die über eine zentrale Organisation, wie in Deutschland die Industrie- und Handelskammern, entsprechend der technologischen und kreativen Entwicklung einer Branche vorangetrieben und gepflegt werden."

Die alten Meister gehen langsam in Rente und die jungen Leute haben keinerlei professionelle Qualifikation mehr erhalten. Ein Problem, das sich nach Ansicht von Rollmann lösen ließe, wenn in Zukunft der Zustrom von qualifizierten Arbeitskräften eine neue Richtung einschlagen würde: "Es werden sich gute Möglichkeit für deutsche oder nordeuropäische Facharbeiter ergeben, sich in Bulgarien anzusiedeln und durch ihre Qualifikation und Spezialisierung zum Austausch von Technologie und Know-how beizutragen.

Diese Umkehrung der Migranten-Ströme in Europa könnte Bertram Rollmann auch mit beeinflussen - in seiner Eigenschaft als kürzlich neugewählter Präsident der Deutsch-Bulgarischen Handels- und Industriekammer in Sofia.

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