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Politik

"Mobiler Feldherrenhügel"

Endlich - die russische Hauptstadt erwacht aus ihrem Winterschlaf. Der Frühling in Moskau ist erst ein paar Tage alt, und schon ist eine hektische Betriebsamkeit zu spüren. Vor allem auf den Straßen.

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Statt der ungetümen Schneeräumfahrzeuge verstopfen jetzt wieder die vielen kleinen und großen Autos, die von ihren Besitzern aus den Winterquartieren geholt wurden, die Straßen. Als hätte jemand in ein Nest gestoßen, hat sich in den letzten Tagen eine wahre Blechlawine über die Hauptstadt ergossen. Und jährlich werden es mehr Autos, die auf Moskaus Straßen mehr stehen als fahren. Allein im vergangenen Jahr wurden mehr als 1,2 Millionen Personenwagen verkauft. Und was macht es schon, wenn man im Stau steht – Hauptsache, die Sonne scheint.

Die "Hummer-"Karosse

Dennoch ist in diesen Tagen ein neuer Auto-Trend zu beobachten. Drei Tonnen ist er schwer, massig in der Erscheinung wie auch im Verbrauch: Rund 20 Liter verbraucht der "Hummer" auf hundert Kilometer. "Normalno", sagt der finanzkräftige Russe, der sich diesen amerikanischen Traum auf Rädern leisten kann, schließlich sind russische Autos der Marke Wolga oder Lada auch nicht gerade genügsam. Der "Hummer", die zivile Variante des amerikanischen Militärjeeps Humvee, hat jedenfalls das Zeug, um das neueste Trendfahrzeug für die gehobene Moskauer Mittelklasse zu werden. Ein Nischenprodukt innerhalb des großen und weltweit boomenden Marktes der Offroader, Geländewagen und dem, was gemeinhin unter den "Sport Utility Vehicles" (kurz: SUV, sprich: sportlichen Nutzfahrzeugen) subsumiert wird. Dass auch Hummer-Fahrer immer öfter und länger im Verkehrsstau stehen und den Verkehrsinfarkt wegen der ungetümen Ausmaße ihres Fahrzeugs eher noch begünstigen, mag den sportlichen Nutzwert eines Hummers zunächst fraglich erscheinen lassen.

Platz da!

Doch auch im Stau wirkt das neueste Modell H2 wie ein mobiler Feldherrenhügel. Genau das richtige Fahrzeug für größenwahnsinnige Automobilisten, die sehen und gesehen werden wollen. Und hat man einmal freie Fahrt, garantieren die chromblitzende Drohkulisse und mächtige Stoßstange auch ein gutes Vorankommen, denn ein Hummer im Rückspiegel jedes anderen Fahrzeuglenkers sagt vor allem eines: Aus dem Weg! Damit ist der Hummer das passende Auto für das Lebensgefühl der Geschäftsleute und Banditen, die ihren Erfolg wie Aufstieg zur Schau stellen wollen und mühelos bis zu 110.000 Dollar für diesen Luxuswagen berappen können. So ähnlich beschrieb auch der für Russland zuständige Verkaufsmanager von General Motors das angestrebte Käuferklientel - von Banditen sprach er freilich nicht - als der Fahrzeugkonzern im vergangenen Jahr einen Vertrag mit einem russischen Autohersteller in Kaliningrad unterzeichnete.

Absatzmärkte in luftiger Höhe

In der russischen Enklave werden seit letztem Herbst H2-Karossen - die Einzelteile kommen aus Übersee - für den russischen Markt zusammenmontiert. Inzwischen rollen die ersten Ungetüme durch Moskau und St. Petersburg. Der amerikanische Mutterkonzern rechnet nicht mit hohen Absatzzahlen. Der Markt für Geländewagen der Luxusklasse, sei eben klein. Dies garantiert den russischen "Hummer"-Fahrern immerhin eine gewisse Exklusivität. Und sollte der H2-Trend doch wider Erwarten bald ausgereizt sein, so lässt sich ein Trend der Zukunft bereits erkennen: Einige der Hochhäuser mit Luxusappartments, die zurzeit in den Moskauer Himmel wachsen, sollen später mit Landeplätzen für Hubschrauber ausgestattet werden.

  • Datum 06.04.2004
  • Autorin/Autor Stephan Hille
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  • Permalink http://p.dw.com/p/4smg
  • Datum 06.04.2004
  • Autorin/Autor Stephan Hille
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