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Amerika

Mobiler Ärzteservice versorgt Bedürftige

In den USA streiten Regierung, Parteien, Politiker, Pharmaindustrie und andere Lobbyisten um die Reform des Gesundheitssystems. Ein Mann schreitet seit Jahrzehnten zur Tat, um den Nichtversicherten zu helfen.

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In einer Konzerthalle werden bedürftige Patienten vom mobilen Ärztedienst versorgt

Morgens um halb fünf vor einer Konzerthalle in Los Angeles. Auf dem Parkplatz hat sich in der Nacht eine lange Menschenschlange gebildet. Durch die Reihen geht mit kräftigem Schritt ein großer, schlanker Mann in eng sitzendem sandfarbenem Hemd und Hose, vollem grauen Haar und freundlichem Lächeln. Über sein Megaphon heißt Stan Brock alle Wartenden willkommen. In einer Stunde werden die Tore der Konzerthalle geöffnet - für kostenlose medizinische Hilfe. Stan Brock, der die Aktion organisiert, fühlt mit den Wartenden. “Ich war obdachlos, hatte kein Geld und keine medizinische Versorgung. Ich kenne die Schwierigkeiten, mit denen sie konfrontiert sind", sagt der 73 jährige. Weil er ihre Lage kenne, sei er entschlossen zu helfen.

Vom Amazonas über eine Hit-Fernsehshow zum Philantrophen

Hilfsaktion der Organisation RAM

Patienten warten auf den Rängen darauf, aufgerufen zu werden.

Stan Brock ging in England auf die beste Schulen, als Teenager führte ihn die Abenteuerlust nach Guyana an den Amazonas. 15 Jahre lebte er dort bei Indianern, 26 Tage Fußmarsch entfernt vom nächsten Arzt. Dann kämpfte er für eine erfolgreiche US-Fernsehserie vor Kameras mit Löwen, fing Giraffen mit dem Lasso ein und rang mit Anakondas. Nie vergaß Brock das Versprechen, das er den Indianern bei seiner Abreise gegeben hatte: medizinische Versorgung für die entlegenen Regionen am Amazonas zu organisieren.

1985 verließ er die Welt der Unterhaltungsindustrie und gründete in Tennessee "Remote Area Medical" -kurz RAM. In den 90er Jahren wurde Brock gebeten, medizinische Hilfe auf dem Land in Tennessee anzubieten. Danach kamen Anfragen aus anderen abgelegenen Regionen der Vereinigten Staaten. “Schnell wurde uns klar, dass in den USA etwa genauso wie in Guatemala oder am oberen Amazonas Menschen Schwierigkeiten haben, Zugang zu medizinischer Versorgung zu finden”, berichtet der energiegeladene Engländer.

Inzwischen leistet RAM 60 Prozent der ehrenamtlichen Hilfe in den USA. 46 Millionen Menschen haben in der mächtigsten Industrienation der Welt keine Krankenversicherung. Seit 1985 hat er medizinische Hilfe im Wert von 38 Millionen Dollar zu Menschen in aller Welt gebracht.

Hilfsaktion in Los Angeles zieht Tausende an

Es ist sieben Uhr morgens. In der Konzerthalle in Los Angeles herrscht rege Betriebsamkeit. Bohrer surren an Dutzenden Zahnarztstühlen, Augenärzte passen hunderte von Brillen an, Katakomben und Riesenwohnwagen sind reserviert für kompliziertere Untersuchungen - von der Wurzelbehandlung bis zur Mammographie.

Jerry, der vor einem Jahr mit seinem Arbeitsplatz auch seine Krankenversicherung verloren hat, ist mit seinen drei Söhnen gekommen. “Es ist aufreibend als Vater, wenn du deine Kinder nicht mal mit dem Notwendigsten versorgen kannst”, sagt er und dankt den ehrenamtlichen Helfern.

Hilfsaktion der Organisation RAM

Dr. Michael Handrahan und Patientin Olivia im 'Forum' in Los Angeles.

Olivia, eine Hilfsarbeiterin aus Mexiko, die noch nie krankenversichert war, bekommt Füllungen für ihre abgebrochenen Vorderzähne. Sie hat vor Dankbarkeit Tränen in den Augen und sagt: “Gott sei Dank haben all diese Menschen soviel Herz, die Ärzte, Krankenschwestern, alle Helfer. Sie kümmern sich um uns ohne Bezahlung!”

Zahnarzt Michael Handrahan, der Olivia mit den Füllungen versorgt, ist glücklich, helfen zu können. Gleichzeitig schämt er sich, dass eine solche Aktion in den USA notwendig ist. Aus seiner Sicht ist es höchste Zeit für die Reform der US-Krankenversorgung und fordert dazu auf, das Problem zusammen zu lösen. “Ich ärgere mich über die Profitgier der Pharmaindustrie und der Versicherungen", schimpft er. Es gehe doch darum, den Menschen zu helfen!

Ohne Gesundheitsreform keine Verbesserung möglich


Stan Brock stimmt zu: Wenn sich nicht etwas Wesentliches ändert in der US-Gesundheitspolitik, wird er selbst in diesem reichen Land nie genug Hilfe anbieten können. Am Schlimmsten ist es für ihn, wenn am Ende des Tages noch Frauen vor der Halle stehen und darum bitten, doch noch dieses eine Kind zu untersuchen. “Wenn wir dann sagen müssen, dass wir leider nicht helfen können, das ist schrecklich”, sagt er mit Tränen in den Augen.

Seine eigenen Bedürfnisse hat Brock auf ein Minimum zurück geschraubt. Er schläft auf einer Grasmatte im Keller eines ungeheizten Gebäudes, hat kein Bankkonto, kein Auto und keine wesentlichen Besitztümer. Alles, was er besitzt, steckt er in seine Organisation. Bis zu einer umfassenden Gesundheitsreform wird seine Arbeit weiter nötig sein. Der 73jährige hofft, dass seine sich Remote Area Medical irgendwann selbst überflüssig macht.

“ Dann können wir in die Länder zurückkehren, die wirklich unsere Hilfe brauchen wie Haiti, Guatemala, Simbabwe und der obere Amazonas, wo ich aufgewachsen bin”, hofft Stan Brock.

Autorin: Kerstin Zilm
Redaktion: Mirjam Gehrke