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Wirtschaft

Mobil ohne Auto

Auch im Autoland Deutschland gibt es Menschen, die keinen Wagen haben. Statt auf der Autobahn Gas zu geben, warten sie auf überfüllte Pendlerzüge. Ein tristes Leben, könnte man meinen. Manchen gefällt es trotzdem.

Er lässt fahren (Foto: dpa)

Er lässt fahren

Wenn mein Chauffeur vorfährt, nicke ich ihm manchmal zu – zumindest, wenn ich gut gelaunt bin. Dann steige ich in den hinteren Teil des Wagens, und er fährt los. Ich brauche ihm nicht zu sagen, wohin die Reise geht, er weiß Bescheid. Während er vorne dafür sorgt, dass ich sicher ans Ziel komme, lege ich hinten die Beine hoch, blättere ein wenig in einem Buch und schlafe dann ein. Er wird mir Bescheid sagen, wenn wir ankommen. Ich fühle mich wie Prinz Charles. Ich fahre Bahn.

Bahnfahrers Alltag

Bahnfahrt mit Stil: Speisewagen im Orient-Express

Speisewagen im Orient-Express

Es gibt auch andere Tage. Da kommt der Chauffeur zu spät oder gar nicht, und wenn er doch kommt, sind alle Sitze belegt. Dann verbringe ich die Fahrt stehend, oft eingepfercht zwischen Leuten, die laut telefonieren und auch sonst keine Manieren haben. In solchen Momenten schließe ich die Augen und träume den Traum, den das Auto als Symbol der Freiheit und der Individualität lange zu erfüllen schien.

Einsteigen und losfahren, wann man will, wohin man will – mit einem Wort: Selbstbestimmung. Dieses Versprechen machte das Auto zu einem Mythos, der auch in zahllosen Filmen gefeiert wurde. Jugendliches Aufbegehren mit James Dean, coole Verfolgungsjagden mit Steve McQueen, stilsichere Technik mit James Bond – alles nichts ohne das passende Auto.

Bahnreisende in einem überfüllten Abteil

Alltag

Doch schon 1967 zeigt der französische Regisseur Jean-Luc Godard die andere Seite des bürgerlichen Traums. In "Weekend" fährt die Kamera in einer einzigen, achtminütigen Einstellung genüßlich an einem Stau entlang. Autofahrer von Los Angeles bis Beijing werden die Szene kennen, auch ohne den Film gesehen zu haben.

Mehr Freiheit

Vor einigen Jahren habe ich mein Auto aufgegeben. Ich wohne in einer Großstadt, und dort ist es meist günstiger, bequemer und auch schneller, sich mit Bus, Bahn oder Fahrrad zu bewegen. Umweltfreundlicher ist es ohnehin. Keine Staus, keine Parkplatzsuche, keine Strafzettel. Keine technische Prüfung beim TÜV, keine Abgassonderuntersuchung, keine Wartung, keine Reparatur, keine Umweltplakette für die Fahrt in die Innenstadt, kein Reifenwechsel im Winter, keine Steuern und keine Versicherung. Fast möchte ich behaupten, der Verzicht auf das Freiheitssymbol Auto brachte mir… mehr Freiheit.

Stau auf einer Autobahn bei München (Foto: AP)

Schuld sind immer die anderen

Doch das wäre übertrieben. Denn ohne Auto bin ich natürlich abhängig von Zugfahrplänen, Lokschäden, Weichenschäden, Stellwerksproblemen und allerlei "Störungen im Betriebsablauf", für die Stadtwerke und Bahn regelmäßig per Durchsage um Verständnis bitten. Und das Stöhnen der Autofahrer über steigende Benzinpreise wird auch nur ersetzt durch die Klage über Fahrpreiserhöhungen. Das Leben ist nicht perfekt, weder mit noch ohne Auto.

Leben mit Fehlern

Damit allerdings gehen Auto- und Bahnfahrer ganz unterschiedlich um. Als Individualreisende vertrauen Autofahrer vor allem ihrer eigenen Kraft. Wollen sie schneller sein, müssen sie sich ein schnelleres Auto kaufen; wollen sie bequemer reisen, ein luxuriöseres Modell; wollen sie Pannen vermeiden, lassen sie den Wagen regelmäßig warten. Und stehen sie im Stau, wollen sie ausbrechen aus der Masse und befragen ihr Navigationsgerät nach Auswegen. Oft stehen sie dann dort im Stau und machen sich Vorwürfe: Wären sie doch früher losgefahren, oder später, hätten sie nicht auf den Verkehrsfunk gehört, oder eben doch. Und spätestens dann beginnt das Schimpfen auf all die anderen Autofahrer, die den Stau verursacht haben und überhaupt ja alle nicht fahren können.

Wartende an einem Bahnsteig (Foto: dpa)

Gruppenmeditation am Bahnsteig

Ganz anders die Bahnfahrer. In vielen qualvollen Lektionen, frierend am Bahnsteig, haben sie gelernt, manche Dinge einfach hinzunehmen. Der Zug kommt, oder er kommt nicht. Der Rest ist Warten – übrigens eine völlig unterschätzte Kulturtechnik. Die anderen Reisenden werden dabei nicht zu Gegnern oder Schuldigen. Wären sie nicht hier, würde der Zug trotzdem nicht kommen. Dann stünde man allein am Gleis und hätte niemanden, mit dem man auf die Bahn schimpfen könnte.

Teilen lernen

Trotzdem gibt es Momente, in denen es sinnvoll oder bequemer ist, mit dem Auto zu fahren. Ich nehme dann entweder ein Taxi oder leihe mir einen Wagen, zum Beispiel beim Carsharing. Auch hier fühle ich mich, als wäre ich Prinz Charles – ein ganzer Fuhrpark steht mir rund um die Uhr zur Verfügung. Mehr als 300 Autos, vom Kleinwagen bis zum Transporter, gewartet und geputzt, verteilt auf 50 Garagen im ganzen Stadtgebiet. Zugegeben, ein Rolls Royce ist nicht darunter. Die nächste Garage ist fünf Minuten Fußweg von meiner Wohnung entfernt. Buchen und ausleihen kann ich rund um die Uhr über Internet und Telefon, abgerechnet wird nach Zeit und gefahrener Strecke. Anders als bei klassischen Autovermietungen ist es auch möglich, ein Auto nur für kurze Zeit zu mieten. So kostet es mich zehn Euro, wenn ich für zwei Stunden einen Kleinwagen brauche und 20 Kilometer fahre - Benzin eingeschlossen.

Wagen eines Carsharing-Anbieters?

Carsharing: Welchen Wagen hätten Sie gerne?

In allen größeren deutschen Städten gibt es inzwischen Carsharing, mancherorts sind bereits erste Elektroautos im Angebot. Auch die Bahn bietet Carsharing an, nach eigenen Angaben in 130 Städten in Deutschland, europaweit sollen es mehr als 500 sein. Unabhängig vom Anbieter befreit mich diese Dienstleistung von der Last des Autobesitzes – von der Wartung bis zur Parkplatzsuche. Ich zahle nur, wenn ich das Auto auch nutze. Und da ich nicht der einzige Nutzer bin, ist jedes Fahrzeug optimal ausgelastet – unter wirtschaftlichen und ökologischen Gesichtspunkten also ein recht effizienter Umgang mit Ressourcen.

Die Kunst des Wartens

Wirkliche Autofans werden nun einwenden, das sei zwar alles ganz nett, aber dennoch eine Beschränkung meiner Freiheit. Denn zumindest theoretisch ist nicht völlig auszuschließen, dass in der Sekunde, in der ich ein Auto brauche, gerade keins verfügbar ist – nicht beim Carsharing, nicht bei normalen Vermietungen. In der Realität ist das bisher nicht vorgekommen, doch die Vorstellung schreckt mich nicht. Dann werde ich eben warten. Schließlich habe ich das gelernt – bei der Bahn. Außerdem fühle ich mich auch beim Warten immer wie der britische Thronfolger.

Autor: Andreas Becker

Redaktion: Klaus Ulrich