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Bücher

Mo Yan: Literatur, nicht Politik?

Im Insel Verlag erschien 2009 ein Roman von Nobelpreisträger Mo Yan: "Die Sandelholzstrafe". Übersetzerin Karin Betz und Verlagsmann Jürgen Dormagen über Beweggründe und Herausforderungen.

Chinese author Mo Yan autographs his book before taking part in a reading at the 61st Frankfurt Book Fair in Frankfurt October 15, 2009, where China is this year's guest of honour. Some 6,900 exhibitors from around 100 countries are to gather in Frankfurt until October 18. AFP PHOTO JOHN MACDOUGALL (Photo credit should read JOHN MACDOUGALL/AFP/Getty Images)

Mo Yan Literaturnobelpreis 2012 ARCHIVBILD

Deutsche Welle: Herr Dormagen, wie ist beim Insel Verlag die Entscheidung für Mo Yans Roman "Die Sandelholzstrafe" zustandegekommen?

Jürgen Dormagen: Wir wussten damals, dass China Schwerpunktthema auf der Frankfurter Buchmesse 2009 sein würde. Da der Insel Verlag eine lange Tradition chinesischer Literatur hatte, haben wir überlegt, was neben den klassischen Texten, die in unsrer Backlist sind, in den Mittelpunkt gestellt werden sollte. Mein damaliger Assistent Benjamin Specht konnte glücklicherweise Chinesisch. So konnten wir - über die Gutachten und Empfehlungen vieler Seiten hinaus - ein sehr direktes Gespräch über das Buch führen. Dann ging es darum, die richtige Übersetzerin zu finden. Da hatte ich das Glück, dass ich bald eine ideale Person fand: Karin Betz, die das notwendige Sprachvermögen hatte, den Autor vorher auch schon übersetzt hatte und ihn kannte.

Frau Betz, worum geht es denn in dem Roman, der im deutschen Sprachraum trotz der Veröffentlichung bei Insel kaum bekannt ist?

Karin Betz: Es geht um den Niedergang des letzten chinesischen Kaiserreichs - das ist der historische Rahmen. Es ist einer von Mo Yans wenigen Romanen, die historisch angesiedelt sind. Die Komposition des Romans ist sehr interessant: Er ist aufgebaut wie eine Oper. Es geht Mo Yan um die Wiederauferstehung einer lokalen Bauernoper aus seiner Heimatprovinz, die in Vergessenheit gerät, die so nicht mehr exisitiert - die sogenannte "Katzenoper". Er hat dem Roman bewusst die Struktur einer solchen Oper gegeben. Das heißt, er lässt fünf Ich-Erzähler aus verschiedenen Perspektiven mit ganz eigenen Stimmen die Geschichte erzählen. Der Mittelteil wird in der dritten Person erzählt und ist von der Sprache wieder ganz anders. Es wechseln nicht nur die Perspektiven, sondern auch das Gefühl innerhalb des Romans.

Peter Englund (C), permanent secretary of the Royal Swedish Academy, announces the 2012 winner of the Nobel prize for literature in Stockholm October 11, 2012. Chinese writer Mo Yan won the 2012 Nobel prize for literature on Thursday for works which the awarding committee said had qualities of hallucinatory realism. REUTERS/Fredrik Sandberg/Scanpix (SWEDEN - Tags: SOCIETY) THIS IMAGE HAS BEEN SUPPLIED BY A THIRD PARTY. IT IS DISTRIBUTED, EXACTLY AS RECEIVED BY REUTERS, AS A SERVICE TO CLIENTS. SWEDEN OUT. NO COMMERCIAL OR EDITORIAL SALES IN SWEDEN. NO COMMERCIAL SALES

Bekanntgabe des Literaturnobelpreises 2012 an Mo Yan: Peter Englund von der Schwedischen Akademie

Herr Dormagen, Mo Yan gilt als regimetreuer Autor. Warum ist die Entscheidung für ihn im Verlag damals gefallen?

Jürgen Dormagen: Wenn ich es so direkt sagen darf. Das ist ein Vorurteil, ein Klischee. Wenn Autoren aus ihrer eigenen Weltsicht ihr Werk schreiben, dann ist die Frage, wie man sich öffentlich zum aktuellen Regime äußert, eine sekundäre Frage. Es gibt andere Temperamente, die das zu ihrer Hauptsache machen. Aber die Vorstellung, er sei ein regimetreuer Autor, ist insofern verkehrt, als er dezidiert sagt, ich sage alles, was ich sagen kann, mit literarischen Mitteln, mit meinen Romanen. Da er durchaus auch ein realistischer Autor ist, der eben nicht harmonisierend, verharmlosend schreibt, ist für jeden genauen Leser sichtbar, dass die Vokabel "regimetreu" einfach schief auf ihm sitzt. Es ist dennoch gut so, dass es Künstler gibt wie Ai Wei Wei, die sich mit plakativen Aktionen und Äußerungen unmittelbar in die politische Sphäre einmischen. Aber wenn Sie sich vorstellen, man würde fragen; ob Marcel Proust regimetreu oder -kritisch wäre, würden Sie merken, dass die Frage an der Sache vorbeigeht.

Bei der Frankfurter Buchmesse 2009 soll Mo Yan aber eine unrühmliche Rolle gespielt haben, indem er sich geweigert hat, mit dem Regimekritiker Bei Ling zusammen in einem Raum aufzutreten. Wirft das nicht doch einen Schatten auf die Entscheidung?

Jürgen Dormagen auf der auf der Frankfurter Buchmesse 2010. Foto: Fredrik von Erichsen dpa/lhe pixel

Jürgen Dormagen

Jürgen Dormagen: Ich war selbst damals dabei. Es war für den Autor wie für die hiesige Öffentlichkeit eine unschöne Sache. Dieser literarische Autor, der ein reiches Werk vorzuweisen hat, wurde von eher politisch interessierten Journalisten einzig und allein darauf angesprochen, ob er dies oder jenes sagt, hier oder dort mitmacht. Er hat dann eher versucht, überhaupt keine Interviews zu geben. Wir als Verlag haben das damals respektiert. Es wäre für alle einfacher, aber auch billiger gewesen, wenn man hätte sagen können, er gehört zu den Regimekritikern. Er wollte einfach nicht in so ein Fach gesteckt werden. Das hat nach unserer Einschätzung und nach Einschätzung der Übersetzerin Karin Betz, die ihn viel besser kennt, nichts mit Feigheit zu tun, sondern mit einer natürlichen Zurückhaltung, die er in jeder Hinsicht hat. Er geht nicht gerne auf Symposien und Roundtables, auf denen etwas geäußert werden soll, sondern er ist ein Schriftsteller.

Frau Betz, was war denn für Sie die größte Herausforderung beim Übersetzen?

Karin Betz: Der Sprache gerecht zu werden. Mo Yan ist jemand, der sich sehr viel des klassischen Chinesisch bedient. Das ist eine ganz andere Sprache als das moderne Chinesisch – ein Unterschied wie Latein und italienisch, wenn man das so als Vergleich sagen kann. Man muss einfach sehr viel Wissen haben über traditionelle chinesische Kultur. Er erwähnt immer wieder historische Persönlichkeiten, es gibt immer wieder Sprichwörter und Zitate aus der Geschichte und aus historischen Romanen und Gedichten. Das muss man einfach kennen, um es zu erkennen und entsprechend übersetzen zu können. Dann waren da auch die verschiedenen Stimmen: man hat da einmal eine zarte Frau, dann einen großen Staatsmann oder einen tollpatschigen Metzgermeister. Sie haben alle verschiedene Sprachen im Chinesischen. Und dem muss man dann im Deutschen gerecht werden.

Jürgen Dormagen war von 1984 bis 2011 bei Suhrkamp, zu dem auch der Insel Verlag gehört: zunächst als Lektor, später als Leiter des Bereichs Internationale Literatur. 2010 wurde er mit der "Übersetzerbarke" geehrt, der Auszeichnung des Literaturübersetzerverbandes.

Karin Betz ist Sinologin, Übersetzerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin des Deutsch-Chinesischen Masterprogramms der Universität Göttingen.