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Politik & Gesellschaft

Mladic - schwer krank oder nur gerissen?

Kurz vor seiner ersten Anhörung vor dem UN-Tribunal streiten die Juristen über den Gesundheitszustand des mutmaßlichen serbischen Kriegsverbrechers - und lassen erahnen, wie es künftig in Den Haag zugehen könnte.

Ratko Mladic (Foto: AP)

Ratko Mladic

Der mutmaßliche serbische Kriegsverbrecher Ratko Mladic leidet nach Angaben seines Anwalts an Lymphdrüsenkrebs und kann einen Prozess vor dem UN-Tribunal in Den Haag möglicherweise nicht überstehen. Eine entsprechende ärztliche Diagnose aus dem Jahr 2009 veröffentlichte Anwalt Milos Saljic in der Donnerstagsausgabe (02.06.2011) der Belgrader Zeitung "Press". Danach war der Ex-General, der die schwersten Kriegsverbrechen seit 1945 in Europa begangen haben soll, von Mitte April bis Mitte Juli 2009 in einer Belgrader Klinik zur Operation und anschließenden Chemotherapie. Zudem habe Mladic im Laufe der Jahre drei Hirnschläge und zwei Herzinfarkte erlitten.

Auch im Gefängnis in Uniform

Mladic-Anwalt Milos Saljic (Foto: dpa)

Steht Mladic zur Seite: Anwalt Milos Saljic

Demgegenüber sagte der Sprecher der serbischen Staatsanwaltschaft, Bruno Vekaric, der Zeitung, die veröffentlichte medizinische Diagnose sei eine Fälschung. Die angebliche Krebserkrankung sei Teil der Verteidigungsstrategie von Mladic. Schon früher hatten die Strafverfolgungsbehörden dem Anwalt vorgeworfen, die chronischen Krankheiten des heute 69-Jährigen "aufzublasen". Interessant ist in diesem Zusammenhang vielleicht die Information, dass der frühere Armeechef der bosnischen Serben auch im Tribunalsgefängnis in Scheveningen stets in Uniform auftritt und sich sehr kooperativ verhält.

Mladic soll am Freitag erstmals vom UN-Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien angehört werden. Nur für diesen einzigen Termin wurde ihm ein Pflichtverteidiger, der Serbe Aleksandar Aleksic, zugewiesen. Nach Darstellung serbischer Medien wird Mladic, der vor allem für das Massaker an rund 8000 Muslimen in Srebrenica im Juli 1995 verantwortlich gemacht wird, sich weder schuldig noch unschuldig bekennen, sondern mehr Zeit für die Vorbereitung auf das Verfahren verlangen. Mladic hat bisher noch nicht das Team seiner Verteidiger festgelegt. Die serbische Regierung hatte mitgeteilt, sie werde keinerlei Kosten übernehmen. Angeklagt ist Mladic in insgesamt elf Punkten wegen Völkermordes, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit während des Bosnien-Krieges von 1992 bis 1995. Er gilt nicht nur als der Hauptverantwortliche für die Gräueltaten von Srebrenica, sondern auch für die 44 Monate andauernde Belagerung der bosnischen Hauptstadt Sarajevo durch serbische Kämpfer.

"Mladic wurde vom Staat versteckt"

Der Chefankläger des UN-Kriegsverbrechertribunals, Serge Brammertz (Foto: dpa)

Steht auf der Gegenseite: Chefankläger Serge Brammertz

Nach Ansicht serbischer Sicherheitsexperten dürfte niemals herauskommen, wer Mladic eineinhalb Jahrzehnte bei seiner Flucht geholfen hat. "Er wurde vom Staat versteckt", begründete der Militärexperte Zoran Dragisic seine Einschätzung in der Zeitung "Danas". Auch bei dem drei Jahre zuvor verhafteten politischen Führer der bosnischen Serben, Radovan Karadzic, sei bis heute nicht das Netzwerk seiner Helfershelfer bekannt.

Nach der Überstellung von Mladic an das Haager Tribunal zeigt sich der serbische Präsident Boris Tadic zuversichtlich, dass sein Land auch den letzten, noch flüchtigen mutmaßlichen Kriegsverbrecher, den Ex-Präsidenten der selbst ernannten serbischen Republik Krajina in Kroatien, Goran Hadzic, festnehmen werde. Entsprechend äußerte sich Tadic in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur AFP.

Die EU-Mitgliedschaft im Blick

Der serbische Präsident Boris Tadic (Foto: DW)

Peilt die Aufnahme Serbiens in die EU an: Präsident Boris Tadic

Ansonsten lenkte er den Blick weg von der dunklen Vergangenheit hin zur möglichst hellen Zukunft - und das ist auch für Serbien die Aufnahme in die Europäische Union. Tadic verlangte nämlich, dass die Beitrittsgespräche Anfang 2012 beginnen müssten. Sein Land fordere keine Sonderbehandlung durch die EU, wünsche aber so behandelt zu werden wie Kroatien. Das Nachbarland habe 2004 den Status eines Kandidaten für die EU erhalten und ein Datum für die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen, obwohl der vom Haager Tribunal gesuchte ehemalige kroatische General Ante Gotovina zu diesem Zeitpunkt noch nicht gefasst gewesen sei. Die offiziellen Verhandlungen der EU mit Kroatien begannen im Oktober 2005. Gotovina wurde erst im Dezember desselben Jahres festgenommen.

Für Serbien haben nach Tadics Worten derzeit die Reform der Justiz und der Aufbau eines demokratischen Rechtsstaats oberste Priorität. Dies sei "der Schlüssel für alles". Mladics Verhaftung habe Kapazitäten für den Kampf gegen Korruption und organisierte Kriminalität freigesetzt, sagte der Staatschef. Und wenn Belgrad auf seinem jetzigen Weg weitergehe, erfülle es alle Voraussetzungen für die Aufnahme in die EU.

Autor: Stephan Stickelmann (afp, dapd, dpa)
Redaktion: Marko Langer

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