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Ostmitteleuropa

"Mitten im Warenüberfluss fehlt den Menschen was"

- Kulturen in Bewegung - Estland, Lettland, Litauen vor der EU

Köln, 12.6.2003, DW-radio, Cornelia Rabitz, aus Berlin

"Kulturen in Bewegung - Estland, Lettland, Litauen vor der EU-Erweiterung" lautete der Titel einer Tagung, die das Goethe-Institut/Inter Nationes und die Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin gemeinsam veranstaltet haben. Künstler, Schriftsteller und Intellektuelle aus den baltischen Staaten stellten sich die Frage: Was bringt uns die neue Zeit? Welche Chancen und welche Risiken birgt der Beitritt zur Europäischen Union? Und wie gehen die Kulturschaffenden mit den neuen Herausforderungen um? Bei aller Freude über die Öffnung nach Westen war in der Diskussion auch viel Skepsis spürbar. Nicht alle sind Gewinner im neuen Europa. Und die Sorge bleibt, ob in der globalisierten Wirtschaftswelt nicht Gefahr droht für kulturelle Werte und Traditionen. Cornelia Rabitz hat die Debatte verfolgt:

Ich bin eine nachdenkliche Euro-Optimistin, sagte die lettische Schriftstellerin Mara Zalite - sie sprach damit für die meisten ihrer nach Berlin angereisten Kollegen und vielleicht für sehr viele Menschen in den baltischen Staaten Estland, Lettland, Litauen - jene drei so unterschiedlichen Länder, die man im Westen Europas nach wie vor zu wenig kennt und dabei gerne in einen Topf wirft. Gemeinsam ist ihnen, wie der Berliner Professor Manfred Kerner erläuterte, eine Geschichte, die von vielen Umbrüchen, von Besatzungsregimen verschiedenster Couleur, vom Kampf um die Unabhängigkeit und dem Ringen um eine nationale Identität geprägt war.

Dass Estland, Lettland und Litauen nur wenige Jahre nach der so schwer errungenen Selbständigkeit nun der Europäischen Union beitreten sollen, ist politisch ein Fortschritt, wird aber gerade von den Kulturschaffenden nicht nur positiv gesehen. Starke Skepsis ist spürbar auf der Berliner Tagung. Wo bleibt unsere gerade erst wiedergewonnene kulturelle Identität? Was dürfen wir einbringen in die neue, große Gemeinschaft, fragen sich Schriftsteller und Künstler? Es sind interessante Menschen und spannende Lebensläufe, in denen sich die Brüche und Umbrüche der baltischen Geschichte widerspiegeln.

Andrei Hvostov wuchs in einer estnisch-russischen Familie auf, leistete Militärdienst im Süden Rußlands, war Waldarbeiter und Imker, bevor er studierte, in seiner mittlerweile unabhängigen Heimat ein bekannter Journalist und Autor wurde. Estland, so sagt er heute auch ein wenig ironisch, Estland muß auf Vordermann gebracht werden für den EU-Beitritt, viele Menschen arbeiten dafür zwölf Stunden am Tag und mehr.

Hvostov: "Ich befürchte den Verlust der nationalen Elite, denn ich sehe deutliche Anzeichen, dass unser ganzes Eurohappening infolge der Überarbeitung mit dem vorzeitigen Tod der Beteiligten enden wird."

Früher warteten wir auf Entscheidungen aus Moskau, heute auf Beschlüsse in Brüssel - ist aus dem Kreis der Tagungsteilnehmer zu hören. Fremdheit ist geblieben, trotz aller Öffnung nach Westen. Wir sind dort immer noch Zaungäste, heißt es nachdenklich.

Tomas Venclova hat ein bewegtes Leben geführt, als Dissident in der litauischen Sowjetrepublik, als politischer Emigrant in den USA, Literaturprofessor und Lyriker. Europa, sagt er, ist kein geographischer Begriff, es ist die Summe vieler Werte und Traditionen. Dabei haben die neuen Mitglieder eine wichtige Funktion:

"In meiner Heimat hört man oft, dass Westeuropa das Gefühl für ethnische Werte, für nationale Identitäten verloren hat. Während die Litauer, wie alle anderen Balten, diese Werte im Kampf gegen den sogenannten sowjetischen Internationalismus bewahrt haben. Deshalb können wir jenen Völkern ein Beispiel geben, die schon übergegangen sind zur universellen, gleichförmigen Massenkultur."

Venclova gibt sich als ausgesprochener Euro-Optimist. Litauen ist dabei, freut er sich, es entwickelt sich und weitet den Blick, die Union bietet mehr Chancen als Risiken. Sein Kollege Marius Ivaskevicius ist zurückhaltender: Litauen sei immer schon zwischen Ost und West herumgeirrt, sagt er, und wörtlich: die Region der baltischen Staaten ist so etwas wie ein Wanderpokal. Wem dieser Pokal gehört, der hat die Vorherrschaft in Europa. Zur Zeit fällt dieser Preis dem Westen zu.

Auch die Lettin Mara Zalite ist skeptisch. Die Dichterin wurde als Kind deportierter Eltern in Sibirien geboren, sie ist eine der Vordenkerinnen der lettischen Revolution, eine mutige, vielfach preisgekrönte Rednerin und Publizistin. Ihr Fazit klingt bitter. Was Europa uns nach dem Fall des Eisernen Vorhangs brachte, waren Drogen, Kinderpornographie, Frauenhandel, hochmütige Europabeamte, Armut und Korruption. Wenn die Letten dennoch demnächst Ja sagen werden zum EU-Beitritt so verbinden sie dies mit Protest:

"Es ist der Protest gegen das Fehlen einer Alternative. Der wirtschaftliche und ideologische Zusammenbruch des Sozialismus zwingt zum Annehmen des einzigen noch übriggebliebenen Lebensmodells: Demjenigen der Marktmacht. Schon seit Jahren herrscht in Lettland der Geist des Kalküls: Quoten, Preise, Investitionen, Fonds, Geld, Geld, Geld."

Die Diskussion um die EU-Erweiterung habe sich auf Politik und Wirtschaft beschränkt, Kultur und Werte außer acht gelassen. Mara Zalite spürt, dass den Menschen mitten im neuen Warenüberfluß etwas fehlt:

"Hinter dieser pragmatischen Geschäftigkeit zeichnet sich eine Melancholie ab. Es handelt sich dabei aber um keine spezifisch lettische Melancholie, sondern um eine europaweite Schwermut." (lr)

  • Datum 13.06.2003
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