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Sport

Mittag: "Katar will mit Sport weg vom Öl"

Seit Jahren setzt das Emirat Katar auf Sport und Talentförderung, jetzt auch in der belgischen Provinz. Professor Jürgen Mittag von der Sporthochschule Köln blickt im DW-Interview skeptisch auf das Engagement.

Deutsche Welle: Beim belgischen Zweitligisten K.A.S. Eupen engagiert sich jetzt die Aspire Zone Foundation aus Katar - warum?

Professor Jürgen Mittag: Wir erleben, dass der Staat Katar in den letzten Jahren ein enormes Geldvolumen investiert hat, um sich insbesondere der Potentiale des Sports zu bedienen - und in diesem Rahmen das Land weiterzuentwickeln und zu etablieren. Wir sehen, dass Sport ein ganz entscheidendes Instrument ist, um ein Land bekannter zu machen, um ein Land mit gewissen Assoziationen zu verbinden, um ein Land zu 'branden', wenn man so will. Katar lebt ganz wesentlich vom Öl und der Vergangenheit. Aber man will weit darüber hinaus gehen. Wir haben das schon in den Vereinten Arabischen Emiraten erlebt mit der Entwicklung des Tourismus und der Entwicklung der Luftfahrtbranche. Und genau das Gleiche versucht man auch seit einigen Jahren in Katar zu entwickeln, auf etwas anderen Fundamenten.

Wie bewerten Sie diese Entwicklung?

Man muss es mit einer gewissen Ambivalenz sehen. Auf der einen Seite ist Sport erst mal etwas Unpolitisches und etwas, das den Menschen zugute kommen kann. Insofern würde ich da durchaus positive Ambitionen sehen. Wenn man auf der anderen Seite allerdings sieht, welche enormen Geldmittel hier investiert werden, muss man zumindest eine gewisse Grundskepsis an den Tag legen. Und auch mit welchen Formen und Instrumenten das geschieht.

Aber Geld regiert auch sonst im Fußball.

Porträt Professor Jürgen Mittag, Sporthochschule Köln. Foto: Arne Lichtenberg

Prof. Jürgen Mittag

Aber diese Dimension sprengt bisherige Ausmaße: Das Trainingszentrum, das in Katar errichtet wurde (Anm. 2004 für eine Milliarde US-Dollar) wurde, sprengt den Rahmen dessen, was wir aus europäischen Ländern kennen. Dann das Scoutingprogramm, bei dem jedes Jahr eine halbe Million Spieler - insbesondere in Afrika, Lateinamerika und zunehmend auch in Asien - gewissermaßen gecastet werden und nun in Eupen geschaut wird, inwieweit sie für den Profifußball einsetzbar sind. Das Ganze ist nicht per se als schlecht einzuordnen, aber es hat einen hohen Grad an Künstlichkeit und Steuerung. Eine gewissermaßen organische, evolutionäre Entwicklung, wie sie dann doch vielfach im Fußball noch an der Tagesordnung ist, wird hier nur bedingt verfolgt.

Sie sagen, Katar bediene sich der Potentiale des Sports und insbesondere des Fußballs. Das Emirat folgt damit einem Trend. Das vielleicht bekannteste Beispiel ist der russische Öl-Oligarch Roman Abramowitsch, der vor bald zehn Jahren den englischen Verein FC Chelsea kaufte. Aber in Eupen geht es doch vor allem darum, Talente zu fördern, das ist doch ein ganz anderer Ansatz?

Grundsätzlich kann man sagen, dass der Fußball die herausragende Projektionsfläche für Interessen welcher Art auch immer ist. Der Fußball ist so populär und so mobilisierend, dass man damit die unterschiedlichsten Interessen durchsetzen kann. Wir erleben, dass versucht wird, wirtschaftliche, politische und soziale Ziele über den Fußball zu realisieren. In Eupen haben wir in der Tat ein vielleicht etwas anderes Unterfangen als die im britischen Fußball durchgeführten Projekte. Es wird stark versucht, auf die Jugend zu setzen und einen gewissen sozialen Rahmen an das Ganze zu koppeln. Insofern hat das Ganze einen positiv umkleideten Rahmen. Aber natürlich gibt es auch ein Eigeninteresse von Katar: das Land als Sportnation zu entwickeln. Um letztendlich über den Sport die Tourismusentwicklung anzukurbeln, aber auch das Land insgesamt weiterzuentwickeln.

Auch mit Blick auf die Fußballweltmeisterschaft in Katar 2022 und die mögliche Einbürgerung der geförderten Spieler?

Den Spielern wird nicht zur Auflage gemacht, die Staatsbürgerschaft von Katar anzunehmen. Aber es ist auch nicht ausgeschlossen. Die FIFA hat die Regularien in der Hinsicht noch mal etwas verschärft. Wir haben auf der anderen Seite beim Afrika-Cup in diesem Jahr erlebt, dass Äquatorialguinea mit einer Fülle ausländischer Spieler angetreten ist. Katar - ein Staat mit weniger als zwei Millionen Einwohnern - hat nicht die Potentiale, eine herausragende Nationalmannschaft aus eigenen Mitteln zu rekrutieren. Und sicherlich ist auch die Hoffnung da, in zehn Jahren zumindest einige Spieler aus diesem Reservoir rekrutieren zu können.

Jürgen Mittag ist als deutscher Politikwissenschaftler und Historiker Professor für Sportpolitik an der Deutschen Sporthochschule Köln.

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