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Welt

Mitt Romney - Politiker, Manager, Mormone

Mitt Romney ist der Favorit im Rennen um die Präsidentschaftskandidatur der Republikaner. Doch seine Karriere als Manager und sein mormonischer Glaube machen ihm im Wahlkampf zu schaffen.

"Er hat die Leute beeindruckt, weil er kompetent war." Tony Kimball sitzt auf einem der mit altrosa farbenem Stoff bezogenen Holzstühle in dem Gemeinschaftsraum der Mormonen-Kapelle in Belmont. Hier, in dem westlich von Boston gelegenen Ort, hat Mitt Romney in den 80er Jahren die Sonntagsschule geleitet, zunächst fünf Jahre ehrenamtlich als Bischof der kleinen Gemeinde. Der heutige Präsidentschaftsaspirant war noch keine 30 Jahre alt, als ihm 1986 dann die Verantwortung für gut ein Dutzend Mormonengemeinden um Boston herum übertragen wurde, erzählt Kimball, der viele Jahre mit Romney zusammen gearbeitet hat: "Mitt war jung als er zum Stake President berufen wurde, aber niemand hat sich beschwert, denn die Menschen haben ihn respektiert." Der junge, gutaussehende Mann war da bereits auf dem Weg, ein erfolgreicher Geschäftsmann zu werden.

Seinen Abschluss hatte Romney an der Harvard Universität in Boston gemacht, in einem besonderen Studiengang, der ihm gleichzeitig zwei Abschlüsse ermöglichte: als Betriebswirt und als Jurist. Nur ein gutes Dutzend Studenten wurde jedes Jahr für das umfangreiche Studium zugelassen; wer hier aufgenommen werden wollte, musste besonders smart sein.

Unermüdlicher Einsatz für die Firma

Hart und viel zu arbeiten war nie Romneys Problem. "Es gab eine Zeit", erzählt Tony Kimball in der Kapelle, die zu Füßen des großen Mormonentempels liegt, "da haben wir ihn als Stake President kaum gesehen, da rettete er gerade Bain & Co, und die trafen sich 20 Stunden am Tag." 1978 hatte Romney bei Bain & Co angefangen, einer Bostoner Unternehmensberatung, in der er sich zum Vizepräsidenten hocharbeitete. 1984 wurde er Gründungspartner von Bain Capital, einer Investmentgesellschaft, die angeschlagene Firmen aufkaufte, umstrukturierte und dann mit Gewinn verkaufte. Als die Muttergesellschaft in Schwierigkeiten geriet, wurde Romney wieder zurückgeholt. Es gelang ihm unter großem Einsatz, die Firma zu retten. Das war von 1990 bis 1992. "Ann, seine Frau, hat später gesagt, dass die meisten Ehen das wohl nicht überstanden hätten", erklärt Tony Kimball.

Tony Kimball, Weggefährter Romneys (Foto: Christina Bergmann/DW)

Tony Kimball hat viele Jahre mit Romney zusammengearbeitet

Romneys ehemaliger Kollege bei Bain, Geoffrey Rehnert, erinnert sich: "Mit Mitt zu arbeiten war eine Herausforderung, es war zermürbend und anspruchsvoll", schreibt er in einer E-Mail, "aber intellektuell sehr anregend und niemals langweilig." Romney habe "seine Mitarbeiter und Kollegen immer herausgefordert, neue und bessere Lösungen zu finden." Andere, die mit ihm gearbeitet haben, erzählen, dass er stets beide Seiten zu Wort kommen lässt. Er ist ein Analytiker, der auf Grund von Fakten entscheidet. Gefühle spielen dabei keine Rolle. Als Manager ist das von Vorteil. Als Wahlkämpfer wirkt er deswegen distanziert und ohne ehrliche Überzeugung.

Profit machen um jeden Preis

Mehr als 100.000 Jobs, brüstet sich Romney, hätte Bain Capital geschaffen. Doch machte der Geschäftsmann auch Gewinn, wenn eine Firma zerschlagen, verkauft und die Mitarbeiter entlassen wurden. Eine Variante des Kapitalismus, die ihm im Wahlkampf bereits viel Kritik auch aus der eigenen Partei eingebracht hat. Vor allem Newt Gingrich, der ehemalige Sprecher des Repräsentantenhauses, nahm Romney aufs Korn. In einer der zahlreichen Fernsehdebatten warf er ihm vor, Arbeitsplätze zerstört und nicht geschaffen zu haben: "Es gab ein Muster [bei Bain Capital], einige der Firmen mit großen Schulden zurückzulassen und in ein, zwei oder drei Jahren Pleite gehen zu lassen."

Romney profitiert noch immer von seiner Zeit bei Bain in Boston, das belegen seine Steuererklärungen, die er jüngst vorgelegt hat. 2010 betrug sein Einkommen 21,6 Millionen Dollar. Sein Reichtum macht ihm im Wahlkampf zu schaffen, denn ungeniert redet er von den beiden Cadillacs seiner Frau und seinen Freunden, die Rennsportteams besitzen. Bei Wählern, die den Gürtel in wirtschaftlich schlechten Zeiten enger schnallen müssen, weckt das keine Sympathien.

Millionen Dollar für wohltätige Zwecke

Dabei könnte Romney darauf verweisen, dass er allein 2010 fast drei Millionen Dollar wohltätigen Zwecken gespendet hat. Gut 1,5 Millionen davon an die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage. Mormonen investieren nicht nur viel Zeit, sondern auch viel Geld in ihre Kirche. Ein Zehntel ihres Einkommens sollte die Abgabe betragen. Doch Mitt Romney redet nicht darüber. Mormonen sind zurückhaltend mit öffentlichen Glaubensbekenntnissen.

Mitt Romney stammt aus keiner armen Familie. Sein Vater, der Automanager George Romney, war von 1963 bis 1969 Gouverneur von Michigan. Dort, in der Autostadt Detroit, wurde Romney am 12. März 1947 geboren. Er wuchs in einem der besseren Detroiter Vororte auf. Wie es bei den Mormonen üblich ist, verbrachte er zwei Jahre missionierend im Ausland, in Frankreich, und lernte dort auch französisch.

Keinen Killerinstinkt

Romney-Biograf Ron Scott (Foto: Christina Bergmann/DW)

Biograf Ron Scott schrieb über Romneys Killerinstinkt

Seine ersten politischen Ambitionen verfolgte Mitt Romney 1994, als er in Massachusetts bei der Senatswahl gegen Ted Kennedy, die ultra-liberale Ikone der Demokraten, antrat. Er scheiterte, weil ihm damals der Killerinstinkt gefehlt habe, erklärt Ron Scott, der schon die politische Karriere von Romneys Vater verfolgte und eine Biografie über Mitt Romney geschrieben hat: "Er war ein zu netter Kerl, als er noch jünger war, und das hat ihn [den Sieg] gekostet." Das habe sich geändert, sagt Scott.

Mit der Wucht seiner Multimillionen-Dollar schweren Wahlkampfmaschine geht Romney seit Wochen gegen seine Konkurrenten vor. Als nach dessen Sieg in den Vorwahlen in South Carolina Newt Gingrich in den Meinungsumfragen unter den Wählern in Florida ebenfalls davonzog, starteten die Romney-Leute eine massive Kampagne mit negativen Fernsehspots gegen den Konkurrenten. Erfolgreich: Romney gewann Florida schließlich überragend mit rund 14 Prozentpunkten Vorsprung.

Der Wendehals

Es scheint, als sei Mitt Romney auf diese massive negative Wahlkampfhilfe mittlerweile angewiesen. Auch in seinem Heimatstaat Michigan musste er hart um seinen knappen Sieg kämpfen. Er tut sich nicht nur schwer, die republikanischen Wähler persönlich anzusprechen. Sie nehmen ihm auch seine Bekenntnisse zu konservativen Werten nicht ab. Das liegt unter anderem daran, dass er bei vielen Themen früher andere Ansichten vertreten hat. Während des Wahlkampfes gegen Ted Kennedy im liberalen Massachusetts war er beispielsweise für das Recht der Frau auf Abtreibung - obwohl das seinem mormonischen Glauben widerspricht.

Dass Romney Mormone ist, hat er während seiner politischen Karriere so gut wie nie erwähnt. Ron Scott, der ebenfalls diesem Glauben angehört, erklärt: "Ich glaube seine Berater haben ihm gesagt, weil der mormonische Glaube immer noch als sonderbar angesehen wird, dass man sich davon so weit entfernt wie möglich hält." Scott bedauert dies: Denn dadurch würde er auch nicht über die Bereiche seiner Religion sprechen, die ihn zu einem besseren Präsidenten machen würden - zum Beispiel die Erfahrung, Menschen in Not beraten zu haben - eine seiner Aufgaben als mormonischer Gemeindebischof. Doch der republikanischen Basis, der viele evangelikale Christen angehören, ist ein Mormone suspekt.

Gesundheitsreform als Klotz am Bein

So hat Romney zwar nicht seinen Glauben gewechselt, ist aber auf die Ansichten der konservativen Basis eingeschwenkt. Er spricht sich jetzt gegen Abtreibung aus. Und gegen die staatliche Gesundheitsreform von Präsident Obama. Dabei hat er selbst als Gouverneur von Massachusetts genau eine solche in Kraft gesetzt. Brian Rosman, Forschungsdirektor der Interessensgemeinschaft "Health Care for All" hat in seinem Büro in der Innenstadt von Boston noch immer die Eintrittskarte für die feierliche Unterzeichnung vom 12. April 2006: "Er hat es mit großer Fanfare unterzeichnet, das war in Faneuil Hall, dem historischen Haus, in dem Patrioten über die amerikanische Revolution debattiert haben, und es gab Pfeifer und Trommler, die in historischen Kostümen ihre Instrumente spielten".

Die Urkunde zur Gesundheitsreform (Foto: Christina Bergmann/DW)

Romneys Gesundheitsreform ist ein Klotz am Bein

Rick Santorum, der ehemalige Senator aus Pennsylvania, und Romneys Konkurrent im Kampf um die Kandidatur, nutzt genau das als Argument: dass Romney gegen Präsident Obama keine Chancen hat, weil er dessen Gesundheitsreform nicht glaubwürdig ablehnen kann. In Boston stand Romney damals auf einer großen Bühne und der Raum war gerappelt voll, erzählt Rosman. Demokraten und Republikaner, Ärzte, Versicherungen, Patienten - alle feierten den Kompromiss. Rosman versteht nicht, warum Romney jetzt erklärt, dass er das Gesetz auf Bundesebene ablehnt: "Das scheint so unaufrichtig, so wenig integer, wenn er doch weiß, was wir hier gutes erreicht haben."

Romneys Stärke sind das Organisieren, das Managen, die Richtung vorzugeben. Die Olympischen Spiele 2002 von Salt Lake City machte er zu einem finanziellen Erfolg. Zu normalen Bürgern Kontakt zu knüpfen, fällt aber ihm schwer. Bei der Dienstleistungsgewerkschaft SEIU, die vor allem Beschäftigte im Gesundheits- und Sozialbereich vertritt, ist man nicht gut auf den ehemaligen Gouverneur zu sprechen. Personalchef Cliff Cohn sagt in seinem Büro in Watertown, im Westen von Boston: "Der Gesetzgeber hatte 20 oder 30 Millionen Dollar zur Seite gelegt, um die Löhne der Angestellten etwas zu erhöhen und eine von Gouverneur Romneys letzten Amtshandlungen war, gegen diese Erhöhung ein Veto einzulegen."

Im Vorwahlkampf zu weit nach rechts gerückt?

Mitt Romney ist in seinem Glauben fest verankert. Er kommt noch immer hin und wieder in die Gemeinde Kapelle im Bostoner Vorort Belmont - vergangenes Jahr zu Weihnachten hat Tony Kimball mit ihm gesprochen. Kimball ist pensionierter Universitätsdozent, der Staatsrecht und Politik gelehrt hat. Der 72-Jährige kann nicht verstehen, wieso Romney plötzlich extrem konservative Werte vertritt. Für die Wechselwähler und die Liberalen, glaubt Kimball, und denkt schon an den Wahlkampf gegen Präsident Obama, ist dieser Romney nicht wählbar. Und auch unter den Mormonen hat die Loyalität Grenzen. Für Tony Kimball jedenfalls ist eins klar, sollte Mitt Romney der Präsidentschaftskandidat der Republikaner werden: "Meine Stimme bekommt er ganz sicher nicht."

Doch noch ist es nicht soweit. An diesem Dienstag muss Mitt Romney zunächst einmal die Republikaner in zehn Bundesstaaten überzeugen, dass er als Politiker genauso gut sein kann wie als gläubiger Mormone und erfolgreicher Manager.

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