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Nahost

Miteinander verwoben: Kopten und Muslime

In einem Vorort von Kairo befindet sich die Webschule von Ramses Wissa Wassef. Die Schule wurde Anfang der 1950er Jahre gegründet. Hier können muslimische und koptische Jugendliche gemeinsam das Webhandwerk erlernen.

Ein ägyptischer Weber im Ramses Wissa Wassef Center in Harrania (Foto:Ramses Wissa Wassef Art Centre)

Ein ägyptischer Weber im Ramses Wissa Wassef Art Centre in Harrania

In den Werkstätten der Webschule von Harrania ist die Stimmung gut. Zwei bis drei Weber und Weberinnen teilen sich einen der schlichten Arbeitsräume, in deren Mittelpunkt die großen, aufrechten Kettenwebstühle stehen, wie sie schon die alten Ägypter kannten. In geduldiger Arbeit entstehen hier kunstvolle Wandbehänge die nicht nur Privatwohnungen und Museen, sondern auch Regierungspaläste schmücken. Harrania ist ein muslimisches Dorf und liegt heute an der südlichen Peripherie von Kairo, unweit der Pyramiden von Gizeh. Als der koptische Architekt Ramses Wissa Wassef die Webschule 1952 gründete, war das pulsierende Leben der ägyptischen Hauptstadt noch weit entfernt.

Verändertes Selbstbewusstsein

Das Ramses Wissa Wassef Art Centre im ägyptischen Harrania (Foto:Ramses Wissa Wassef Art Centre)

Das Ramses Wissa Wassef Art Centre im ägyptischen Harrania

Mehrheitlich sind es muslimische Frauen, die seit den 1960iger Jahren hier arbeiten und mit ihren über Jahre hin erworbenen Fähigkeiten dem Zentrum zu internationalem Ansehen verhalfen. Nadra Azim war 11 Jahre alt, als sie vor 30 Jahren mit dem Weben begann. "Mein ganzes Leben hat sich durch die Arbeit verändert," sagt sie heute. "Wer weiß, was sonst aus mir geworden wäre." Heute habe sie an Ansehen gewonnen und werde anders wahrgenommen als die übrigen Frauen im Dorf.

Ikram Nosshi der das Zentrum mit seiner Frau Suzanne, der Tochter von Ramses Wissa Wassef, leitet, betrachtet die Weberin als eine Familienangehörige. "Die Frauen verdienten zum ersten Mal eigenes Geld, manchmal mehr als ihre Ehemänner," erzählt Nosshi, dass die Weberinnen dem Dorf auch zu einigem Wohlstand verholfen hätten. Sieseien sogar zu internationalen Ausstellungen nach England, Frankreich, Deutschland und in die USA gereist. "Das hatte es noch nie in dieser ländlichen Gesellschaft gegeben und hat den Frauen Anerkennung und Respekt verschafft", berichtet Nosshi stolz.

Ruhepol für Kopten und Muslime

In der heutigen Zeit spricht man im Dorf mehr über den Streit um die Kirche im nahe gelegenen Gizeh. Weil ein Genehmigungsverfahren zum Bau einer Kirche in Ägypten kompliziert ist, die Gemeinden aber immer weiter wachsen, kommt es vor, dass eine Kirche ohne Genehmigung gebaut wird. So auch in Gizeh. Als die Polizei das Ende November 2010 herausfand, stürmte sie den Neubau und riegelte ihn ab. Bei anschließenden Demonstrationen wurden zwei junge Kopten getötet. Doch zum Glück blieb das Ramses Wissa Wassef Zentrum bisher von religiöser Gewalt verschont.

"Wir sind Kopten," erzählt Ikram Nasshi, "und alle Weber hier sind Muslime. Doch die Religion war nie ein Thema zwischen uns." Der Leiter des Zentrums sieht Kopten und Muslime vielmehr als Teile eines Webmusters. "Die ganze ägyptische Gesellschaft mag uns und respektiert uns. Wir wurden nie bestohlen, angegriffen oder verleumdet."

Jahrtausende alte Tradition des Zusammenlebens

Kopten feiern das Weihnachtsfest in einer Kirche in Kairo (Foto:ap)

Kopten feiern das Weihnachtsfest in einer Kirche in Kairo

Einer der schönsten Wandteppiche in der Sammlung des Zentrums trägt den Namen "Die Schöpfung" und entstand 1983 nach einer gemeinsamen Diskussion mit einem koptischen Priester und einem muslimischen Scheich. Als christliche Ureinwohner Ägyptens haben die Kopten seit 2000 Jahren Kultur, Wirtschaft und Politik des Landes mit geprägt, erinnert Ikram Nosshi. Dadurch seien sich Kopten und Muslime sehr ähnlich, auch wenn der Einfluss des dogmatischen Islams, des Wahabismus aus Saudi Arabien, den ägyptischen Islam verändert habe. Die Ursache für Anschläge gegen Kopten sieht Nosshi aber woanders. "Wenn es soziale oder wirtschaftliche Probleme gibt, dann zeigen die Leute immer auf den, der anders ist."

Über soziale Not, die die Gesellschaft spaltet, spricht die Regierung nicht gern. Allein in der 20-Millionen-Metropole Kairo leben elf Millionen Slumbewohner – Christen und Muslime - in etwa 1.000 überbevölkerten Siedlungen. Eine davon beherbergt rund 60.000 Kopten, die sich vom Müll der ägyptischen Hauptstadt ernähren, den sie sammeln, trennen und wiederverwerten.

Beschworener Zusammenhalt

Wohl nicht zuletzt deshalb fordert die unabhängige Tageszeitung Al Masri al Youm die Regierung auf, sich mit den sozialen, politischen und kulturellen Aspekten des Konflikts zu befassen. In der Zeitung heißt es: "Wir sollten unseren Kopf nicht in den Sand stecken. Einige meinen, diese Verbrechen tragen eine ausländische Handschrift. Doch wenn die nationale Basis stark ist, kann keine ausländische Gruppe Feuer in unserer Mitte entfachen."

Die Regierung müsse die Ungleichbehandlung der Kopten in Ägypten beenden, dann könne niemand einen „religiösen Bürgerkrieg" schüren. Die Zeitung Al-Shorouk gesteht den ägyptischen Christen zwar allen Grund zu, nach den Anschlägen wütend zu sein, doch sollten sie nicht in die Falle der Brandstifter tappen. Ein Bürgerkrieg zwischen Muslimen und Christen, so die Zeitung, werde Ägypten unweigerlich in einen "Sumpf" führen "wie den Libanon 1975".

Autorin: Karin Leukefeld
Redaktion: Thomas Latschan