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Digitales Leben

Mit zwei Klicks zum Superfoto

Als vor 175 Jahren die Fotografie erfunden wurde, grenzte das für viele an Zauberei. Heute fotografiert jeder und teilt die Bilder im Netz. Die Profis stört's nicht - auch sie nutzen Fotoplattformen wie Instagram.

Screenshot Fotogalerie des Instagram-Nutzers Le_Blanc

Architekturfotos von Sebastian Weiss alias "Le_Blanc"

"Jeder Mensch ist ein Künstler", hat Joseph Beuys gesagt. Dieser Satz passt auf Millionen Hobbyfotografen, die ihre Bilder ins Netz stellen, egal, wie viele Menschen sie damit erreichen. Der Popstar Justin Bieber hat fast 20 Millionen Follower auf der Fotoplattform Instagram. Er postet fleißig Selfies, Fotos von Autos, Gitarren, Bildchen mit dem Kumpel, mit Zigarre, im Pool. Sängerin Rihanna (1,2 Millionen Follower) zeigt ihren neuen Rock, ihr neues Armband, die neuen Schuhe. Der ehemalige deutsche Tennisstar Boris Becker (45.000) postet sich selbst, seine Söhne oder kluge Sprüche. Millionen auf der ganzen Welt machen es den großen Stars nach und posten was das Zeug hält: Den frisch aufgetragenen Nagellack, ihren hübsch gedeckten Frühstückstisch, das Selfie mit dem besten Freund nach der Party von gestern. Instagram gibt Momente wieder, die Menschen mit anderen teilen wollen. Augenblicke, im Schnappschuss festgehalten.

Boris Becker auf Instagram

Mit diesem Bild hat Boris Becker daneben gegriffen

Diese Fotoplattform klingt zunächst mal nach einem Ort, an den sich ein Fotograf mit Anspruch nicht so leicht verirren würde. Ein falscher Schluss: Viele Künstler nutzen Instagram, um ihre Arbeiten zu präsentieren. Sie haben Hunderttausende Follower.

Der US-amerikanische Fotograf

Kevin Russ

etwa setzt sich wochenlang ins Auto, reist durch das Land und fotografiert Landschaft und Wildnis. Ebenso seine belgische Kollegin

Janske Kaethoven

. Der niederländische Graphik-Designer

Dirk Bakker

wiederum liebt Formen, Linien und Farben. Beim Blick in die erfolgreichsten Instagram-Accounts fällt schnell auf: Designer gehören zu den beliebtesten Fotokünstlern auf Instagram. Zu ihnen zählt auch der Berliner Fotograf

Sebastian Weiss

. Mehr als 110.000 Menschen schauen sich seine Architekturfotografien auf Instagram an.

Digitaler Handschmeichler

Weiss setzt vor allem Gebäude-Details in Szene und hat eine ganz eigene Farbgebung. Der studierte Grafik-Designer schwört auf die Plattform: "Instagram ist eine sehr persönliche Art, Fotos auszutauschen: Ich mache das Bild mit meinem Smartphone, jemand anders schaut es sich auf seinem Smartphone an. Es ist, als ob man jemand anderem die Hand gibt – also eine Art digitaler Handschmeichler." Weiss freut sich über jeden Kommentar, den ein User zu einem seiner Bilder abgibt. "Eine Frau aus Asien hat mir geschrieben, sie hätte einen schweren Arbeitstag gehabt, und nachdem sie meine Bilder entdeckt habe, sei es ihr wieder gut gegangen. Das ist einfach ein tolles Gefühl."

Tatsächlich herrscht auf der Plattform ein angenehmer Ton. Hier wird gelobt, geklatscht, geliked was das Zeug hält. Viele bedanken sich für Komplimente oder antworten auf Fragen. Trolle und andere bösartige User findet man hier kaum. "Jeder hat hier sein Ziel gefunden", so Weiss, "die Leute entwickeln ihren eigenen Stil, egal, ob es dabei um Mode, Landschaft oder Menschen geht." Natürlich sei auch viel Müll dabei, sagt Weiss, dennoch habe jedes Bild seine Berechtigung.

Screenshot Fotogalerie eines Instagram-Nutzers

Ob Laie oder Profi: Fotografen nutzen gerne die Plattform als digitale Galerie

Jeder kann Fotos machen?

Der Kölner Fotokünstler

Mario van Middendorf

nutzt die Plattform nicht: Die Bilder – sprich die Dateien - dort seien viel zu klein. Ihm zufolge brauchen gute Fotos auch große Formate, was mit Instagrams nicht möglich ist. Würde man sie etwa zum Posterformat vergrößern, gäbe es die Bilder nur in schlechter Qualität. "Das ist eigentlich zu schade. Ich nehme die Leute, die ihre künstlerischen Fotos auf Instagram posten, natürlich ernst. Und es sind auch sehr ambitionierte Leute dabei."

Als Konkurrenz empfindet van Middendorf die Instagramer nicht. Das beginnt schon beim Handwerkszeug. "Ich benutze eine hochwertige Spiegelreflexkamera, andere nutzen ihr Smartphone, jeder arbeitet anders und es kommen ganz andere Arten von Fotos dabei heraus." Die Spontaneität bei Instagram-Fotos jedoch sei unschlagbar. Reizvoll ist, dass die Bilder direkt dort bearbeitet werden können, wo sie entstanden sind: Auf dem Handy.

Friedliche Koexistenz

Wer ein Auge für gute Bilder hat, kann selbst mit der schlechtesten Smartphone-Kamera noch ein passables Foto machen. Einem untalentierten Fotografen jedoch hilft keine noch so teure Superkamera.

Tatsächlich geht es hier um zwei Welten, die durchaus koexistieren können. Viele Profis, die auf Instagram Kontakte haben, loben auch schon mal andere ambitionierte Laienfotografen für ein besonders gutes Bild. Ihnen geht es nicht um Millionen Fans, sondern um einen Austausch und ein Feedback auf ihre Arbeiten. Das bestätigt auch der Fotodesigner Sebastian Weiss: "Wir stehen nicht in Konkurrenz mit Promis, die angegessene Burger fotografieren und ins Netz stellen. Für die ist so was eine Begleiterscheinung ihrer Präsenz." Weiss sieht in Instagram eher eine große Chance: "Instagram ist für alle da. Jeder kann es nutzen. Für mich bedeutet es die Demokratisierung der Fotografie."

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