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Deutschland

Mit Zeitzeugen gegen das Vergessen

Zwangsarbeit gehörte lange zu den am wenigsten beachteten Verbrechen der NS-Zeit. Um die Erinnerung daran wach zu halten, werden Zeitzeugen-Gespräche archiviert. In Berlin gibt es ein Projekt, das Schule machen soll.

Häftlinge in gestreifter Sträflingskleidung aus dem Konzentrationslager Neuengamme heben den Stichkanal vom Klinkerwerk zur Dove-Elbe aus. (Foto der SS, etwa von 1941/42)

Miriam Mogge macht gerade das Abitur. Geschichte gehört zu ihren Lieblingsfächern. Deshalb gefällt Miriam der Name ihrer Schule sehr gut. Denn das Gymnasium im Ortsteil Schöneberg ist nach der von den Nazis hingerichteten Widerstandskämpferin Sophie Scholl benannt. Auch das Schulgebäude atmet geradezu Geschichte. Auf dem Gelände steht ein Bunker, der seit 2002 offiziell ein authentischer "Ort der Erinnerung" ist.

Der Bunker wurde von 1943 bis kurz vor Kriegsende 1945 von osteuropäischen Zwangsarbeitern errichtet, die in den Räumen der heutigen Sophie-Scholl-Oberschule untergebracht waren. Seit Miriam Mogge das weiß, hat sich ihr Blick auf ihr Gymnasium verändert. "Auf einmal Bilder im Kopf zu haben, wie dort Zwangsarbeiter gelebt haben müssen, das war schon ein sehr merkwürdiges Gefühl", erinnert sich die Schülerin.

Zeitzeugen-Gespräche im Unterricht

Die Vergangenheit der Sophie-Scholl-Oberschule ist längst Teil des Unterrichts. Zeitzeugen-Gespräche spielen dabei eine wichtige Rolle. Um ihre Schicksale und Erinnerungen auch für künftige Schüler-Generationen nacherlebbar zu machen, gibt es das sogenannte Zwangsarbeit-Archiv. Kooperationspartner des Projektes sind die Stiftung "Erinnerung, Verantwortung, Zukunft" (EVZ), das Deutsche Historische Museum (DHM) und das Center für Digitale Systeme (CeDiS) an der Freien Universität Berlin (FU).

Die Homepage des Zwangsarbeit-Archivs mit Bildern von ehemaligen Zwangarbeitern

Das multimediale Zwangsarbeit-Archiv

Die Interviews werden multimedial für den Schul-Unterricht aufbereitet. Eines der Interviews wurde mit der 1924 in Berlin geborenen Jüdin Jutta Pelz-Bergt geführt. Sie war zwar weder in dem alten Gebäude der heutigen Sophie-Scholl-Oberschule untergebracht noch musste sie an dem Bunker mitbauen. Aber sie hat noch viel Schlimmeres er- und überlebt, nämlich das Vernichtungslager Auschwitz. Dort musste Jutta Pelz-Bergt in der Nähstube unter anderem Socken für SS-Leute flicken. Ihre Erinnerungen hat sie in dem 1996 erschienenen Buch "Die ersten Jahre nach dem Holocaust" niedergeschrieben. "Odyssee einer Gezeichneten" heißt es im Untertitel. Ihre Eltern wurden 1942 von Berlin nach Auschwitz deportiert und ermordet. All das erzählt die knapp 86-Jährige gelegentlich in Schulen.

Odyssee einer Gezeichneten

Als in der Bibliothek des Sophie-Scholl-Gymnasiums das Zwangsarbeit-Archiv und das dazugehörige Unterrichtsmaterial vorgestellt werden, ist kein Platz mehr frei. Viele müssen stehen. Die Jüngsten sind so alt wie Jutta Pelz-Bergt damals, als sie KZ-Häftling und Sklavenarbeiterin war.

"Die meisten erzählen immer, wie besonders schrecklich es ihnen erging. Aber ich betone, dass uns sehr viel erspart geblieben ist", beschreibt sie ihr Schicksal auf eine Art, die viele aufhorchen lässt. Sie sei mit einer Jugend-Gruppe nach Auschwitz deportiert worden und habe ein für KZ-Verhältnisse vergleichweise leichte Arbeit verrichten müssen. Und die Gruppe, sagt Jutta Pelz-Bergt, habe allen sehr viel Halt gegeben.

Die Abiturientin Miriam Mogge und die Auschwitz-Überlebende Jutta Pelz-Bergt während einer Zeitzeugen-Veranstaltung in der Sophie-Scholl-Oberschule in Berlin (Foto: Katja Egli / CeDiS)

Abiturientin trifft ehemalige Zwangsarbeiterin: Miriam Mogge und Jutta Pelz-Bergt

"Ich bin ein Auslaufmodell"

In wenigen Jahren werden die letzten Zeitzeugen tot sein. Sie sei also ein Auslaufmodell, sagt die heute in Weil am Rhein lebende Jüdin von sich selbst. Aber es gebe ja die archivierten Interviews, tröstet sich die ehemalige Berlinerin scheinbar emotionslos. Es ist auch diese unbekümmerte Art, über sich und ihr bewegtes Leben zu erzählen, von der Miriam Mogge so beeindruckt ist. Denn wenn die NS-Zeit im normalen Unterricht "immer wieder durchgekaut" werde, stumpfe das schon ein bisschen ab, gibt die Abiturientin ehrlich zu.

Wenn man dann mit einem Zeitzeugen spreche oder eine KZ-Gedenkstätte besuche, sei man plötzlich den Tränen nahe, beschreibt Miriam ihre Gefühle. Sie finde es aber wunderbar, mit welcher Selbstironie Jutta Pelz-Bergt über ihr Leben erzähle - und trotzdem mache sie den Schülern bewusst, was ihr Schicksal in Wirklichkeit bedeutet hat.

Keine Heimatgefühle für Berlin

In den ersten Nachkriegsjahren hat sich niemand für das Schicksal ehemaliger KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter interessiert, erinnert sich Jutta Pelz-Bergt. Sie wäre aber auch nicht fähig gewesen, darüber zu reden. Wann und warum sie später dazu in der Lage war, könne sie gar nicht mehr sagen. Heute erzähle sie über ihre Erlebnisse, ohne sich belastet zu fühlen. "Ich freue mich, dass die Schüler zuhören", sagt Jutta Pelz-Bergt. Dann erwähnt sie noch, dass sie nach dem Krieg auswandern wollte. Heimat-Gefühle für ihre Geburtsstadt Berlin empfinde sie keine mehr.

Autor: Marcel Fürstenau
Redaktion: Kay-Alexander Scholz

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