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Filme

Mit Woody Allen ist noch zu rechnen

Der größte Filmneurotiker des US-amerikanischen Kinos mag nicht ans Aufhören denken - auch mit jetzt 70 Jahren nicht. Sein Erfolg ist ein Beispiel für den Mut zur Andersartigkeit.

Auch so etwas Oberflächliches wie die schwarze Brille gehört zu seinen Markenzeichen

Es waren nicht wenige, die den unermüdlich produktiven Woody Allen nach einigen kommerziell erfolglosen Filmen schon abgeschrieben hatten. Doch rechtzeitig zu seinem 70. Geburtstag am 1. Dezember 2005 kann sich Amerikas schmächtiges Multitalent im Ruhm eines neuen Meisterwerkes sonnen, das unter dem Titel "Match Point" bereits bei den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes Publikum wie Kritiker begeisterte und kurz vor Jahresende auch in die deutschen Kinos kommen wird.

Der neueste Streich: "Match Point" mit Scarlett Johannson

Sieben Stückchen Banane

Seit seiner Kindheit schneidet Woody Allen die Banane für sein Frühstücksmüsli in sieben Stücke. "Wenn ich es anders machen würde, hätte ich Angst, dass ich das Universum aus dem Gleichgewicht bringen würde", gesteht der "Stadtneurotiker". Er spielt eben nicht nur die Typen aus seinen Filmen, er lebt sie.

Der Gedanke an seinen 70. Geburtstag lässt seine sowieso schon depressive Grundstimmung weiter sinken. Am liebsten würde er den Geburtstag ausfallen lassen, sagte er kürzlich in einem Interview. Von der Idee, durch seine Werke unsterblich zu werden, hält er erst recht nichts: "Neulich sagte jemand zu mir, dass ich in den Herzen meiner Landsleute weiterleben werde. Ich will aber in meinem Appartement weiterleben!"

Der allmächtige Boss

Alle, die ihn näher kennen, bestätigen, was er selbst von sich behauptet: "Es hat mich nie im Geringsten interessiert, was die anderen sagen." Er tut die Dinge, die er für richtig hält. Im Beruf genießt er dabei Vorrechte, die in der von Zwängen geprägten amerikanischen Filmbranche beispiellos sind: Niemand redet ihm in seine Filme hinein, er bestimmt alles - vom Drehbuch bis zur Regie. "In seinem eigenen Kosmos ist er praktisch allmächtig", sagt Barbara Kopple, die eine Filmdokumentation über ihn gemacht hat. In dieser Hinsicht sei der wirkliche Woody Allen auch das Gegenteil des ängstlichen Versagers, den er auf der Leinwand so überzeugend verkörpert: "Wenn Woody Allen die Kontrolle übernimmt, besteht nicht der geringste Zweifel daran, dass er der Boss ist."

New York und nicht Hollywood

Das Multitalent

Obwohl der in New York geborene und in dieser Stadt verwurzelte Sohn orthodoxer Juden in den USA weniger Ansehen genießt als in Europa, ist er künstlerisch für Amerikas Kultur ein Markenzeichen wie Coca-Cola oder Boeing für die US-Wirtschaft. Deshalb ist es Allen noch immer möglich, Jahr um Jahr Filme zu machen, die sich fast nie auf den vorderen Rängen der jeweils aktuellen Kassenhits platzieren können, aber bei denen sich auch teure Stars um die Mitwirkung reißen.

Das ist auch deswegen umso erstaunlicher, weil Allen stets geradezu feindseligen Abstand zur Filmfabrik Hollywood gehalten hat und das auch weiter tut. Selbst als er 1978 gleich mit zwei Oscars für Regie und Drehbuch seines Klassikers "Der Stadtneurotiker" ausgezeichnet wurde, schwänzte der Filmemacher die Preisverleihung in Los Angeles. Er blieb lieber in New York und spielte dort, wie er es gewohnt ist, Klarinette in seiner Jazzband.

Sex, Witze und Neurosen

Allan Stewart Konigsberg, so sein richtiger Name, hat immer schon gewusst, was er wollte. Bereits als 16-jähriger Schüler lieferte er jeden Nachmittag 50 bis 60 Witze an Klatschkolumnisten. Zum Beispiel: "Vor zwei Wochen habe ich ein sehr gutes Beispiel von oraler Empfängnisverhütung erlebt. Ich habe ein Mädchen gefragt, ob sie mit mir ins Bett gehen will, und sie sagte nein." Mit 29 Jahren verdiente er 10.000 Dollar pro Auftritt und war der bekannteste Komiker Amerikas.

1965 wurde sein erstes Drehbuch für die Sexkomödie "What's New Pussycat" in Szene gesetzt. Bald aber produzierte Allen selbst Filme, in Personalunion als Drehbuchautor, Hauptdarsteller und Regisseur. Beim deutschen Publikum erregte Allen erstmals 1972 großes Aufsehen mit seinem dritten Werk, das einen der längsten und witzigsten Titel der Filmgeschichte hatte: "Was Sie schon immer über Sex wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten".

Seine einflussreichsten Filme drehte er Ende der 1970er: "Annie Hall" (1977) und "Manhattan" (1979). Allen wurde zu einem unverwechselbaren Filmemacher. Und Woody wurde zu einer ebenso unverwechselbaren Kinofigur - geprägt von den Ängsten, Begierden, Beziehungsschwierigkeiten und Neurosen ihres Schöpfers.

Auch daheim sein eigener Maßstab

Privat hat der 70-Jährige erheblichen Turbulenzen in den 1990er-Jahren hinter sich, als seine langjährige Beziehung zur Schauspielerin Mia Farrow zerbrach und Allen damals ein Liebesverhältnis zu deren koreanischer Adoptivtochter Soon-Yi eingestehen musste. Farrow, die in einigen Filmen seine Partnerin gewesen war und mit Allen einen gemeinsamen Sohn hat - das Paar adoptierte noch zwei Kinder -, bezichtigte den Komiker pädophiler Neigungen und erstritt das alleinige Sorgerecht für die Kinder.

Doch polizeiliche Ermittlungen wurden ergebnislos eingestellt. Allen heiratete an Heiligabend 1997 Soon-Yi; das Paar adoptierte zwei Mädchen, Bechet Dumaine (nach dem Klarinettisten Sidney Bechet) und Manzie Tio (nach den Jazzmusikern Manzie Johnson und Lorenzo Tio). (kas)

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