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Wissen & Umwelt

Mit weniger Chemie mehr Profit

Mit weniger Chemie mehr verdienen und die Umwelt schützen. Das Modell des Chemikalienleasing ist innovativ und zukunftsweisend. Die Industrieorganisation der Vereinten Nationen (UNIDO) hilft bei der Umsetzung.

Chemielaborantin Sarah Aderhold kontrolliert am Freitag, 22. Januar 2010, eine Baumwollanalyse im Zentralen Labor fuer Bedarfsgegenstaende und Leder fuer Baden-Wuerttemberg in Freiburg. (apn Photo/ Winfried Rothermel)

Umweltschutz mit Chemikalienleasing

Chemikalienleasing! Chemikalien ausleihen? Nein! Der Name führe ein wenig in die Irre, weiß Petra Schwager von der Umweltmanagementabteilung der UNIDO. "Es ist ein innovatives Geschäftsmodell, das die Umwelt schützt." Die Österreicherin gibt ein Beispiel: Eine Firma stellt Metallteile her und kauft Reinigungsmittel, um diese zu reinigen. Der Lieferant dieses Reinigungsmittels verdient klassischerweise um so mehr, je mehr er davon verkauft. "Wir drehen das um und sagen ‘wir zahlen nicht mehr für das Reinigungsmaterial, sondern für gereinigte Metallteile'." Folglich setzt der Lieferant dann das Reinigungsmittel so effizient und sparsam wie möglich ein, senkt also deren Verbrauch und erhöht so seinen Gewinn. Auch für die Firmen lohnt sich das Modell. Die Firma zahlt insgesamt weniger für die sauberen Metallteile.

PET-Flaschen auf Förderbändern mit dem neuen Bandschmiermittel ohne Schaum; Copyright: Dr. Ralph Heinrich Ahrens

Abfüllanlage von Knjaz Misos

Die ersten Chemikalienleasing-Projekte initiierte die UNIDO in Ägypten, Kolumbien, Mexiko, Sri Lanka sowie in Russland und Serbien. Die meisten davon laufen erfolgreich. In Serbien werden zum Beispiel Mineralwässer und Soft Drinks jetzt umweltfreundlicher verpackt. Der Getränkehersteller Knjaz Miloš setzt dazu jetzt ein neues Schmiermittel auf dem Förderband der US-Firma Ecolab ein.

Trockene Böden, weniger Unfälle

Bojan Slavkovic arbeitet für Knaz Milos und ist Maschinenbauingenieur. Er ist dafür zuständig, dass die Abfüllanlagen laufen; Copyright: Dr. Ralph Heinrich Ahrens

Bojan Slavkovic freut sich über die Verbesserung

Knjaz Miloš’ Werk liegt in Aranđelovac, einem Ort in einer hügeligen Waldlandschaft eine Autostunde südlich von Belgrad. "Wir haben 2009 bei einer Abfülllinie für PET-Flaschen mit dem Umstieg auf das neue Schmiermittel begonnen", sagt Bojan Slavković, Maschinenbauingenier von Knjaz Miloš. Die Veränderung sei auch für jeden Mitarbeiter sofort sichtbar gewesen. Das alte Bandschmiermittel muss in Wasser gelöst und ununterbrochen auf die Förderbänder gesprüht werden, das neue umweltfreundlichere Bandschmiermittel nur alle 30 Minuten für etwa 15 Sekunden. Das alte bildet einen Schaum, der auf den Boden tropft und ihn glitschig macht. Das neue bildet keinen Schaum, die Rutschgefahr sinkt. Das verbessert den Arbeitsschutz.

Lohnende Bezahlung für Serviceleistung

Der Getränkehersteller bezahlt Ecolab für die Zeit, in der Förderbänder störungsfrei laufen. Damit Knjaz Miloš' Mitarbeiter von dem Mittel nicht zu viel einsetzen, schult Ecolab sie. Das macht Sinn: Denn ein sparsamer Einsatz erhöht die Gewinnspanne der Chemiefirma. "Die Profit liegt um etwa 10 % höher", sagt Srdjan Jocić von Ecolab. Die Zusammenarbeit beim Chemikalienleasing stärke zudem das Vertrauens­verhältnis und führe zu einer langfristigeren Kooperation. Zuvor sei Ecolab eine von mehreren Firmen, die Bandschmiermittel anbieten, gewesen. "Jetzt sind wir exklusiver Zulieferer."

PET-Flaschen auf Förderbändern mit dem alten Bandschmiermittel mit Schaum; Copyright: Dr. Ralph Heinrich Ahrens

Alte Abfüllanlage in Serbien mit viel Schmiermittel auf dem Fußboden

Auch für Knjaz Miloš' lohnt sich die Kooperation. Zum einen ganz praktisch: Mit dem neuen Bandschmiermittel kippen weniger Flaschen auf den Förderbändern um. Die Anlage steht also seltener still. "Das Mittel erhöht also den Durchsatz", so Slavković. Inzwischen setzt Knjaz Miloš das trockene Bandschmiermittel bei zwei weiteren PET-Abfülllinien ein. Die vierte PET-Abfüllanlage soll in diesem Jahr umgestellt werden.

Zum anderen senkt der Getränkehersteller mittelfristig seine Ausgaben. Ein Rechenbeispiel: Er musste 2009 an einer Abfülllinie für 5.000 Betriebsstunden mehr als 10.000 € für Bandschmiermittel und Wasser ausgeben. Jetzt sind es nur noch 6.750 €. "Wir sparen also mehr als 3.000 € jährlich", so Slavković stolz. Dem gegenüber standen Ausgaben etwa für neue Düsen und Rohre von 10.000 €. Die Erfahrung mit dem Umbau der ersten drei Abfülllinien zeige, die Ausgaben amortisieren sich nach etwa drei Jahren.

Weniger Chemie und weniger Ausgaben

Ein weiteres Beispiel für die innovative Dienstleistung praktiziert die US-Firma Nalco. Sie reinigt in Kolumbien für die Ölfirma Ecopetrol Abwässer und extrahiert dabei Ölreste. Seit 2008 zahlt Ecopetrol für die Menge gereinigtem Öl und nicht für die eingesetzter Chemikalien. Die Umwelt profitiere davon. Nalco konnte die Abwässer dank Prozessoptimierung mit weniger Chemikalien reinigen. Die Abwas­ser- und Abfallmenge sank deutlich und für die beiden Jahre 2008 und 2009 verringerten sich die Ausgaben für die Reinigung um insgesamt knapp 3 Millionen US-$.

Umdenken erforderlich

Petra Schwager von der Umweltmanagementabteilung der Industrieorganisation der Vereinten Nationen (Unido); Copyright: Unido

Petra Schwager muss noch viel Überzeugungsarbeit leisten

Doch bei allen Vorteilen: Chemikalienleasing ist noch kein Selbstläufer. Umweltmanagerin Schwager von UNIDO nennt den Hauptgrund: Das neue Geschäftsmodell erfordere ein Umdenken. "Versuchen Sie mal, einem Chemikalienlieferanten oder Verkaufsleiter beizubringen, sein Gewinn hängt nicht von der Menge Chemikalien, die er verkauft, ab, sondern von der Serviceleistung."

Die UNIDO wird weiter weltweit für Chemikalienleasing werben. Sie wird dabei die Firmen nicht finanziell unterstützen, aber helfen, Verträge abzuschließen, in denen keine Firma die andere übervorteilt. Das ist zwar alles recht aufwändig, doch eigentlich spielt die Zeit für das neue Geschäftsmodell: Firmen können neue Märkte dann am besten erobern, wenn sie neben einer Innovation auch Service anbieten.

Autor: Dr. Ralph Heinrich Ahrens
Redaktion: Gero Rueter

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