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Bücher

Mit Vernunft und Fantasie gegen religiöse Hetze: Salman Rushdie

Jahrzehntelang hat sich Salman Rushdie versteckt, weil er Morddrohungen für sein satirisches Buch "Die satanischen Verse" erhielt. Inzwischen streitet er öffentlich für die Meinungsfreiheit. Nun wird der Autor 70.

Es gibt nur wenige Bilder, die Salman Rushdie in der Öffentlichkeit zeigen. Seit mehr als 28 Jahren lebt der Autor mit der Fatwa, die Irans Ajatollah Chomeini am 14. Februar 1989, nur neun Tage nach dem Erscheinen seines Romans "Die satanischen Verse", gegen ihn aussprach. Gotteslästerung, so begründete der geistige Führer sein Todesurteil, habe der Schriftsteller begangen, und mit ihm alle, die zur Publizierung und Verbreitung des Roman beigetragen hätten. Sein japanischer Übersetzer Hitoshi Igarashi kam 1991 durch ein Attentat um, dessen italienischer Kollege Ettore Capriolo und der norwegische Verleger William Nygard überlebten die Anschläge schwer verletzt.

Leben mit der Todesdrohung

Buchcover Die satanischen Verse von Salman Rushdie (btb Verlag)

Der Roman, der Rushdies Leben bestimmen sollte: "Die satanischen Verse"

Noch immer sind vier Millionen Dollar auf den Autor der "Satanischen Verse" ausgesetzt, erst im letzten Jahr wurde trotz des Normalisierungsprozesses zwischen dem Westen und Iran das Kopfgeld auf ihn erhöht. Zwölf Jahre lang lebte er unter ständigem Schutz von britischen Sicherheits- und Geheimdienstleuten.

Mit der Jahrtausendwende verabschiedete sich der Autor "aus dem britischen Klatsch-Milieu" und zog nach New York. Seit 2002 hat er keine Bewacher mehr. Obwohl er auch auf der Todesliste von Al-Qaida und des sogenannten Islamischen Staats steht, begleiten ihn Leibwächter nur noch zu angekündigten öffentlichen Auftritten. 

Rushdie schrieb über seine Zeit im Untergrund in seiner 2012 erschienen Autobiografie "Joseph Anton", seinem Tarnnamen im Versteck, den er aus den Namen seiner literarischen Inspiratoren Joseph Conrad und Anton Tschechow bildete.

Kämpfer für die Meinungsfreiheit

Freiheit ist erzwungenermaßen zu seinem Lebensthema geworden. "Wir müssen unsere wertvolle und hart erkämpfte Freiheit verteidigen", sagte Rushdie 2015 im Interview mit der Deutschen Welle. "Wir müssen für sie kämpfen, wenn es sein muss." Immer wieder hält er sein Plädoyer für die Meinungsfreiheit: nach den tödlichen Anschlägen auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo, als ihn sein rückhaltlos unkritisches Eintreten für die Redakteure und Karikaturisten einige alte Freundschaften kostete. In Deutschland auf der Frankfurter Buchmesse 2015, als mit Indonesien das größte islamische Land Ehrengast war, beim Münchner Literaturfest oder dem Internationalen Literaturfestival in Berlin. "Redefreiheit sollte wahrgenommen werde wie die Luft, die wir atmen: als selbstverständlich."

Buchcover Mitternachtskinder von Salman Rushdie (btb Verlag)

Schon für sein zweites Buch erhielt Rushdie den Man Booker Prize

Salman Rushdie, geboren 1947, wuchs in der kosmopolitischen und toleranten Atmosphäre Bombays auf, dem heutigen Mumbai. Seine Familie stammte ursprünglich aus Kaschmir. Im indischen Delhi war der Vater zum wohlhabenden Geschäftsmann geworden. Die Familie konnte es sich leisten, ihren Sohn mit vierzehn Jahren auf ein britisches Elite-Internat zu schicken. 1964 wurde Rushdie britischer Staatsbürger und Englisch, nicht seine Muttersprache Pashtu, zu der Sprache, in der er schrieb. Er studierte Geschichte am King's College in Cambridge und nahm Theaterunterricht, 1968 schloss er sein Studium ab. "Ich war ein typischer Vertreter der 68er-Generation", sagte er später über sich selbst.

Schreiben, um zu überleben

Sein Berufsleben begann er als Journalist, Schauspieler und Werbetexter, doch schon nach vier Jahren wurde die Arbeit in einer Agentur zur Nebensache. Er publizierte einen ersten, wenig beachteten experimentellen Roman, "Grimus". Doch schon mit seinem zweiten Buch "Mitternachtskinder" erlangte er internationalen Ruhm. Der Roman über eine Familie während der Unabhängigkeitswirren des indischen Staates wurde mit dem Man-Booker-Preis ausgezeichnet, in Großbritannien und den USA zum Bestseller.

Inzwischen hat Salman Rushdie zwölf Romane, Essays und eine Autobiografie veröffentlicht. Nicht alle zeichneten sich durch hohe literarische Qualität aus, doch "Die Mitternachtskinder", "Die satanischen Verse", "Des Mauren letzter Seufzer" und "Joseph Anton" sind zu Klassikern der Weltliteratur geworden. Keines seiner Bücher war unumstritten, Auseinandersetzungen um seine Werke gab es auch außerhalb der islamischen Welt. Beispielsweise löste der Roman "Wut" um einen Geisteswissenschaftler, der Frau und Kind in London verlässt und in New York ein neues Leben beginnt, in Großbritannien und den USA eine heftige Kontroverse aus.

Malaysia Protest gegen Salman Rushdie - Buch Satanische Verse in Kuala Lumpur (picture-alliance/dpa/S. Shamsudin)

Als bekannt wurde, dass die Queen Rushdie zum Ritter schlagen würde, kam es 2007 in vielen muslimischen Ländern zu Protesten, auch in Malaysia

Der Konflikt zwischen Vernunft und Unvernunft

In seinen Romanen mischt Rushdie entfesselt Genres und Stile, erzählt Geschichten im Stil von "Tausendundeine Nacht". Mit Spott, Slang, anspielungsreichem Witz und deftiger Wortwahl schreibt er an gegen seine eigene Bedrohtheit und den Terror einer radikalisierten, irregeleiteten Religion als Rechtfertigung für Unterdrückung, Verbreitung von Angst, Tyrannei und Verübung von Gräueltaten. Schreiben ist für ihn Überleben, "wenn  ich längere Zeit nicht schreibe, dann werden meine Träume verrückter", erzählte Rushdie im Interview mit der Illustrierten "Stern".

Sein letzter Roman, "Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Tage" - 1001 Nächte, wurde als eine Parabel auf den islamistischen Terror gelesen. Er ist ein modernes Märchen, das im heutigen New York spielt. Dschinns, islamische Zauberwesen, bedrohen die Welt. Dabei gehe es um den uralten Konflikt zwischen Toleranz und Unterdrückung, zwischen Freiheit und Tyrannei, zwischen Vernunft und Unvernunft, die ganze Geschichte der Menschheit. "Ich glaube aber, dass man trotz allem am Glauben festhalten sollte, dass ein Sieg des Bösen vermeidbar ist", sagte Rushdie im Interview mit der Deutschen Welle.

"Ein Roman über Identität, Wahrheit, Terror und Lügen"

Buchcover Joseph Anton Salman Rushdie Autobiografie (Picture alliance/dpa/C. Bertelsmann)

Rushdies Buch über seine Zeit in immer neuen Verstecken

Seit der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten ist Salman Rushdie fassungslos und wütend, auch noch nach Monaten. Wenn Wahrheit zur Fake News und durch Vorurteile beeinflusst wird, stehe die Welt für ihn auf dem Kopf. Und wie immer hält er mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg, spricht in Interviews von Rassisten und Heuchlern im Weißen Haus. Gemeinsam mit Ai Weiwei, Margaret Atwood und Isabel Allende engagiert er sich aktuell für eine weltweite Kampagne des Schriftstellerverbandes PEN zur Unterstützung von vertriebenen Schriftstellern.

Literarisch darf man auf seinen neuen Roman gespannt sein. Im September kommt "Das goldene Haus" heraus, die Geschichte eines jungen amerikanischen Filmemachers, angefangen mit der Amtseinführung von Barack Obama bis zur Wahl Trumps. Es sei sein "endgültiger Roman über Identität, Wahrheit, Terror und Lügen", kündigte Rushdie an.

2007 hat die britische Königin Elizabeth II. den vielfach ausgezeichneten Autor und Kämpfer für die Meinungsfreiheit zum Ritter geschlagen. Doch eine Auszeichnung fehlt ihm noch: der Nobelpreis. Auch zu Beginn seines achten Lebensjahrzehnts darf er darauf noch hoffen.

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