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Deutschland

Mit Twitter gegen Rassismus auf dem Campus

"Komischer Name, woher kommen Sie denn?" Für viele Studierende keine seltene Reaktion auf ihren arabisch oder asiatisch klingenden Namen. Zeit, dass sich etwas ändert, finden die Initiatoren der Aktion #CampusRassismus.

"Äh... aus Köln", habe die Kopftuch tragende Kommilitonin einer Twitter-Nutzerin auf die Frage geantwortet, woher sie denn sei und ob sie etwas zum "Islamischen Staat" sagen wolle. Die Erlebnisse, die Betroffene unter dem Hashtag #CampusRassismus teilen, spiegeln einen Rassismus, der leise und subtil daher kommt. Gerade deshalb fühlen sie sich umso machtloser. Man kann ihn schwer nachweisen - und dennoch ist er da.

Nicht nur persönliche Befindlichkeiten

Darauf wollen die Initiatoren der Twitter-Aktion, die "People of Colour"-Hochschulgruppen in Mainz und Frankfurt, aufmerksam machen. "Wir als betroffene Studierende haben einfach gemerkt, dass wir ähnliche Erfahrungen machen und diese nicht artikuliert werden", sagt Emine Aslan, eine der Gründerinnen der Mainzer Gruppe, im Interview mit der DW. "Sie machen aber einen Großteil unseres Alltags auf dem Campus aus. Sie sind maßgeblich dafür, ob wir erfolgreich im Studium sind - ob wir über bestimmte Themen unsere Bachelor-Arbeiten schreiben oder nicht, ob wir zu bestimmten Themen später forschen können oder nicht."

Von alltäglichem Rassismus berichteten Betroffene selten, meint die 25-jährige Soziologiestudentin. "Gegen das, was wenig artikuliert wird, kann man auch schlecht vorgehen", erklärt sie. Deshalb nutzen Teilnehmer der Online-Kampagne die Masse ihrer Erfahrungen, um mit einer Stimme zu sprechen und zu zeigen: Es geht nicht um unsere persönlichen Befindlichkeiten, sondern um ein strukturelles Problem unserer Gesellschaft.

Die Universität als öffentlicher Raum, in dem reflektierte Menschen kluge Gedanken austauschen - ein Ideal, das im Umgang mit Menschen anderer Religion und Hautfarbe zu oft nicht erfüllt wird: Darauf weisen Hunderten von Twitter-Nutzerinnen und -Nutzern hin.

Von überschrittenen Grenzen

Emine Aslan (Foto: privat)

Emine Aslan studiert Soziologie in Frankfurt am Main und engagiert sich gegen Rassismus und Diskriminierung

Anlässlich der Online-Kampagne #CampusRassismus erzählt Emine Aslan auch von ihren eigenen Erfahrungen mit einem Soziologie-Professor, bei dem sie ein Seminar zum Thema Gender besuchte. Rassismus sei, "wenn er von Polygamie und Geschlechterungleichheit unausweichlich zu 'dem Islam‘ und deinem Kopftuch kam". Oder wenn er mit Verweis auf das Kopftuch daraufhin im persönlichen Gespräch erklärte: "Sie sollten sich das wegen einer Karriere in der Wissenschaft noch einmal überlegen."

Es sind Situationen wie diese, unreflektierte Fragen oder Bemerkungen, die Emine Aslans Alltag mit bestimmen. Sie führten dazu, "dass man ansprechbarer ist und weniger Privatsphäre hat als andere Studierende". Oder dass schwarzen Frauen einfach mal so ins Haar gegriffen werde. "Andersherum wäre das ziemlich merkwürdig."

Am Arbeitsplatz, im Park, im Café

Woran liegt es, dass vielen die nötige Sensibilität fehlt im Umgang mit Menschen, die kaum anders sind als sie selbst? Emine Aslan findet, es gebe in Deutschland nicht das nötige Bewusstsein für Alltagsrassismus. "Wenn wir über Rassismus reden, wird die Verantwortung und die Problematik sehr gerne auf den rechten Teil der Gesellschaft verlagert." Man suche in den Extremen das Problem. Was dabei in Vergessenheit gerät: Rassismus findet überall statt - am Arbeitsplatz, im Park, im Café, beim Einkaufen und in der Schule.

Der Campus bilde hierbei keine Ausnahme, argumentiert Emine Aslan. "Auch die Universität ist einfach nur ein Teil der Gesellschaft. Da sind die unterschiedlichsten Menschen und Dozierende, die unterschiedliche Ansichten oder Perspektiven haben." Als Soziologiestudentin weiß sie: Menschen, die bestimmten Lebensweisen nicht ausgesetzt seien, nehmen diese weniger wahr. Das führe dazu, dass Studierende in Seminaren häufig auf verlorenem Posten stünden und ihre Erfahrungen banalisiert würden.

Was soll ich beim Ausländerbüro?

Dass ihre Probleme nicht ernst genug genommen werden, zeigt sich für Emine Aslan auch darin, dass es an Universitäten oft keine unabhängigen Anlaufstellen gibt für Studierende, die von Rassismus betroffen sind - für Frauen, Menschen mit Behinderung, Schwule und Lesben hingegen schon. "Wenn man die Thematik anbringt, passiert das leider sehr oft, dass ein Unverständnis da ist und auf das internationale Büro oder das Ausländerbüro verwiesen wird. Wobei hier die Frage ist, warum sollte für eine Person, die in Deutschland geboren ist, das Ausländerbüro zuständig sein?"

Für sie ist deshalb klar: Die Online-Kampagne #CampusRassismus kann nur ein erster Schritt sein. Als nächstes müsse die Debatte "offline" weitergeführt werden, damit "sich von Rassismus betroffene Studierende in Debatten einmischen können, vor allem hochschulpolitisch, und eine andere Repräsentation verlangen können." Damit bei der Antwort "Ich komme aus Köln" irgendwann keine Fragen mehr offen bleiben.

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