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Sport & Gesellschaft

Mit Sport und Spiel gegen Übergewicht

Sie werden immer mehr, und sie werden immer dicker: Fast vier Millionen Kinder in Deutschland leiden an Übergewicht. Medizinstudenten aus Witten versuchen den Trend zu stoppen - mit einem Sport- und Gesundheitsprojekt.

Gianluca und Lilian sind noch ganz außer Atem. "Brennball", ein Laufspiel mit zwei Teams und einem Ball, hat sie gefordert. Jetzt dürfen ihre Beine auf den Turnmatten erstmal Pause machen. Dafür kommt der Kopf dran. "Warum ist Sport so wichtig?", fragt Medizinstudentin Elisa Schunkert die Gruppe von rund 20 Schülerinnen und Schülern der Städtischen Sekundarschule Bochum-Ost. Lilians Finger schnellt sofort nach oben. "Er stärkt das Immunsystem und die Muskeln."

Lilians Team freut sich, denn die elfjährige Schülerin hat mit ihrer Antwort einen Punkt geholt. Und punkten kann bei diesem Spiel nur die Mannschaft, die neben ihren sportlichen Leistungen auch Fragen zum Thema Gesundheit richtig beantwortet. "In unserem Schulprojekt sollen die Kinder spielerisch lernen, was für ein gesundes Leben wichtig ist", erklärt Projektleiterin Elisa Schunkert. Einmal in der Woche kommt sie mit fünf weiteren Studierenden der Privatuniversität Witten-Herdecke an die Bochumer Schule, um Kinder der fünften Klasse zu unterrichten, damit sie gar nicht erst dick werden.

Computer statt Sport

Projektleiterin Elisa Schunkert von Add Action, einem Sport- und Gesundheitsprogramm von Studenten der Uni Witten-Herdecke für Schulkinder (Foto: DW/Sabine Damaschke)

Projektleiterin Elisa Schunkert

"Add Action" heißt das Präventionsprojekt, das die Wittener Medizinstudenten vor fünf Jahren gründeten - kurz nachdem eineStudie des Robert-Koch-Instituts über die zunehmende Fettleibigkeit von Kindern in Deutschland für Aufsehen gesorgt hatte. Die renommierte Einrichtung der Bundesregierung veröffentlicht regelmäßig Daten zur gesundheitlichen Situation der in Deutschland lebenden Bevölkerung. Danach ist jedes sechste Kind schwer übergewichtig. Laut Studie hat die Zahl der adipösen Kinder und Jugendlichen zwischen 0 und 17 Jahren in Deutschland seit den 1990er Jahren um 50 Prozent zugenommen, in den USA und Großbritannien sind es sogar über 60 Prozent. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

"Anders als in den USA fehlen uns in Deutschland flächendeckende Sport- und Gesundheitsprogramme an den Schulen", meint Bernhard Giese, Schulleiter der Sekundarschule Bochum-Ost. "Deshalb bin ich froh, dass die Medizinstudenten zu unseren Fünftklässlern kommen." Zumal sich viele Kinder kaum noch für den regulären Sport- und Schwimmunterricht begeistern lassen. Und auch in der Freizeit, so meint Giese, stehen statt Sport und Spiel in der Natur eher Computer, Play Station und Gameboy auf dem Programm.

Aha-Erlebnisse auf dem Bauernhof

Im Projekt "Add Action" dagegen sollen die Kinder erfahren, dass Bewegung und gemeinsames Spielen Spaß macht, Sport den Teamgeist und das Selbstbewusstsein stärkt und eine gesunde Ernährung wichtig für ein langes und zufriedenes Leben ist. Deshalb gibt es neben Sportangeboten wie Badminton, Beachvolleyball, Rugby und Klettern auch gemeinsame Kochstunden und einen Ausflug auf den Bauernhof.

Gruppenbild mit Studierenden und Schulkindern des Projekts Add Action, eines Sport- und Gesundheitsprogramms von Studenten der Uni Witten-Herdecke für Schulkinder (Foto: DW/Sabine Damaschke)

Bewegung macht Spaß!

"Viele Kinder sind fasziniert davon, dass die Schweine und Hühner, die da rumlaufen, später in ihrem Hamburger landen", erzählt Elisa Schunkert. Immer wieder ist sie erstaunt, wie wenig die Kinder über Ernährung wissen. "Wenn wir zusammen Pizza backen, können nur wenige sagen, woraus Käse besteht", ergänzt Medizinstudentin Felicitas Saal. Dass die Zutaten beim Kochen mit Ess- und Teelöffeln abgewogen werden, sei fast allen unbekannt, berichtet die 23-jährige Medizinstudentin.

Vertrauen als Basis

Seit einem Jahr macht Felicitas Saal bei dem ehrenamtlichen Studentenprojekt mit. Insgesamt 34 Studierende beteiligen sich daran. Die meisten haben mit Kindern wie David, Justin, Gianluca oder Elaf noch nicht zu tun gehabt - und sind auch nicht in einem sozialen Brennpunkt, wie es der Stadtteil Bochum-Ost ist, aufgewachsen. Einem Viertel, in dem viele Eltern arbeitslos sind oder sich mit schlecht bezahlten Jobs über Wasser halten und kaum Zeit für ihre Kinder haben.

"Im Umgang mit diesen Schülern können wir viel lernen", glaubt Medizinstudent Stephan Regenbogen. "Als Ärzte haben wir es später auch mit allen sozialen Schichten zu tun und müssen für jeden verständlich sein." Für Paul Menge ist vor allem wichtig, die Kinder Vertrauen zu lehren. "Wenn wir zum Beispiel klettern gehen, muss sich einer auf den anderen verlassen können, und genau diese Erfahrung fehlt den Kindern manchmal."

Mehr Studenten für Schulprojekte werben

Die SchülerinnenLisa und Milina in der Sporthalle (Foto: DW/Sabine Damaschke)

Erschöpft, aber glücklich: Lisa und Milina

Schließlich habe eine falsche Ernährung nicht nur mit mangelnder Bildung zu tun, betont der Medizinstudent. Sie könne auch Ausdruck von Einsamkeit und Kummer sein. "Hin und wieder versuche ich ein Kind zu trösten und nehme es in den Arm", erzählt Elisa Schunkert. "Aber ich glaube, es tut allen gut zu erfahren, dass wir extra für sie in die Schule kommen und gerne mit ihnen zusammen sind."

Studien zeigen, dass besonders Kinder aus sozial schwachen Schichten anfällig für Übergewicht sind. Ihr Anteil unter den adipösen 11- bis 13-Jährigen ist dreimal so hoch. Deshalb wünschen sich die Studenten mehr Projekte wie "Add Action" in den sozialen Brennpunktvierteln deutschen Großstädte. "Es ist unser langfristiges Ziel, andere Studenten an anderen Universitäten für unser Konzept zu begeistern", sagt Elisa Schunkert. "So ein Projekt sollte es in jeder Stadt geben."

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