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Welt

Mit Soja und Tofu gegen den Klimawandel

Die Stadt Gent hat sich zur Vegetarierhauptstadt Europas erklärt. Am "Veggie-Tag", dem Donnerstag, gibt es in städtischen und Schulkantinen hauptsächlich Gerichte ohne Fleisch. Das ist gesund - und gut für die Umwelt.

Kinder bei der Essensausgabe an der Freinetschool De Boomgard in Gent (Foto: Nina Haase)

Donnerstags gibt es auch für die Kleinsten in Gents Kantinen kein Fleisch mehr

Jakob Preuss mit Mitschülern in der Schulkantine der Freinetschool De Boomgard in Gent (Foto: Nina Haase)

Jakob Preuss (vorne) kann gut auf Fleisch verzichten

Die Freinetschool De Boomgard ist ein mehrstöckiges Reihenhaus in der ostflämischen Stadt Gent, aus deren bunten Kantinenfenstern der Lärm drängt, der entsteht, wenn 226 Kinder, die hier zur Grundschule gehen, in Schichten ihr Mittagessen erhalten. Am heutigen Donnerstag ist etwas anders als sonst, weiß der elfjährige Jakob Preuss: "Heute ist ein vegetarischer Tag, heute essen alle vegetarisch. Man darf kein Fleisch mitnehmen."

Die Boomgard-Grundschule gibt - wie die anderen 34 Schulen der Stadt auch - in ihrer Kantine seit September nur vegetarische Gerichte aus. Der Donnerstag ist zum "Veggie-Tag" geworden. Soja und Tofu statt Spaghetti Bolognaise? Jakobs Mitschüler Arend hat auch zu Hause nichts dagegen. In seiner Familie kommen sogar öfter vegetarische als Fleischgerichte auf den Tisch: "Vegetarische Burger können ab und zu doch auch ganz lecker sein", meint der Elfjährige.

Gegen Übergewicht und für Klimaschutz

Gemüse ist nicht nur gesund, sondern schmeckt auch gut. Das sollen schon die Kleinsten lernen. So will die Stadt Gent dem Übergewicht von Kindern vorbeugen. Doch den Initiatoren des Veggie-Tags geht es nicht nur um eine gesündere Ernährung. Nach Angaben der UNO sind die weltweiten Tierherden für mindestens ein Fünftel der Treibhausgasemissionen verantwortlich. Weniger Fleischkonsum bedeutet also auch Ressourcen- und Klimaschutz.

Das weiß schon Jakob, der sich Sorgen macht, "dass es in ein paar hundert Jahren die Erde, wenn wir so weitermachen, nicht mehr geben wird". Jakobs Familie lässt deshalb so oft es geht das Auto stehen. Und weniger Fleisch zu essen, gehört für Familie Preuss immer mehr zu einem umweltbewussteren Verhalten auch dazu, erzählt Jakob, "weil anders die Erde ganz kaputt gemacht wird und viele Tiere sterben, weil wir sie töten, um sie aufzuessen".

Einmal in der Woche vegetarisch spart 250 Tiere

Schulleiterin Caroline Van Nevel und zwei Schüler der Freinetschool De Boomgard in Gent (Foto: Nina Haase)

Schulleiterin Caroline Van Nevel freut sich über lebhafte Diskussionen über Fleischessen

Ein durchschnittlicher Belgier verspeist in seinem Leben rund 1800 Tiere. Schon mit einem fleischfreien Tag pro Woche könnten es 250 Tiere pro Kopf weniger sein. So steht es in der Informationsbroschüre, die die Schulen von der Stadt Gent erhalten. Seit der Einführung des Veggie-Tages wird an der Boomgard-Grundschule auch im Unterricht noch mehr über Ernährung - und besonders über Fleischkonsum -gesprochen.

Mehr als 90 Prozent der Eltern unterstützen den Veggie-Tag, ist Schulleiterin Caroline Van Nevel erfreut. Sie hielt es für richtig, den vegetarischen Tag einmal in der Woche zur Pflicht für alle zu machen. Eine rein vegetarische Speisekarte in ihrer Kantine an jedem Wochentag hingegen lehnt sie strikt ab. Die Familien sollten aber durchaus einmal ihr Essverhalten hinterfragen. Dabei helfe der vegetarische Donnerstag: "Die Kinder kommen nach Hause und sagen 'Morgen esse ich kein Fleisch'. Dann sagt der Vater vielleicht 'Nicht in meinem Haus - wir essen, was wir wollen.' Aber das ist ja auch in Ordnung."

Essverhalten wird zur sozialen Frage

Tobias Leenaert (Ethical Vegetarian Alternative, Gent, Belgien) ist der Mitbegründer der Donderdag, VeggieDag-Kampagne (Foto: Nina Haase)

Sein Telefon steht nicht mehr still: "Veggie-Tag"-Initiator Tobias Leenaert von der belgischen Vegetarierorganisation EVA

Wichtig sei, dass überhaupt über die Folgen von Fleischkonsum nachgedacht würde, meint auch Tobias Leenaert von EVA, der belgischen Vegetarierorganisation, die die Idee zum vegetarischen Donnerstag hatte: "Noch gilt zuviel Fleischkonsum gesellschaftlich nicht als etwas Seltsames. Aber das wird sich ändern – alles eine Frage der Zeit." Essverhalten werde zur sozialen Frage. Unsozial ist dann, wer zu viel Fleisch isst. An der Kampagne beteiligen sich auch die städtischen Kantinen. Also gilt auch hier: Der Donnerstag ist der Gemüsetag.

Der "Donderdag, VeggieDag", wie die Kampagne auf Flämisch heißt, stößt auf großes Interesse. Aus der ganzen Welt haben seit dem offiziellen Beginn der Initiative im Sommer Journalisten, Politiker und Nichtregierungsorganisationen in Gent angerufen. In Belgien gibt es schon zwei weitere Nachahmer-Städte. In Kolumbien wird überlegt, den vegetarischen Tag national einzuführen. Popstar Paul McCartney macht bei öffentlichen Veranstaltungen Werbung für die Genter Initiative. Bei den meisten Einwohnern von Gent kommt die Kampagne gut an - auch wenn von den 240.000 Einwohnern nur etwa 700 im Sommer die freiwillige Absichtserklärung zur Teilnahme am Veggie-Tag unterschrieben haben.

Vegetarisch kochen, ja - aber wie?

Zum Glück ist Donnerstag, Poster der Donderdag, VeggieDag-Kampagne in Gent (Bild: Ethical VA, Gent, Belgien)

"Zum Glück ist Donnerstag"- Plakat der "Veggie-Tag"-Kampagne

Über die grundsätzliche Unterstützung der Kampagne seitens der Bevölkerung freut sich Tobias Leenaert von EVA. Aber er weiß: Der nächste Schritt muss rasch folgen, denn langfristig werden auch die Genter nur dann vegetarisch essen, wenn es ihnen schmeckt und es ihnen nicht zu schwierig gemacht wird, auf Fleisch zu verzichten. So hat EVA sich mit Informationsbroschüren für Köche an die Restaurants der Stadt gewendet. In vielen Einrichtungen gibt es jetzt donnerstags mittlerweile eine separate vegetarische Speisekarte.

Die Stadt ist stolz darauf, dass sie angeblich die höchste Dichte an komplett vegetarischen Restaurants pro Kopf in ganz Europa aufweisen kann: 94. Sie sind auf dem von EVA entwickelten vegetarischen Stadtplan verzeichnet, der gerade vom Flämischen ins Englische übersetzt wird, damit ihn auch Touristen lesen können. Das "Greenway" ist eines der ältesten vegetarischen Restaurants der Stadt. Inhaber Paul Florizoone bietet vegetarische Kochkurse an. Besonders ältere Leute seien sehr am vegetarischen Kochen interessiert, wüssten aber nicht, wie es geht. "Das ist für sie immer noch schwierig", so Florizoone. Die Botschaft der Vegetarier sei angekommen, ist er überzeugt. "Natürlich werden jetzt nicht alle zu Vegetariern, aber so langsam ändert sich die Mentalität. Das spürt man."

Bei besonderen Anlässen weiter Fleisch

An der Boomgard-Grundschule wächst die jüngere Generation wie selbstverständlich mit fleischfreien Gerichten auf. Der elfjährige Jakob Preuss hat eine klare Vision, in welcher Welt er einmal leben will: Alle sollen Vegetarier sein, "aber bei ganz großen Festen schon mal Fleisch, aber wenig, und keine Autos mehr und keine großen Fabriken". Einmal in der Woche auf Fleisch verzichten – das ist jedenfalls ganz nach seinem Geschmack: "Es wäre in Ordnung, wenn es mehr wäre, aber ein Tag ist schon besser als nichts."

Autorin: Nina Haase

Redaktion: Nicole Scherschun

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