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Wissen & Umwelt

Mit Radioaktivität gegen Mücken-Sex

Krankheitsübertragende Mücken werden bisher mit Chemikalien oder durch das Austrocknen von Feuchtgebieten bekämpft. Wissenschaftler wollen die Schädlinge nun durch Bestrahlung sterilisieren.

Mosquito Nahaufnahme (Foto: IAEA’s Insect Pest Control Laboratory)

Nur weibliche Mücken stechen: Sie brauchen die Blutmahlzeit zur Vermehrung

Die Sonne geht unter und die Mücken kommen raus. Sie haben nur zwei Gedanken in ihren winzigen Gehirnen: Essen und Sex. Leider bevorzugen die weiblichen Mücken Blut als Abendmahl - auch gerne menschliches. Eine Problematik die zurzeit

Forscher der Internationalen Atomenergiebehörde

(IAEA) beschäftigt. Dabei geht es ihnen eigentlich um die Fortpflanzung der Mücken.

Diese erfolgt etwa so: Das Weibchen tritt in den Schwarm ein. Ein Männchen sucht sie aus und verlangsamt seinen Flügelschlag, bis er ihn in Einklang mit dem des Weibchens bringt. Mit Hilfe seiner zwei langen Vorderbeine zieht er die Hinterbeine der weiblichen Mücke an sich heran und schwingt sich unter ihren Bauch. In weniger als einer Sekunde sind sie vereint und fliegen verbunden aus dem Schwarm heraus. Die gesamte Kopulation kann weniger als 16 Sekunden dauern.

Moskito-Forscher Jeremie Gilles in seinem Labor (Foto: Kerry Skyring)

Jeremy Gilles züchtet seine Moskitos in Netz-Kisten

Dass diese 16-sekündige Aufregung nicht auch in vielen Mücken-Babies endet, hat sich das österreichische Forschungszentrum Seibersdorf nun zur Aufgabe gemacht. "Hier können Sie die Mücken in einer entspannten Atmosphäre beobachten", meint Insektenforscher Jeremie Gilles und zeigt stolz auf einen netzbedeckten Käfig, in dem die schwarzen Insekten zu schlafen scheinen.

"Hier legen die Weibchen nach dem Blutsaugen ihre Eier ab", ergänzt Gilles. Die Weibchen ernähren sich nämlich von dem Blut, das sie beim Beißen unserer Haut absaugen können. So verbreiten sie auch tödliche Krankheiten wie etwa Malaria, Dengue- und Gelbfieber.

Die Männchen bestrahlen um die Weibchen zu stoppen

Durch radioaktive Bestrahlung sterilisiert das IAEA im Labor männliche Mücken, die dann in großen Mengen in der Natur freigelassen werden. Mücken-Weibchen paaren sich nur ein einziges Mal, die Männchen hingegen mehrmals. Da die Weibchen diejenigen sind, die Krankheiten verbreiten können, hoffen die Forscher durch eine erhöhte Anzahl an sterilisierten Männchen so die Krankheitsüberträger effektiv bekämpfen zu können.

Diese Methode ergab bereits positive Ergebnisse beim Einsatz gegen die sogenannten

Neuwelt-Schraubenwurmfliegen.

Diese Schmeißfliegenart befällt Warmblüter. Ihre Maden ernähren sich von deren Körpergewebe. Auch bei den erntezerstörenden Fruchtfliegen konnte die Vermehrung der Weibchen reduziert werden.

Kleine Bisse, große Folgen

Nach Angaben der

Weltgesundheitsorganisation

(WHO) sterben jährlich etwa 750.000 Menschen an Malaria. Die meisten von ihnen sind Kinder unter fünf Jahren die in Afrika südlich der Sahara leben und von einer infizierten Überträgermücke gestochen worden sind. Die Verringerung dieser Todesfälle scheint Grund genug, um männliche Mücken zu sterilisieren. Entomologe Andrew Parker ist der Meinung, dass eine lokale Ausrottung der Schädlinge zudem die Anwendung von Pestiziden reduzieren könnte.

In Burkina Faso, wo Malaria oder Dengue-Fieber in großen Mengen durch Mücken übertragen werden, sind insektizid-resistente Mücken eine große Sorge für die Gesundheitsbehörden. "Die Nutzung von Insektiziden in der Landwirtschaft macht die Mücken gegen die Chemikalien resistent", meint Dr. Roch Dabire, Entomologe in dem westafrikanischen Land. Diese würden nicht nur auf dem Land als Pestizide angewendet, sondern auch gegen Mücken im Haus und auf Bett-Netzen.

"Die Entwicklung der Sterilisationstechnologie wird den Einsatz von Insektiziden nicht komplett überflüssig machen, aber unsere Bekämpfungsstrategien unterstützen", so Dabire.

Ein Junge in Burkina Faso liegt unter einem Mückennetz (Foto: Cecilia Conan)

Das wirksamste Mittel gegen Moskitos sind heutzutage noch imprägnierte Bettnetze

Mücken mit Mücken bekämpfen?

Wenn die sogenannte Sterile-Insekten-Technik (SIT) die Vermehrung von Mücken hemmen will, dann müssen sterile Männchen in großen Mengen in der Natur freigelassen werden. Bisher sind jedoch nur kleine Versuche durchgeführt worden. Dabei haben zum Beispiel Dorfbewohner eine Handvoll steriler Mücken freigelassen. Um den wilden Mücken gegenüber in der Mehrzahl zu sein, werden jedoch Milliarden sterile Mücken gebraucht. "Momentan arbeiten wir daran, die Mücken in größeren Mengen zu verteilen. Wir denken dafür an den Einsatz von Ultra-Leicht-Flugzeugen oder sogar Drohnen", erklärt Jeremie Gilles. Die Verbreitung von sterilen Mücken unter den wilden Mücken sei bisher die beste Alternative zum Pestizideinsatz.

Schild mit Warnung vor radioaktivem Material (Foto: Kerry Skyring)

Forscher setzen die Insekten radioaktiver Bestrahlung aus: Daduch werden sie unfruchtbar

Kampf um die Weibchen

Aber was passiert, wenn die sterile Mücke bei der Paarung kein Weibchen findet? Und wollen die wilden Weibchen überhaupt etwas mit sterilisierten Männchen zu tun haben? Das sind noch ungeklärte Fragen. Im warmen und feuchten "Gewächshaus" läuft Gilles zwischen den weißen zeltförmigen Netzkäfigen entlang. Diese dienen als "Schlafzimmer" für die Mücken. "Lassen Sie eine wilde Mücke und eine im Labor sterilisierte Mücke zusammen um ein wildes Weibchen kämpfen", erklärt Gilles, "da merken Sie schnell wer der Bessere ist".

Dies sei ein entscheidender Punkt in der Insekten-Sterilisationsforschung. Es würde wenig Sinn machen Millionen von bestrahlten, sterilen Mücken freizulassen, wenn die Weibchen diese schnell zu identifizieren lernen. Das könnte nämlich dazu führen, dass sie die sterilen Männchen ablehnen und sich für ein wildes, potentes Männchen entscheiden. Das Summen im Hintergrund suggeriert, dass gerade der Sex-Appeal der sterilisierten Männchen auf Probe gestellt wird.

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