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Alltagsdeutsch – Podcast

Mit Pauken und Trompeten

Melodie und Rhythmus gibt es nicht nur in der Musik. Auch in der Sprache sind sie ein wichtiger Bestandteil. Wie stark die Sprache mit Musik verbunden ist, zeigt sich auch in vielen Redewendungen.

Sprecherin:

Ach, wie ich das kenne, ich habe dir schon Tausend Mal gesagt, du sollst das sein lassen.

Sprecher 1:

Beim Sprechen betonen wir, was uns wichtig ist. Ebenso verleihen wir wichtigen Aussagen Nachdruck, indem wir eine Pause machen. So bleibt das Gesagte länger im Ohr. Doch vor allem Tonhöhe und Tonfall geben uns Hinweise darauf, wie wir unsere Aussage meinen. Schlagen wir einen Befehlston an?

Sprecher 2:

Jetzt aber mal zack zack, hier!

Sprecherin:

Los jetzt, marsch, marsch, ab ins Bett!

Sprecher 1:

Oder schwingt auch ein liebevoller Unterton mit? Der Mensch benutzt beim Sprechen am liebsten die Töne der chromatischen Tonleiter.

Musiker:

Auf dem Klavier: die weißen und die schwarzen Tasten.

Wissenschaftler:

In einer statistischen Untersuchung verschiedener Sprachen fanden amerikanische Wissenschaftler heraus, dass Menschen bevorzugt Tonhöhen verwenden, die in einem harmonischen Verhältnis zueinander stehen. Die musikalischen Intervalle Oktave und Quinte klingen in allen Sprachen häufig wider, auch im Deutschen.

Sprecher 2:

Aber echt? Hätte ich nicht gedacht. Deutsch finde ich eigentlich nicht besonders melodisch. Ich meine im Vergleich zu Französisch oder Italienisch. Ciao Bella! Das zergeht auf der Zunge. Und Chinesisch, sagt man nicht sogar "chinesischer Singsang"? Die Bedeutung eines Wortes erkennt man da an der Tonhöhe, unglaublich.

Sprecher 1:

"Singen": Althochdeutsch singen geht auf indogermanisch senguh "mit feierlicher Stimme vortragen" zurück. "Singen" und "sagen" war in früheren Zeiten zuweilen eins. Das Wort "Carmen" weist darauf hin, Plural "Carmina". Im Altlateinischen bezeichneten die Carmina Kultlieder. Man rezitierte Gebete, Prophezeiungen, aber auch Gesetze und Verträge wie Beschwörungsformeln. Im Mittelalter verstand man unter "Carmina" ein Gedicht mit weltlichem oder geistlichem Inhalt.

Musiker:

Carmina Burana.

Sprecher 2:

Hast’e da noch Töne? Ich dachte immer: Entweder ich singe, oder ich spreche.

Der Literat:

Erstaunt? Natürlich haben Sie Recht. Sprache bleibt Sprache und Musik bleibt Musik. Aber zwischen beiden bestehen enge Wechselwirkungen. Sie stellen zwar unterschiedliche Ausdrucksformen dar, doch sie beeinflussen sich auch gegenseitig. Sowohl beim Sprechen wie beim Singen intonieren wir, phrasieren, setzen Akzente. Rhythmus und Melodie spielen in der Sprache und der Musik eine Rolle.

Musiker:

Da, wo die Sprache aufhört, fängt die Musik an!

Literat:

Bitte, spucken Sie nicht so große Töne! Welches Medium ausdrucksstärker ist, und ob die Musik eine eigene Sprache hat, darüber sind sich doch selbst die Musiker und Theoretiker nicht einig. Lassen Sie uns lieber die Gemeinsamkeiten von Sprache und Musik betonen. Vergegenwärtigen wir uns doch, dass früher die Dichtkunst eng mit dem Musikschaffen verbunden war.

Sängerin:

Sah ein Knab ein Röslein stehn,

Röslein auf der Heiden,

War so jung und morgenschön,

Lief er schnell, es nah zu sehn,

Sah’s mit vielen Freuden.

Röslein, Röslein, Röslein rot,

Röslein auf der Heiden.

Knabe sprach, ich breche dich,

Röslein auf der Heiden…

Sprecher 2:

Das ist ja wohl so ziemlich das bekannteste deutsche Lied.

Literat:

Und wer hat den Text geschrieben? Der große Goethe. Drei Strophen und ein Refrain wie ein Ohrwurm. So viel Alliteration, also gleicher Anfangsbuchstabe aufeinanderfolgender Wörter, kann man einfach nicht vergessen.

Sprecher 2:

Und was will uns das sagen?

Literat:

Lyrik. Darin ist das griechische Wort "Lyra" enthalten. Gedichte waren bei den alten Griechen zur Leier vorgetragene Gesänge. Daraus hat sich die Gattung der Lyrik entwickelt. Darunter sind Balladen, Bänkellieder oder Arbeitslieder entstanden, bis hin zu politischen Protestsongs engagierter Liedermacher. Zahllose Lieder und Gedichte haben Musiker seither zur Vertonung inspiriert. "Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium, Wir betreten feuertrunken, Himmlische, dein Heiligtum."

Musiker:

Beethoven!

Literat:

Schiller!

Wissenschaftler:

Man kann historisch nachweisen: Der Rhythmus gesungener Lyrik folgt der rhythmischen Bewegung des Textes. Seit der Antike ist das so und auch beim mittelalterlichen Minnesang…

Sprecher 2:

Jetzt komm ich aber aus dem Takt! Antike, Mittelalter, Lyrik, Lieder, was hat das denn mit Sprache zu tun?

Sprecher 1:

Apropos Lieder und Sprache. Bevor ein Kind die Bedeutung eines Satzes versteht, erkennt es bereits über die Satzmelodie und den Rhythmus zusammenhängende Strukturen.

Sprecherin: (singt)

Lalelu, nur der Mann im Mond schaut zu, wenn die kleinen Kinder schlafen.

Wissenschaftler:

Die Wissenschaft hat festgestellt: Kinderlieder helfen, die Sprachfertigkeit auszubilden. Schon Babys beginnen sehr früh "mitzusingen", meist im harmonischen Quintabstand zur Stimme der Mutter.

Sprecher 2:

Ach? Das ist Musik in meinen Ohren! Gut zu wissen. Dann hab ich’s ja genau richtig gemacht. Ich hab nämlich immer viel mit meiner Kleinen gesungen. Die hat sowieso Musik im Blut. Sie ist erst neun, aber sie spielt schon Geige.

Wissenschaftler:

Studien haben belegt: Mit dem Musikmachen geht eine intellektuelle Reifung einher. Mindestens vier Jahre aktives Musizieren ist dazu allerdings Voraussetzung.

Sprecher 1:

Apropos Sprache und Musik. Viele Redewendungen im Deutschen zeugen davon, dass "aktiver Musikeinsatz" früher einmal viel selbstverständlicher war als heute.

Sprecherin:

Den Ton angeben, die erste Geige spielen, Tamtam machen, die Trommel rühren, "Hier spielt die Musik", auf die Pauke hauen, mit Pauken und Trompeten.

Sprecher 1:

Ob man dabei die Tonart angibt oder die erste Geige spielt, also sagt, wo es langgeht. Ob man großen Wirbel macht, die Reklametrommel schlägt, oder um Aufmerksamkeit bittet. Mit der Pauke verschafft man sich auf jeden Fall Gehör, denn sie ist ein besonders lautes Instrument. Früher spielte man Musik mit Pauken und Trompeten zu festlichen Anlässen. Auf die Pauke hauen, bedeutet, so richtig ausgelassen zu feiern. Und wer zum Beispiel mit Pauken und Trompeten empfangen wird, kann sich geehrt fühlen. Allerdings verwenden wir soviel Aufsehen auch ironisch.

Sprecherin:

Der Kandidat fiel mit Pauken und Trompeten durch die Prüfung.

Sprecher 1:

Ganz und gar hoffnungslos. Vielleicht hilft dann ja eine Standpauke des Paukers, eine aus dem Stegreif gehaltene schallende Rede des Lehrers. Jedenfalls muss der Kandidat noch mal kräftig pauken, will sagen, lernen, sich den Stoff sozusagen in den Kopf schlagen.

Musiker:

Apropos "aktiver Musikeinsatz". In Zeiten von Stereoanlagen und I-Pods genießen viele Leute leider lediglich passiv Musik.

Sprecherin:

Wer fühlen will, muss hören!

Sprecher 1:

Musik geht unter die Haut, groovt, swingt, das ist ein Hit. In der Jugendsprache existieren viele Worte, die vom Musik Hören handeln. Bei Lounge und Ambient abhängen oder chillen, bei House, Techno und Rap abtanzen oder neudeutsch: raven. Heavy oder melodisch, Hauptsache, es geht ab. Die Geschmäcker sind zwar verschieden, doch Musik vermittelt ein Wohlgefühl, wenn sie nicht zu dissonant klingt. Das ist übrigens auch wissenschaftlich erwiesen. In vielen Redewendungen schwingt diese Tatsache noch mit. Musik in meinen Ohren will sagen, "das ist aber eine äußerst angenehme Neuigkeit". Da steckt Musik drin! sagen wir, wenn eine Sache Kraft und Schwung hat. Und wenn man unbeschreiblich glücklich ist, dann ...

Sprecherin:

... hängt der Himmel voller Geigen.

Sprecher 1:

Dieser Ausdruck für ein Hochgefühl war bereits im 15. Jahrhundert geläufig. Vermutlich hat man sich von Gemälden dazu inspirieren lassen. Denn in der späten Gotik und Frührenaissance waren musizierende Engel im Himmel ein beliebtes Motiv.

Sprecher 2:

"Haste Töne?" Überhaupt Töne: Heißt es nicht "Der gute Ton", wenn man gutes Benehmen meint? "Sich im Ton vergreifen", wenn man sich nicht freundlich ausdrückt? Auf jeden Fall macht der Ton die Musik. Wie ich etwas sage, ist entscheidend. Aber man kann sich auch ganz schön aufspielen, wenn man zum Beispiel große Töne spuckt, also angibt. Und man kann von jemandem in den höchsten Tönen sprechen, ihn über alle Maßen loben. Meine Güte, Musik, Töne, Instrumente. Unsere Sprache ist ja voll davon!

Literat:

Haben Sie mal ein Ohr? "Die linke und die rechte Hand, ein Klavierstück"

Sprecherin:

Plitsch platsch Plitsch platsch

Plitsch platsch plitsch platsch

Musiker:

Eine Unverschämtheit. So ein paar hingeworfene Worte ohne Sinn und Verstand mit einem Klavierstück gleichzusetzen.

Literat:

Spaß muss sein. Ernst Jandl hat bei seinem "Klavierstück" aber sicher auch seinen Verstand eingesetzt. Worte sind Sinnträger, haben eine Bedeutung, bezeichnen Begriffe oder Dinge. Aber Musik teilt mit, was sie selbst ist, das heißt, eine Tonfolge fungiert nicht als Zeichen für groß oder klein, schnell oder langsam. Musik muss man machen. Sie offenbart sich im Klang. Ernst Jandls lautmalerisches "Plitsch" und "Platsch", ohne Sinn und Verstand, wie sie sagen, ist genau so unmittelbar wie ein Ton oder Akkord. Erst wenn wir die Worte aussprechen, entsteht "Ein Klavierstück" daraus. Wie wir die Pausen setzen, welche Tonhöhe wir wählen, ob wir laut oder leise sprechen, das obliegt ganz unserer Interpretation. Insofern ist das Gedicht schon ein kleines, wenn auch sprachliches, Musikstück.

Sprecher 2:

Da treffen sich ja Sprache und Musik.

Musiker:

Richard Wagner hat in seinen Gesamtkunstwerken Sprechgesänge intoniert, auch die Komponisten der Neuen Musik orientieren sich häufig an sprachlichen Lauten.

Literat:

Ja, ja. Einer, der Singen und Sagen gleichgesetzt hat, war übrigens Martin Luther. Seiner Meinung nach teilt sich die frohe Botschaft des Evangeliums am besten gesungen mit.

Sprecherin:

Davon ich singen und sagen will.

Sprecher 1:

So heißt es in dem Kirchenlied. "Vom Himmel hoch, da komm ich her." Singen ist erstens ein Gemeinschaftserlebnis und zweitens intensiviert es den Ausdruck. Die Musik hebt das, was wir sagen über den Alltag hinaus.

Literat:

Womit wir wieder bei den Anfängen wären. Erinnern Sie sich an die Carmina, die gesanglich rezitierten Kultlieder früherer Zeiten? Sie sind aus magischen Zaubersprüchen und Beschwörungsformeln hervorgegangen. Der so genannte Carmenstil bringt auch Musikalität in die Sprache. Viele Zwillingsformeln, rhetorische Figuren wie Alliteration oder der Parallelismus, Wiederholung von Anfangslauten oder Worten, schaffen eine eindringliche und musikalische Atmosphäre im Text.

Sprecher 1:

Rhythmus entsteht im Deutschen vor allem durch den Wechsel von betonten und unbetonten, von langen und kurzen Silben. In der Lyrik gelten dabei bestimmte Versmaße, der Jambus zum Beispiel:

Sprecherin:

An jenem Tag im blauen Mond September.

Sprecher 1:

Doch auch in der Prosa entstehen Rhythmus und Wohlklang durch die "Komposition" von Hebungen und Senkungen ein-, zwei- oder mehrsilbiger Wörter, durch das Arrangement heller und dunkler Vokale.

Literat:

"Die Kunst ist: rhythmischen Wohllaut maßvoll zu dosieren; sich in Halbsätzen dem Versmaß anzunähern, aber rechtzeitig den Rhythmus zu wechseln," rät Wolf Schneider, Meister des perfekten Stils. Der Schriftsteller Karl-Heinz Ott beherrscht als gelernter Musiker den Rhythmus seines Textes besonders gut.

Sprecherin:

Dann verschränkte er die Arme hinter der Stuhllehne, stülpte die Brust heraus und fragte mich merkwürdig gewunden, ob die Musik mir ein Anliegen sei. "In der Regel höre ich Musik nur nebenbei, und wenn sie vom Nachbarn kommt, stört sie mich meist", sagte ich, "aber Scarlatti mag ich, auch wenn ich davon nicht all zu vvviel verstehe." Er trank ein volles Glas in einem Zug leer, schaute eine Weile angespannt vor sich hin, reckte plötzlich den Arm, rief schnalzend den Kellner herbei, orderte eine neue Flasche, stützte sich mit verschränkten Armen auf den Tisch, blickte mir in die Augen und stöhnte mit leiser, rauchig klingender Stimme: "Die meisten wissen gar nicht, was Musik anrichten kann!"

Plitsch platsch plitsch platsch plitsch

Fragen zum Text:

Was sind Carmina?

1. Kultlieder

2. Tabletten

3. Zeitungen

Wenn jemand auf die Pauke haut, dann…

1. …feiert er/ sie ausgelassen.

2. …ist er/ sie krank.

3. …hat er/ sie Hunger.

Hängt der Himmel voller Geigen, dann…

1. ist das Wetter schlecht.

2. ist jemand unbeschreiblich glücklich.

3. werden zu viele Geigen hergestellt.

Arbeitsauftrag:

„Sah ein Knab’ ein Röslein stehn“ ist ein altes, bekanntes deutsches Lied. Kennen Sie andere, auch neue deutsche Lieder? Welche Lieder sind in Ihrem Land sehr berühmt? Unterhalten Sie sich mit Ihren Kursteilnehmer, welches berühmte Lied Ihnen besonders gefällt.

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