1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Welt

Mit Musik zurück ins Leben

Kolumbien wird mit vier Millionen Flüchtlingen im eigenen Land weltweit nur vom Sudan übertroffen. Die Bewohner des Dorfes Unión Peneya wurden ebenfalls vertrieben, fassten dann aber den Mut, gemeinsam zurückzukehren.

Eine Band mit Instrumenten auf der staubigen Dorfstraße (Foto: Oliver Pieper)

Die "Banda de Paz"

Die jungen Musiker der "Banda de Paz", der "Band für den Frieden", sind mitten im kolumbianischen Bürgerkrieg groß geworden. Doch sie haben sich für Instrumente und gegen Waffen entschieden. María, Juan Pablo, Jason und die anderen kommen aus Unión Peneya, einem kleinen Dorf im Süden Kolumbiens, in der Provinz Caquetá - eine Region, in der sich die Guerilla-Organisation FARC, also die Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens, die Paramilitärs und das kolumbianische Heer seit Jahrzehnten mit allen Mitteln bekämpfen. Es geht um Macht, Kontrolle über das Land und Drogenhandel.

Mit Musik das Trauma bewältigen

Carlos Alberto Villa (Zweiter von rechts) übt mit seiner Banda de Paz in einem alten Pferdestall (Foto: Oliver Pieper)

Carlos Alberto Villa (2. v.r.) übt mit seiner Band

Jeden Nachmittag zwischen 16 und 17 Uhr üben die 13 Jungen und Mädchen mit ihren Trompeten, Klarinetten und Trommeln in einem alten Pferdestall. Das Dach ist schon lange kaputt, die Pferde grasen einige Meter entfernt. Es riecht nach Stroh und Mist. Einschusslöcher finden sich überall in den Wänden des Stalls. Zeugnisse der letzten Auseinandersetzungen zwischen der kolumbianischen Armee und der FARC.

Die Musiker und ihre Familien, mitten im bewaffneten Konflikt, mussten Unión Peneya deswegen verlassen. Das Leben im Dorf war zu gefährlich. Sechs Jahre ist das jetzt her. Auch Carlos Alberto Villa, der Dirigent der "Banda de Paz", musste aus Unión Peneya fliehen: "Es war eine schreckliche Zeit: Wir waren verzweifelt, wir hatten Hunger, uns war kalt. Etwas, das ich nie vergessen werde, war, dass wir einmal nicht genügend Teller hatten und ich aus dem Hundenapf essen musste. Das war eine Erniedrigung, die ich niemandem wünsche."

Vertreibung aus der Heimat

Porträt von Ismael Ospina (Foto: Oliver Pieper)

Ismael Ospina verhandelte mit der Armee und der Guerilla

Das Dorf gehörte lange zum Einzugsgebiet der Guerilla, bis das Heer die FARC zurückdrängte. Kinder, Frauen, die Alten - für die Armee waren die Bewohner von Unión Peneya allesamt Guerilleros, die es zu vertreiben galt. Und so verließen kurz vor dem Einmarsch der Soldaten alle Bewohner des Dorfes über Nacht ihre geliebte Heimat. Drei Jahre lebten die Menschen auf der Flucht, ohne ein Zuhause, aber immer mit dem Wunsch, wiederzukommen.

Nach langen und zähen Verhandlungen mit der Armee und mit der FARC kehrten tatsächlich fast alle Bewohner von Unión Peneya zurück. Ismael Ospina vertrat die Interessen von Unión Peneya am Verhandlungstisch, er durfte als erster zurück ins Dorf. Doch als er dann sein Haus sah, verschlug es ihm buchstäblich die Sprache: "Es war nichts mehr so, wie es vorher war - ein einziges Chaos. Sie haben alles mit Füßen getreten, mutwillig zerstört und auch Sachen gestohlen. Und ich habe mich gefragt, wo ist eigentlich der Staat, der dafür sorgt, dass die Verfassung und die Gesetze eingehalten werden - wo ist er?"

Das Dorf wird wieder aufgebaut

Zerstörtes Haus in Uniòn Peneya (Foto: Oliver Pieper)

Die kolumbianische Armee verwüstete viele Häuser

Ismael Ospinas Frage blieb unbeantwortet. Kein Stein stand in Unión Peneya mehr auf dem anderen. Viele Bewohner brachen in Tränen aus, andere waren einfach nur schockiert von der Brutalität der Soldaten. Alle Häuser wurden zerstört, niedergebrannt oder aufgebrochen auf der Suche nach Wertgegenständen.

Einige Dorfbewohner ertrugen den Anblick nicht und beschlossen, Unión Peneya endgültig zu verlassen. Doch die meisten blieben und begannen schon am nächsten Tag, das Dorf mit unermüdlichem Einsatz wiederaufzubauen.

Heute sind die Spuren der Vertreibung kaum noch sichtbar. Die Solidarität des Dorfes war das Erfolgsrezept von Unión Peneya. Ohne den Zusammenhalt wären seine Bewohner nur zu leicht zwischen die Fronten des Bürgerkrieges geraten. Auch nach der Vertreibung blieben die Menschen, obwohl weit verstreut, ständig in Kontakt und somit vereint. Hinzu kam ihr Wille, trotz der Bedrohung keinen Zentimeter von dem Ziel abzuweichen, wieder nach Unión Peneya zurückzukehren.

Friedenspreis für Unión Peneya

Musiker üben auf einer Treppenstufe (Foto: Oliver Pieper)

Mit Musik die Vergangenheit hinter sich lassen

Eine Leistung und eine Geschichte, für die Unión Peneya den kolumbianischen Friedenspreis erhielt. 78 Bewohner aus Unión Peneya fuhren zur feierlichen Übergabe des nationalen Friedenspreises in die kolumbianische Hauptstadt Bogotá, unter ihnen - natürlich - auch die "Banda de Paz". Ein unvergesslicher Tag für die jungen Musiker. Mit dem Preisgeld will sich das Dorf einen lang ersehnten Traum erfüllen: den Bau eines großen Gemeindezentrums. Es soll auch ein symbolisches Zeichen dafür sein, dass sich die Menschen nicht noch einmal vertreiben lassen wollen.

Endlich können die Dorfbewohner die schreckliche Zeit der Vertreibung und des Lebens ohne Heimat hinter sich lassen. Und auch die jungen Musiker der "Banda de Paz" sind da auf einem guten Weg, weil die Musik, so Dirigent Carlos Alberto Villa, ihre Mentalität ändert: "Sie sorgt dafür, dass die Kinder vergessen, was sie alles während der Vertreibung durchmachen mussten. Diese schreckliche Zeit, die sie vor allem mit den Geräuschen von Schüssen und Granaten verbinden. Heute sind die Kinder einfach nur froh, die Musik ihrer Instrumente zu hören."

Autor: Oliver Pieper
Redaktion: Beatrix Beuthner

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema

Downloads