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Wissen & Umwelt

Mit Methadon gegen Krebs - Chemotherapien schlagen besser an

Bestimmte Chemotherapien wirken offenbar besser, wenn sie mit dem Opioid Methadon kombiniert werden. Eine klinische Studie steht zwar noch aus, aber es gibt sichtbare Erfolge bei einzelnen Patienten.

Schon vor acht Jahren hatte die Ulmer Molekularbiologin Dr. Claudia Friesen erste Indizien dafür, dass das Opioid D,L-Methadon gegen Leukämiezellen aber auch bestimmte solide Tumorzellen wirken kann. Leukämiezellen in Zellkulturen starben ab, wenn die Forscherin Methadon hinzufügte.

Nun berichtete die Medizinerin gegenüber dem Bayerischen Rundfunk (BR) und der ARD auch über individuelle Behandlungserfolge mit Krebspatienten.

So hatte die Ärztin 80 Betroffene mit zum Teil sehr weit fortgeschrittenen Tumorerkrankungen mit einer Kombination des Chemotherapeutikums Temozolomid und mit Methadon behandelt. Alle hatten nach dem üblichen Wissensstand ursprünglich eine sehr schlechte Prognose mit einer Lebenserwartung bis Mitte 2015 gehabt.

Die Patienten lebten nach der Therapie deutlich länger als ursprünglich prognostiziert war. Viele leben auch heute noch, berichtet der BR und stellt eine Hirntumor-Patientin vor, bei der die Therapie offenbar gut angeschlagen hat.

Bereits vor drei Jahren war die Forscherin dem Wirkmechanismus tiefer auf den Grund gegangen.

"Wir konnten anhand menschlicher Zellen außerhalb des Körpers, aber auch im Tierversuch, nachweisen, was mit beziehungsweise in einer Krebszelle passiert, wenn eine konventionelle Chemotherapie mit der Gabe von D,L-Methadon kombiniert wird", sagte die Leiterin des Molekularbiologischen Forschungslabors am Institut für Rechtsmedizin in einer Stellungnahme der Ulmer Universität.

Gegenseitige Wirkverstärkung

Methadon wird normalerweise zur Therapie Heoinsüchtiger eingesetzt. In Verbindung mit einer Chemotherapie aktiviert Methadon offenbar die auf der Oberfläche von Krebszellen gelegenen Opioidrezeptoren. "Das führt zu einer generell besseren Aufnahme des konventionellen Krebsmedikaments in der Krebszelle", erklärt die Medizinerin.

Krebs: Krebszellen

Auf der Oberfläche bestimmter Krebszellen gibt es mehr Opioid-Rezeptoren als auf gesunden Zellen.

"Zudem konnten wir eine Reduzierung des Herauspumpens des Chemotherapeutikums aus der Krebszelle beobachten. Das Medikament kann im Ergebnis also länger und in höherer Konzentration in der Krebszelle wirken."

Schlüssel-Schloss-Prinzip

Die gegenseitige Wirkverstärkung beruhe zudem darauf, dass überraschenderweise die Chemotherapie die Anzahl der Opioidrezeptoren erhöhe. Dadurch könne mehr Methadon auf der Oberfläche der Krebszelle binden. "Es handelt sich um das bekannte Schlüssel-Schloss-Prinzip", erläutert Dr. Friesen: "Je höher die Anzahl der zueinander passenden Schlüssel und Schlösser ist, umso mehr Türen lassen sich auch öffnen. Dieses Prinzip führt letztlich zum Tod der Krebszelle."

Deutschland Dr. Claudia Friesen

Dr. Claudia Friesen hat das Zusammenwirken der zwei Medikamente entdeckt.

Gesunde Zellen werden deshalb nicht geschädigt, weil diese Zellen so wenig Rezeptoren auf ihrer Oberfläche haben, dass die Signalkaskade des programmierten Zelltodes gar nicht erst ausgelöst werde.

Umgekehrt habe sich gezeigt, dass bei Gabe eines Arzneistoffes, der als Opioid-Antagonist wirkt, das Schlüssel-Schloss-Prinzip nicht mehr greift. "Ein Gegenspieler des D,L-Methadon wirkt wie Kaugummi – er verklebt das Schloss, die Tür lässt sich mit dem Schlüssel nicht mehr öffnen."

Noch kein wissenschaftlicher Beweis

Friesen konnte ihre Forschungen unter anderem dank einer Projektförderung der Deutschen Krebshilfe umsetzen, die sie 2009 erhalten hatte. Die Behandlung der 80 Patienten hat indes noch nicht den Status einer abgeschlossenen klinischen Studie.

Damit gibt es auch noch keinen formalen wissenschaftlichen Beweis für die unterstützende Wirkung von Methadon in der Chemotherapie, der die Bedingungen für eine Arzneimittelzulassung erfüllt.

Auch sind die Erkenntnisse nicht auf andere Krebsarten wie Bauchspeicheldrüsenkrebs oder bestimmte Formen von Brust-, Eierstock- und Prostatakrebs übertragbar, betont Friesen.